Aachen - Ausweg aus dem Teufelskreis der Sucht

Ausweg aus dem Teufelskreis der Sucht

Von: Katrin Fuhrmann
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Sind für Kinder suchtkranker Eltern da: Petra Rachner (rechts) und Marie Gurr. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wenn die zwölfjährige Sarah und ihr 14-jähriger Bruder Tim (Namen von der Redaktion geändert) mittags nach der Schule nach Hause kommen, geht ihr Blick als erstes ins Wohnzimmer. Denn meistens liegt ihre Mutter dort auf der Couch, wenn sie wieder einmal so viel Alkohol getrunken hat, dass sie einfach nur schlafen möchte. Zu essen gibt es dann nichts.

Und auch die Hausaufgaben müssen die beiden Kinder alleine machen. Sarahs und Tims Mutter ist alkoholkrank. In Deutschland sind laut Experten 2,65 Millionen Kinder von der Alkoholsucht ihrer Eltern betroffen. Durch ihre Lebenssituation haben die Kinder häufig mit seelischen Problemen zu kämpfen. Statistisch gesehen greift die Hälfte dieser Kinder auch irgendwann zur Flasche oder zu härteren Drogen. Im Gespräch erzählen die Sozialpädagoginnen Petra Rachner (53) und Marie Gurr (32) von der Suchthilfe Aachen, wie man Kinder suchtkranker Eltern unterstützen kann und wie man ihnen helfen sollte, nicht den Weg der Eltern einzuschlagen.

Deutschlandweit ist jedes sechste Kind von der Alkoholsucht seiner Eltern betroffen. Wie sieht die Situation in Aachen aus?

Rachner: Wir gehen davon aus, dass es in der gesamten Städteregion Aachen zurzeit rund 13 000 Kinder und Jugendliche gibt, die suchtkranke Eltern haben. Allerdings gehen nicht alle Eltern offen mit ihrer Sucht um. Deswegen gibt es eine Dunkelziffer. Manchmal kommen Jugendämter, Schulen und Krankenhäuser auf uns zu, die auf die Situation der Kinder aufmerksam werden. Es gibt mittlerweile aber einige Jugendliche, die im Internet Hilfe suchen und dann zu uns stoßen.

Kommen die betroffenen Kinder alleine zu Ihnen oder in Begleitung ihrer Eltern?

Rachner: Bei uns ist es Pflicht, dass die Kinder ihre Eltern mitbringen. Denn nur so können wir ihnen effektiv helfen. Die Eltern, die dann auch bereit sind, hierher zu kommen, haben meistens schon verstanden, dass sie krank sind, und sie lassen sich parallel therapeutisch behandeln. Das sind in der Regel gute Voraussetzungen, um den Kindern zu helfen. Es gibt aber auch Kinder, die gar nicht mehr bei ihren Eltern wohnen und in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht sind. In diesen Fällen ist es nicht immer möglich, dass Kinder und ihre Eltern zusammen kommen.

Wie sieht Ihre Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen konkret aus?

Gurr: Die Kinder und Jugendlichen sind häufig verunsichert. Ihnen sind meistens schon viele Jahre ihrer Kindheit geraubt worden. Spielerisch und theoretisch versuchen wir den Kindern beizubringen, dass sie nicht schuld an der Sucht ihrer Eltern sind. Wir beginnen meistens mit Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was kann ich gut?“ und „Was ist eine Sucht?“. Die Kinder sind zunächst höchst misstrauisch uns gegenüber. Im Grunde gegenüber der ganzen Welt. Wir müssen bei vielen ganz von vorne anfangen und ihnen erst einmal klarmachen, dass sie selbst wichtig sind und lernen müssen, dass sie nicht für ihre Eltern verantwortlich sind.

Gibt es auch Kinder, denen Sie nicht helfen können?

Gurr: Leider ja. Es kommt immer wieder vor, dass Kinder schon so beeinträchtigt wurden‚ dass wir da mit unserer Arbeit nicht mehr viel erreichen können. An dieser Stelle hilft meist nur noch eine Therapie. Wenn Kinder sich bedroht fühlen, entwickeln sie Schutzmechanismen. Sie ziehen sich zurück und wollen alleine sein. Zudem sind sie oftmals traurig, unsicher, depressiv und teilweise auch streitsüchtig, weil sie ihrem Ärger über die desolate Situation zu Hause Luft machen wollen. Viele Kinder haben eine Beziehungs- und Bindungsstörung. Meistens können wir im Laufe der Zeit einen positiven Prozess anstoßen. Aber leider nicht immer.

Mit Ihrem Projekt „Feuervogel“, das es nun schon seit fast sechs Jahren gibt, wollen Sie Kinder suchtkranker Eltern unterstützen. Wie sieht das Projekt aus?

Rachner: Die Kinder können zunächst oft keine Nähe aushalten, weil sie es von zu Hause nicht kennen. In drei Gruppen mit jeweils sechs Kindern treffen wir uns einmal in der Woche für zwei Stunden. Zudem gibt es bei uns einen festen Ablauf, damit die Kinder lernen, was es heißt, Verbindlichkeiten einzugehen. Für alle Kinder ist es eine enorme Erleichterung, wenn sie feststellen: Sie sind mit ihrem Problem nicht allein. Die Gruppenphase dauert maximal zwei Jahre. Wir stellen aber immer wieder fest, dass die Kinder auch danach noch regelmäßig Kontakt zu uns und den anderen Kindern suchen, da ihnen der Austausch in den Gruppen sehr wichtig ist. Wenn die Kinder sich von ihren Problemen erzählen, erkennen sie, dass die Probleme meistens die Gleichen sind. Ganz wichtig ist uns auch, dass die Kinder sich selbst lieben lernen und ihnen bewusst wird, dass sie nicht alleine sind.

Das hört sich nach viel Arbeit an. Gibt’s denn trotzdem etwas zu lachen?

Rachner: Natürlich, wir haben sehr viel Spaß miteinander. Nicht alles, was die Kinder tagtäglich erleben, ist schwer. Und gemeinsames Lachen ist immer eine gute Medizin. Wir merken, wenn Kinder regelmäßig und länger zu uns kommen, wie sie sich entwickeln und wie sie Stück für Stück lernen, dass sie nicht Schuld sind an der Lebenssituation ihrer Eltern. Wir unternehmen auch viel mit den Kindern. Ob Konzerte, Besuche im Kino oder Schlittschuhlaufen – wir versuchen den Kindern zu zeigen, was das Leben alles zu bieten hat.

Was ist das Wichtigste im Umgang mit Kindern, deren Eltern suchtkrank sind?

Gurr: Das ist ganz einfach und in wenigen Worten zusammenzufassen: Klarheit, Stabilität, Verbindlichkeit, Respekt, Zuneigung, Liebe und Aufrichtigkeit.

Geht es den Kindern nach dem Projekt besser?

Gurr: Wir können mit unserer Arbeit wirklich etwas bewirken. Es gibt viele Kinder, die sich in der Schule verbessern, die selbstbewusster sind und wieder Freude am Leben haben. Wenn sie realisieren, dass sie nicht für ihre Eltern verantwortlich sind und ruhig ihr eigenes Leben leben dürfen, haben sie es geschafft.

Leisten Sie auch Hilfe für die Eltern?

Gurr: Natürlich! Aber in erster Linie fühlen wir uns den Kindern verpflichtet. Unsere Arbeit basiert aber auch auf der Zusammenarbeit mit den Eltern. In der Zusammenarbeit merken wir immer wieder, dass sie gute Eltern sein wollen – und das trotz ihrer Sucht. Dennoch fällt es vielen schwer zu handeln und etwas an ihrer Situation zu ändern. Gemeinsam mit den Eltern entwickeln wir ihre Erziehungskompetenzen und schärfen so die Elternrolle. Es geht bei uns nicht um Schuld und Moral, sondern um Gefühle und Haltungen.

Wie sieht die Situation alkoholkranker Menschen in Deutschland generell aus?

Rachner: Alkoholsucht ist noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Das muss sich ändern. Vor allem, wenn man sich anschaut, wie viele Menschen direkt oder indirekt von einer Alkoholkrankheit betroffen sind. Wir erleben hier tagtäglich Situationen, die uns bewusst machen, wie ernst die Lage ist. Viele Suchtkranke schämen sich für das, was sie tun. Die größte Angst der Betroffenen ist, dass jemand erkennt, dass sie krank sind.

Greifen Kinder, deren Eltern suchtkrank sind, denn auch häufig zur Flasche?

Gurr: Etwa die Hälfte aller Kinder wird statistisch gesehen selbst einmal alkoholkrank oder psychisch krank. Das Problem ist, dass Kinder trotz der Sucht ihre Eltern als Vorbild sehen. Das ist bei Kindern ganz normal, denn sie lernen immer am Vorbild. Wir versuchen den Kindern aufzuzeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt, mit Problemen umzugehen.

Welche Menschen sind von Alkoholsucht betroffen?

Gurr: Alkoholsucht ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es ist keinesfalls so, dass wir nur Kinder aus ärmeren Verhältnissen betreuen. Wir betreuen Familien aus allen gesellschaftlichen Schichten. Wir sind uns sicher, dass viele Menschen Verdachtsmomente erleben, aber nicht wissen wie sie sich verhalten sollen, weil sie sich nicht einmischen wollen, jemandem kein Unrecht tun wollen – oder sie chlicht nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Rachner: Eine Gesellschaft, in der offener mit Sucht umgegangen wird und in der die Menschen lernen, aufmerksamer auf ihr Umfeld zu achten. Außerdem wünsche ich mir, dass die Zahl der Kinder, die von der Alkoholsucht der Eltern betroffen sind, durch Präventionsarbeit in den kommenden Jahren sinkt.

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