Aachen - Aufträge für die Region: Dafür zahlt das US-Verteidigungsministerium

Aufträge für die Region: Dafür zahlt das US-Verteidigungsministerium

Von: Thorsten Karbach, Lukas Weinberger und Jan Mönch
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Steht für die US-amerikanische imperiale Weltpolitik und militärische Stärke: Das Pentagon ist Sitz des US-Verteidigungsministeriums. Von dort kommen immer wieder Aufträge in die Region. Foto: dpa

Aachen. Es ist keine einfache Geschichte. Das US-Verteidigungsministerium beziehungsweise das Pentagon ist kein Auftraggeber, mit dem Forschungseinrichtungen und Firmen in Deutschland hausieren gehen, auch wenn es mit Millioneninvestitionen ein unübersehbarer Wirtschaftsfaktor ist – auch für Unternehmen aus der Region.

Die Diskussion um Rüstungsforschung – insbesondere für die USA – wurde in den letzten Monaten bisweilen mit großer Hysterie geführt. Nun ist das Thema wieder auf der Tagesordnung, weil bekannt wurde, dass die Bundesregierung die Ausgaben für die Rüstungsforschung an Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat. Seit 2010 habe das Bundesverteidigungsministerium mehr als 700 öffentliche Forschungsaufträge mit einem Volumen von etwa 392 Millionen Euro erteilt, heißt es nun. Und dafür gibt es Kritik.

Es ist wie ein gesellschaftlicher Reflex: Für Investitionen in Rüstung gibt es keine Sympathiepunkte, wer als Auftraggeber ein Verteidigungsministerium hat, der spricht nicht oder ungern darüber. Vor allem das Pentagon steht in der Gesellschaft für Macht und Krieg statt für ein Gebäude mit einem Ministerium. „Man verbindet damit vielmehr die militärische Stärke der USA, eine imperiale amerikanische Weltpolitik, und natürlich Rüstungsforschung“, sagt Professor Emanuel Richter vom Institut für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen.

Das große Schweigen

Deswegen schweigen Sanitärfachbetriebe aus der Aachener Umgebung, wenn sie für US-Einrichtungen in Deutschland arbeiten oder Gebäudereiniger aus der Region, wenn sie Nato-Kasernen sauber halten, auch wenn dies von der US-Regierung im Internet ganz selbstverständlich veröffentlicht wird. Auftragnehmer, Auftragsvolumen, Zeitraum, Aufgabe. Alles ist aufgeführt. Und so steht dort auch, dass zwischen 2000 und 2013 Aufträge seitens der US-Regierung – die Vielzahl davon durch das Verteidigungsministerium – in einem Volumen von rund 8,2 Millionen US-Dollar an Firmen aus der Region erteilt wurden. Wobei mehr als fünf Millionen Dollar am Ende auf deutsche Dependancen von US-Unternehmen wie Kidde Fire Trainers in Aachen oder Cardinal Health in Baesweiler entfallen.

Insgesamt sind 246 Aufträge verbrieft, die meisten – es sind 79 –wurden in Heinsberg erteilt. Dort für eine Gesamtsumme von 490.270 Dollar. Es folgt Aachen mit 64 Aufträgen im Wert von 3,7 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Nach Osnabrück gingen 2,65 Millionen Dollar, nach Krefeld rund 10 Millionen Dollar, nach Dortmund 50,8 Millionen Dollar und nach Koblenz im gleichen Zeitraum Aufträge über 1,77 Milliarden Dollar – dort vor allem an Ämter, die für Wohnraum rund um Kasernen sorgten.

Diese Transparenz ist beeindruckend. Erst recht, wenn sie mit der Debatte um die Transparenz von Forschungsaufträgen aus der Industrie an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen verglichen wird. In den USA ist sie ganz selbstverständlich. Für deutsche Verhältnisse Neuland. Wo früher Gardinen zugezogen wurden, sollen jetzt Einträge im Internet verhindert werden. Geschwiegen wird an dieser Stelle ohnehin. Anfragen zu den angeführten Aufträgen für das US-Verteidigungsministerium laufen ins Leere, bleiben unbeantwortet oder werden abgewiesen. „Pentagon steht in einer nicht korrekten Assoziation auch für eine vom amerikanischen Staat betriebene weltweite Kontrolle, Überwachung und Einmischung“, sagt Emanuel Richter.

Deswegen schweigen Hochschulen wie Firmen an dieser Stelle lieber.

Die Nasa klingt besser

Über Aufträge, die aus anderen Richtungen kommen, lässt es sich einfacher sprechen – zumindest von dem, was nicht mit „streng geheim“ überschrieben ist. Da ist zum Beispiel die Aachener Klocke Nanotechnik GmbH auf den Seiten der US-Regierung gelistet, die aber eben nicht für das Pentagon, sondern für die Nasa gearbeitet hat. „Der Nasa haben wir ein System mit vier Nanorobotik-Manipulatoren verkauft, welche mit einem Nanometer Bewegungsauflösung automatisierbar auf zwei mal zwei mal einen Zentimeter Volumen arbeiten können“, berichtet Volker Klocke. Und ja, die Nasa ist wie auch die Lawrence Livermore Laboratories (beschäftigt sich mit Energiefragen) ein Kunde der Klocke Nanotechnik GmbH. Ein klangvoller, denn Nasa steht für Fortschritt und Aufbruch, für Raumfahrt und Mondlandung. Das Pentagon eben für ganz anderes...

Es geht um Instandsetzung

Dabei sind es in der Regel auch von dort ganz normale Geschichten von Aufträgen, wie sie eigentlich fast täglich bei den Firmen eingehen: Es werden Hochleistungsdrucker verliehen und Autos vermietet. Es geht um neue Böden und Kücheneinrichtungen. Auch um Särge wie im Fall von Rudi Dohmen aus Heinsberg. Sven Calsbach hat mit seiner Beratungsfirma, damals noch in Aachen in der Jakob-straße ansässig, Seminare zum Qualitätsmanagement in den Logistikzentren der US-Armee gegeben. So etwas macht er sonst für den TÜV. Es geht um die Instandsetzung von Fahrzeugen. Nicht um mehr, nicht um weniger.

Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich leiteten Pannels, also Vortragsreihen, bei einer Konferenz zu magnetische Nanostrukturen. Das machen sie regelmäßig. Ist das ein Grund zur Aufregung? Wohl kaum. Das Aachener Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT erhielt 2005 vom US-Verteidigungsministerium 20.000 Dollar.

Dabei ging es noch nicht einmal um Lasertechnik. Vielmehr fand 2005 in Aachen die Konferenz „Emslibs“ statt, ein Symposium bei der sich Fachleute aus aller Welt mit messtechnischen Verfahren zur Materialanalyse auseinandersetzten, einer Technik, die beispielsweise im Recycling oder beim Bau von Ölbohrplattformen hohe Bedeutung hat.

Die 20.000 Dollar sorgten dabei für den angesprochenen internationalen Charakter: Im Rahmen eines Nato-Programmes wurde so die Teilnahme osteuropäische Studenten an der Konferenz ermöglicht, die sich diese sonst nicht hätten leisten können. Das US-Verteidigungsministerium sorgte an dieser Stelle alleine für die Überweisung im Rahmen des Nato-Programmes.

Drohnen und Waffensysteme

Eigentlich eine gute Sache, aber auch hier wird mit großer Zurückhaltung kommuniziert. Pentagon klingt eben nach Drohnen und neuen Waffensystemen und nicht nach Austauschprogramm. Die Auftragnehmer sehen sich in der Öffentlichkeit schnell in die Defensive gedrängt, auch wenn Rüstungsfragen nur einen Teil der Investitionen in Forschung und Industrien des Pentagons ausmachen und es auch um Grundlagenforschung (etwa Hirnforschung) oder eben Gottesdienste in den Kasernen geht. Doch es gibt eben auch die Entwicklungen neue Drohnen – und deswegen wird weiter geschwiegen.

Diese Symbolik des Pentagons ist übermächtig.

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