Aachen - Ausbildungsbackstube: Durch Rechtsstreit am Rande des Ruins

Ausbildungsbackstube: Durch Rechtsstreit am Rande des Ruins

Von: Carolin Cremer-Kruff und Oliver Schmetz
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Gezeichnet von einem jahrelangen Rechtsstreit: der bekannte Aachener Konditormeister Udo Petersohn. Es geht vor allem um die Frage, wer für Baumängel an der Ausbildungsbackstube verantwortlich ist, die Petersohn in Auftrag gegeben hatte. Foto: Andreas Steindl
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Stein des Anstoßes: die Eisen im Beton wurden laut Petersohn unsachgemäß eingebaut, dadurch sei die Statik gefährdet des Gebäudes gefährdet.
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Caféhaus in Richterich: Der Produktionsbetrieb bei Konditor Udo Petersohn steht auf Sparflamme. Der Mann steht vor dem Ruin.

Aachen. Der graue Ringordner liegt wie ein stiller Zeuge mitten auf dem Tisch vor der Verkaufstheke. Udo Petersohn öffnet ihn. Während er erzählt, lässt er die Ränder der unzähligen Schriftstücke, die darin eingeheftet wurden, an seinem linken Daumen entlanggleiten.

Briefe, Gutachten, Bauüberwachungsprotokolle, Anwaltsschreiben, Bauzeichnungen aus fast vier Jahren. Petersohn schließt den Ordner wieder und sagt mit fester Stimme: „Ich werde kämpfen bis aufs Messer.“

Der bekannte Aachener Konditormeister, der sich mit seinen zwei Filialen des Wiener Caféhauses in Laurensberg und Richterich einen Namen gemacht hat, ist in Rage. Denn eigentlich wollte er doch nur Gutes tun. Am 24. Januar 2011 war die Welt noch in Ordnung: An diesem Wintermorgen flatterte die Baugenehmigung für seine neue Ausbildungsbackstube in Richterich ins Haus, die er aus eigener Tasche ohne öffentliche Zuschüsse mit 320.000 Euro errichten wollte.

Doch es kam alles anders: Statt acht Auszubildende beschäftigt Petersohn aktuell nur zwei. Von ursprünglich 35 Mitarbeitern sind nur er selbst, sein Sohn Sven und ein weiterer Mitarbeiter übriggeblieben. Der Produktionsbetrieb steht auf Sparflamme. Der Mann steht vor dem Ruin.

Der Weg in die Öffentlichkeit

Was ist passiert? Bereits am 16. Juni 2011 kündigte Petersohn der Baufirma den Bauauftrag wegen mehrfacher Terminverzögerungen und beauftragte ein anderes Unternehmen mit der Fertigstellung der Backstube. Daraufhin reichte die gekündigte Baufirma Klage ein – sie bestand auf eine Zahlung von 83 705,93 Euro. In der ersten Instanz hatte die Klage Erfolg, und der Baufirma wurden 50 868,21 Euro zugesprochen, zweitinstanzlich wurde das Urteil jedoch aufgehoben und an das Landgericht Aachen zurückverwiesen mit der Auflage einer fundierten Beweiserhebung.

Zwischenzeitlich meldete laut Petersohn ein ehemaliger Mitarbeiter des Bauunternehmens dem Bausachverständigen, dass an elf Stellen des Neubaus gravierende Baumängel in der Statik vorlägen. Hat der Geschäftsführer der Baufirma davon gewusst?

Die Mängel seien jedenfalls durch den verantwortlichen Prüfstatiker dokumentiert und schriftlich beanstandet worden, erzählt Petersohn. Für den Konditormeister hieß es damals: schnell handeln! Zunächst ließ er überall im Neubau auf eigene Kosten Schwerlaststützen errichten, da ansonsten Gefahr für Leib und Leben bestanden hätte, wie er sagt. Damit konnte der Betrieb zumindest eingeschränkt weitergehen. Dennoch muss Petersohn alle sechs Monate von der unteren Bauaufsichtsbehörde der Stadt Aachen eine „Gestattung zur Nutzung der Räumlichkeiten“ beantragen. Ein Termin für eine Ortsbegehung, bei der die Mängel durch den vom Gericht beauftragten Bausachverständigen in Augenschein genommen werden, kam bis dato nicht zustande. Und so wählte Petersohn den Weg der Öffentlichkeit. Im Januar 2014 ließ er auf eigene Kosten in Anwesenheit eines Fernsehteams und des Statikers Wolf Schleth-Tams die Unterzüge öffnen. Dabei konnten laut seiner Aussage die monierten Mängel eindeutig belegt werden.

Der verantwortliche Richter erkannte diesen Beweis jedoch nicht an. Der Grund: keine offizielle Beweisführung. Diese hätte in Fremdleistung erfolgen müssen, wofür Udo Petersohn und seine Familie 15.000 Euro als Vorschuss hätten hinterlegen müssen. Doch der jahrelange Zivilrechtsstreit zwischen Petersohn und dem Bauunternehmen hatte zu dem Zeitpunkt bereits genug Kosten gefressen. Die Schadenssumme beläuft sich laut Petersohn mittlerweile auf 227.000 Euro. Die finanziellen Mittel des Konditormeisters sind erschöpft, der Prozess zehrt an den Nerven beider Parteien.

Ein erneuter Gerichtstermin am Landgericht Aachen brachte kürzlich wieder kein Ergebnis. Vor der 7. Zivilkammer unter dem Vorsitz von Dr. Karl Klöpper wurde nicht wie erwartet über die eventuell vorliegende Mangelhaftigkeit des Neubaus verhandelt, sondern lediglich über Schäden der Zufahrt zu dem Baugrundstück, die im Zuge der Aushubarbeiten durch Lkw entstanden sein sollen. Denn hier besteht noch eine Gegenforderung der beklagten Seite in Höhe von rund 4000 Euro. Fünf geladene Zeugen, unter denen sich auch Udo Petersohn selbst befand – die Klage richtet sich formal gegen seine Frau –, konnten hierzu keine eindeutigen Antworten liefern.

Gericht: eigenmächtig gehandelt

Als der Anwalt der Petersohns, Markus Cosler, mit einer Fotodokumentation die Mangelhaftigkeit des Gebäudes beweisen wollte, wurde dies als nicht ausreichend erachtet. Ein großer Stolperstein ist – und das ließ der Richter deutlich durchblicken –, dass Petersohn seinerzeit eigenmächtig Stellen im Gebäude öffnen ließ, um Baumängel zu beweisen. Denn eigentlich hätte die Untersuchung durch den offiziell bestimmten Bausachverständigen vorgenommen werden müssen. Doch die dafür verlangte Sicherheit von 15.000 Euro konnte Petersohn nicht hinterlegen. Nach eigenem Bekunden hatte er das Geld schlicht nicht. Lediglich 5000 Euro habe er hinterlegt.

Ob der Sachverständige nun doch noch die bereits geöffneten Wände vor Ort begutachtet, ist völlig offen. Vor Gericht erklärte er, er könne sicher feststellen, ob dort nachträglich manipuliert worden sei – und dass der Ortstermin wohl bloß eine Sache von zwei bis drei Stunden wäre. Die Entscheidung darüber liegt nun beim Gericht, am 12. Mai soll sie verkündet werden.

Für Petersohn eine weitere Warteschleife. Er verließ nach der gut zweistündigen Verhandlung wutentbrannt den Gerichtssaal, sieht sich als Opfer in dem Bauprozess. „Die wollen mich ausbluten lassen“, ist er überzeugt. Die Klägerseite sieht das anders. „Unabhängig davon, wie die Beweisführung ausfällt, wartet die Firma bis heute auf ein Drittel ihres Werklohns – immerhin mehr als 80.000 Euro, was für ein kleines Bauunternehmen sehr viel Geld ist“, erklärt Thomas Hagelskamp, der Anwalt der Baufirma. Für ihn ist noch lange nichts bewiesen: „Frau Petersohn ist schlichtweg von dem Weg abgewichen, der vom Gericht in puncto Beweisführung vorgegeben wurde.“ Dass der bald vier Jahre währende Rechtsstreit sich ungewöhnlich lange hinzieht, kann der Anwalt der klagenden Partei ebenfalls nicht bestätigen. „Für einen Bauprozess ist die Laufzeit absolut im Rahmen, da die Beweisaufnahme naturgemäß viel Zeit in Anspruch nimmt.“

Neben dem Zivilverfahren hat in der Sache mittlerweile auch ein Strafverfahren Fahrt aufgenommen. Petersohn hatte am 3. Januar 2014 Strafanzeige gegen den Geschäftsführer der Baufirma gestellt, weil – so seine Aussage – „bei den Bauausführungen entgegen den Vorgaben des Statikers bewusst und mit Vorsatz zu wenige und falsch eingezogene Stahlmatten zum Einsatz kamen“. Und vor kurzem hat die Aachener Staatsanwaltschaft nach mehr als einjährigen Ermittlungen gegen den Mann Anklage erhoben. „Es besteht hinreichender Tatverdacht wegen Betruges in einem besonders schweren Fall“, bestätigt Dr. Jost Schützeberg, Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. Die Ermittler gingen davon aus, dass dem Bauherren Petersohn „ein Schaden von etwas über 90.000 Euro zugefügt“ worden sei.

In Kürze wird das Amtsgericht Aachen entscheiden, ob der Prozess eröffnet wird. Ein Streitfall und möglicherweise bald zwei Prozesse: Wie und wann der Fall ad acta gelegt wird? Das weiß wahrscheinlich nur Justitia.

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