Aachen - Auf Gut Hebscheid wird Inklusion gelebt

Auf Gut Hebscheid wird Inklusion gelebt

Von: Svenja Pesch
Letzte Aktualisierung:
14806572.jpg
Wünscht sich eine flächendeckende Inklusion: Biologin und Gärtnermeisterin Barbara Plessmann. Auf Gut Hebscheid von Via Integration ist dieser Wunsch bereits Realität. Foto: Andreas Steindl
14806575.jpg
Wünscht sich eine flächendeckende Inklusion: Sozialpädagogin Nadia Lalee. Auf Gut Hebscheid von Via Integration ist dieser Wunsch bereits Realität. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Auf dem 14 Hektar großen Land Gut Hebscheid baut die Via Integration gGmbH nicht nur Obst und Gemüse in ökologischer Landwirtschaft an. Die Institution ist gleichzeitig ein Integrationsunternehmen, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam in verschiedenen Bereichen arbeiten sowie eine anerkannte Ausbildungen machen können.

Im Interview erzählen die Sozialpädagogin Nadia Lalee und die Gärtnermeisterin und Biologin Barbara Plessmann von ihrem Arbeitsalltag.

 

Was genau ist die Via Integration GmbH?

Nadia Lalee: Die Via Integration gGmbH ist das einzige Integrationsunternehmen in der Städteregion Aachen, bei dem Menschen mit und ohne seelische Beeinträchtigung Hand in Hand zusammenarbeiten. Unser Handeln und Wirtschaften richten wir nach der Maxime „ökologisch und sozial“.

Barbara Plessmann: Die Via Integration gGmbH arbeitet eng mit psychosozialen Einrichtungen, regionalen Förderschulen, Berufsschulen, Kammern, Bildungsträgern und örtlichen Versorgungsstrukturen zusammen. Durch die Kooperationen entstehen jedes Jahr reale Beschäftigungs- und Ausbildungsangebote für Menschen mit und ohne seelische Beeinträchtigungen.

Welche Arbeitsbereiche gibt es im Konkreten?

Lalee: Es gibt vier große Bereiche, das ist zum einen die Biogärtnerei, beziehungsweise die ökologische Abteilung, unsere Gastronomie, Vermarktung und Lieferservice sowie Sozialdienstleistungen.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten derzeit bei Via?

Plessmann: Zurzeit sind hier 70 Menschen fest beschäftigt, darunter 13 Auszubildende und noch mal 25 Aushilfen. Unserer Auszubildenden lernen hier Berufe wie Koch, Veranstaltungskaufmann, Gärtner, Verkäufer, Hauswirtschaftler oder Bürokaufmann. Meistens arbeiten wir in Teams mit einer Größe von vier bis sechs Leuten. Die größte Gruppe bildet unser Gastronomiebereich, denn durch die vielen Events hier auf dem Hof, aber auch außerhalb, benötigen wir dort einige Mitarbeiter und Aushilfen. Wir versorgen beispielsweise das Theater Aachen mit Speisen, haben eine kleine Gastronomie im Ludwig Forum oder auch seit kurzem den Klömpchensklub im Tivoli.

Wie gestaltet sich der Arbeitsalltag mit Menschen, die eine psychische oder physische Behinderung haben?

Lalee: Also grundsätzlich kann sich jeder bei uns bewerben, egal ob mit oder ohne Behinderung. Viele unserer Mitarbeiter mit Behinderung haben oftmals schon einen langen Weg hinter sich. Sie haben teils mit Depressionen, Autismus, Angststörungen, Lernbehinderungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen zu tun. Deshalb sind im Arbeitsalltag vor allem Struktur und Transparenz wichtig.

Plessmann: Wir arbeiten gemeinsam im Team und nehmen die Bedürfnisse jedes Einzelnen sehr ernst. In puncto Strukturen sind Dinge wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder das Abmelden im Krankheitsfall Voraussetzung. Das müssen einige Mitarbeiter erst wieder lernen. Überhaupt ist uns Disziplin sehr wichtig.

Welche Probleme treten im Arbeitsalltag auf?

Plessmann: Da hier völlig unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen ist es klar, dass es auch mal Ärger gibt. Dann wird offen darüber gesprochen und die Arbeit geht weiter. Allerdings muss ein gewisses Maß an Arbeitsfähigkeit einfach vorhanden sein, sonst geht es leider nicht.

Ein Ziel von Via ist es, Menschen rasch wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang Teilhabe an der Arbeit?

Lalee: Das ist unglaublich wichtig. Oftmals wurden Menschen mit Beeinträchtigung falsch beraten, sie haben eine abgebrochene Ausbildung und haben dadurch kaum Selbstbewusstsein. Diese Menschen brauchen besondere Unterstützung. Allerdings sind auch wir ein wirtschaftliches Unternehmen, welches zu 20 Prozent subventioniert wird und somit einen realen Arbeitsmarkt darstellt. Unsere Prüfungen am Ende der Ausbildung werden ganz normal von der IHK oder anderen Institutionen abgenommen.

Plessmann: Wir merken, dass Arbeit die Menschen wieder aufblühen lässt. Sie fühlen sich gebraucht und eine Tagesstruktur gibt ihnen Halt und neuen Auftrieb. Das führt dazu, dass sie sich mehr zutrauen. Es ist immer schön zu sehen, wie sehr sie sich am Ende des Monats über ihre Lohnabrechnung freuen. Durch die Arbeit kehrt auch ihr Selbstbewusstsein zurück.

Und wie stehen die Chancen nach einer abgeschlossenen Ausbildung bei Via?

Plessmann: Sehr gut. Gärtner werden beispielsweise gesucht und auch in den anderen Berufsfeldern gibt es freie Stellen. Meistens dauert es auch gar nicht lange, bis sie einen festen Job gefunden haben. Das freut uns natürlich sehr und zeigt, dass es auch für Menschen mit Behinderung absolut machbar ist, einem normalen und geregeltem Berufsalltag nachzugehen.

Trotz des Positivbeispiels scheuen viele Firmen und Unternehmen davor zurück, Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben. Woran kann das Ihrer Meinung nach liegen?

Lalee: Persönlich bin ich der Auffassung, dass da eine große Unsicherheit existiert. Viele Unternehmen haben Barrieren in den Köpfen und wissen nicht, wie sie mit psychisch Erkrankten umgehen sollen. Oftmals ist das Ganze auch ein großer bürokratischer Akt für den Arbeitgeber. Davor scheuen viele zurück.

Plessmann: Hinzukommt auch, dass man einem Menschen im Rollstuhl ansieht, dass er eine Beeinträchtigung hat, einem psychisch kranken Menschen sieht man das eben nicht an. Ich plädiere deshalb für eine Sozialarbeiterin, die in den Unternehmen vor Ort ist, aufklärt und helfend zur Seite steht.

Wie kann das in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz da hilfreich sein?

Lalee: Ich hoffe, dass dadurch mehr Firmen ihre Hemmschwellen abbauen und dass es in Zukunft wirklich ganz normal ist, dass in einem Unternehmen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten.

Und was bedeutet Inklusion für sie persönlich?

Lalee: Unsere Zukunft ist inklusiv. Noch ist vieles in diesem Bereich recht umständlich. Inklusion heißt für mich auch, dass jeder aus seinen Potenzialen schöpft und alle davon profitieren Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung untereinander und für die Mitarbeiter sind essenzielle Dinge, die eine gelungene Inklusion ausmachen.

Plessmann: Mir gefällt bei uns, dass es gar nicht auffällt, wer eine Behinderung hat oder nicht. Und das wünsche ich mir flächendeckend, dass alle gemeinsam arbeiten und jeder das macht, was er am besten kann.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert