Aufbruch von der Spätantike ins europäische Mittelalter

Von: Werner Czempas
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Aachen. Was hat Karl der Große mit dem Propheten am Hut? Und was Europa mit dem Islam? „Mohammed und Karl der Große – gestern und heute“ hieß das Thema, zu dem der Universitätsprofessor i. R. Max Kerner Fragen stellte und Antworten suchte.

Im Rahmenprogramm zur Karlspreisverleihung genossen im Krönungssaal des Rathauses begeisterte Zuhörer eine furiose Performance des Aachener Historikers.

Den Mittelalter-Erforscher und Karls-Experten Max Kerner zu hören, ist ein Erlebnis der besonderen Art. Man muss ihn sehen, wenn er Geschichte zelebriert. Dem Zuhörer verlangt das Hör- und Schauspiel höchste Konzentration ab, entschädigt ihn aber mit grenzenlosem Vergnügen.

Mohammed und Karl der Große: „der eine, der Prophet Allahs, der im frühen 7. Jahrhundert die Stämme Arabiens in der Einheit einer religiösen Idee zusammenschloss, eine Idee, die dem Islam eine beispiellose Stoßkraft verlieh und in einer umfassenden Eroberung des Mittelmeerraums einmündete“. Der andere, Karl der Große, „der mittelalterliche Baumeister Europas, der um 800 nicht nur einem ganzen Zeitalter Gestalt und Namen gab, sondern auch Europa zum ersten Mal politisch wie kulturell Wirklichkeit werden ließ“ – ja, was haben diese zwei weltgeschichtlichen Figuren miteinander zu tun?

Kerner setzt ein beim 1935 gestorbenen belgischen Mittelalterforscher Henri Pirenne und dessen „bedeutender wissenschaftlicher Antwort“: Nicht die germanische Völkerwanderung der Goten, Wandalen oder Franken war der entscheidende Umbruch von der Spätantike in das europäische Mittelalter, sondern das Vordringen des Islams im 7. und 8. Jahrhundert von der arabischen Halbinsel über Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika bis nach Spanien. Dieses Vordringen löste die antike Mittelmeereinheit des Römischen Reiches auf, schied Orient und Okzident voneinander. Es brachte dem europäischen Nordwesten sehr bald das politische Übergewicht über den bisher mediterranen Bereich des römischen Imperiums.

Wie also kam der Islam nach Europa, wie zeigte er sich im muslimischen Spanien und im Islambild des Mittealters, wie stellt er sich heute in Europa dar? Professor Kerner startete bei der Schlacht von Córdoba („an der Geschichte von Karl als dem antimuslimischen Heros stimmt historisch nichts, es war eine schwere Niederlage“) und landete bei der „IS und den neuen Religionskriegen, einem Krebsgeschwür unserer Zeit“, spurtete zurück nach Europas arabischem Erbe, träumte mit den „Traum von al-Andalus“ und schilderte die Phasen der islamischen Herrschaft in Spanien vom 8. bis zum 15. Jahrhundert, hetzte von den maurischen Stadtgründungen Madrid und Toledo zu den Großbauwerken Giralda in Sevilla, Generalife in Granada, Mezquita in Córdoba, nannte die Reconquista „Leitmotiv der Geschichte Spaniens“, deutete eine neue Reconquista, die heute die maurische Vergangenheit des Weltkulturerbes in den Hintergrund drängen wolle, interpretierte Philosophen jede Menge und landete schließlich beim Nikolaus von Kues, der schon 1453 in seinem Werk „Vom Frieden zwischen den Religionen“ die Idee einer Ökumene predigte, und beim mallorquinischen Missionar und Philosophen Ramon Llull (1232 – 1316), der eine Brücke zwischen den Kulturen predigte: „Sprecht miteinander!“

Dem Zuhörer mochte ob der Fülle an Ereignissen, Namen und Philosophien schon schwindlig werden. Wie Llull als früher Prediger der Toleranz zog auch Max Kerner das Fazit seiner Schlussbetrachtung zu „Islam und Europa heute“, erneut vom „Projekt Weltethos“ des Hans Küng moderne Philosophen und Werke aufzählend, indem er forderte, ein „engagiertes und offenes Europa“ zu schaffen, das jedoch basierend auf einem europäischen Selbstbewusstsein durch eine „aufgeklärte Erinnerung an die alteuropäischen Grundlagen“ und der „Bereitschaft zur Öffnung - eine der tiefgründigsten kulturellen Eigenschaften Europas“. Der Professor zitierte die Kanzlerin: „Europa ist der Kontinent der Toleranz.“ Dem Professor dankte langer Beifall.

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