Auf besondere Weise ist das ganze Jahr Bescherung

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Sie ist so etwas wie der gute Geist rund um die Adalbertskirche und in der Kleiderkammer: Schwester Gudrun. Foto: Andreas Steindl
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Sie ist so etwas wie der gute Geist rund um die Adalbertskirche und in der Kleiderkammer: Schwester Gudrun. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Weihnachten gibt es für sie nur ein Geschenk: Jesu Geburt. Doch den Armen und Hilfesuchenden schenkt Schwester Gudrun jedes Mal etwas, wenn sie zu ihr in die Beratung auf den Berg des Adalbertstifts kommen.

Dort hat die Franziskanerin und Gemeindeschwester seit über 20 Jahren ihr Büro mit einer kleinen Kleiderkammer. Trotz der Not, die ihr fast täglich begegnet, hat sie die Zuversicht und Hoffnung und auch den Humor nicht verloren.

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Schwester Gudrun: An Weihnachten feiern wir die Geburt Christi – etwas ganz Neues kommt auf die Welt. In diese schlimme Welt kommt Gott und fängt etwas Neues an. Das ist für mich ein großes Zeichen der Hoffnung.

Trotz aller Schwierigkeiten – Kriege, Fluchtbewegungen, Klimaveränderungen –, mit denen sich die Welt gerade befassen muss?

Schwester Gudrun: Gerade deswegen. Gott verwirft die Welt nicht einfach und denkt sich, mit denen hat es ohnehin keinen Zweck. Das imponiert mir so, dass Gott eben nicht Nein sagt, sondern Ja. Er lässt sich sogar so drauf ein, dass er selbst in dieser Welt leben will. Dabei hat er sich ja nicht nur Schönes ausgesucht.

Empfinden Sie das so?

Schwester Gudrun: Die Welt ist sehr schön, aber es gibt eben auch viel Schlimmes. Die Kriege zum Beispiel und die Armut. Dass Manche fast nichts haben. Und dass Manche, die viel haben, das gar nicht zur Kenntnis nehmen. Es gibt – Gott sei Dank – auch Reiche, die viel abgeben. Aber ich glaube, das ist nur ein kleiner Teil.

Wie verbringen Sie denn Weihnachten?

Schwester Gudrun: Das ist ein Familienfest im Kloster. Niemand fährt weg. Es ist ein Freudenfest, das wir in der Gemeinschaft im Konvent am Lindenplatz zusammen mit dem Seniorenkonvent begehen. Wir beten ja ohnehin drei Mal am Tag das Stundengebet. Aber Weihnachten ist alles noch viel feierlicher. Es wird mehr gesungen, es brennen mehr Kerzen. Natürlich gibt es etwas Gutes zu essen. Geschenke gibt es nicht außer dem Einen: Jesu Geburt. Und wir arbeiten nur das, was nötig ist. Viele meiner Mitschwestern sind ja schon sehr alt, aber fast jede hat noch eine Aufgabe.

Was bedeutet Weihnachten im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit?

Schwester Gudrun: Hier ist eigentlich immer Weihnachten. Hier wird immer etwas verschenkt .

Können Sie ihre Weihnachtshoffnung denn mit den Besuchern teilen?

Schwester Gudrun: Ich denke schon. Allein, dass sie hier angehört werden, dass jemand freundlich zu ihnen ist, trägt die Hoffnung weiter. Ich lade sie nach dem Gespräch immer noch ein, in unserer kleinen Kleiderkammer zu stöbern. Da können sie sich dann etwas aussuchen. Seit neuestem stehen mir zwei Ehrenamtliche zur Seite. Die haben Tüten mit Spielsachen, Bilderbüchern und Süßem gepackt. Davon bekommen die Kinder dann das Passende geschenkt. Die Eltern freuen sich über nötige Alltagsdinge: Bettwäsche, Handtücher, Geschirrtücher, Kochtöpfe, Kleidung. Denn arme Menschen haben für solche Ausstattungsdinge kein Geld übrig, dafür gibt es nichts extra. Die jungen Familien werden immer größer, die Kochtöpfe aber nicht. Es fehlt ihnen an Geschirr und Besteck, Ausschöpflöffeln, Brotmessern und solchen Dingen.

In Sozialkaufhäusern wird den Bedürftigen aus pädagogischen Gründen ein kleiner Obolus abverlangt. Halten Sie das auch so?

Schwester Gudrun: Nein, das bringe ich nicht fertig. Ich unterstütze die Familien oft ohnehin finanziell mit einer Spende – für eine Reparatur oder eine außergewöhnliche Anschaffung oder ähnliches. Ein kongolesischer Pass kostet zum Beispiel 200 Euro. Die ganze Familie muss je einen Pass haben, auch das neugeborene Baby. Ohne den läuft nichts – Sozialhilfe oder Arbeit. Zur Beschaffung müssen alle zu den jeweiligen Konsulaten fahren, teils bis Berlin. Auch die Einbürgerung ist teuer. Oder wenn die Familie von einem Übergangswohnheim in eine eigene Wohnung zieht, bekommt sie von Amtswegen einmalig eine Ausstattung an Geräten wie Herd und Waschmaschine und Möbel. Die sind aber nicht neu. Geht ein Gerät kaputt, können sie aus dem laufenden Geld nur schwer Ersatz beschaffen. Oder sie müssen sich einen alten Stromfresser besorgen. Das ist ja auch nicht sinnvoll. Wenn eine Familie umziehen muss, weil sie größer geworden ist – nach zehn Jahren haben sie nicht eins, sondern vier Kinder – gibt es oft weder einen Zuschuss zum Umzug oder Renovierungskosten, noch für Möbel. Da mag ich ihnen nicht für eine Jacke noch fünf Euro abnehmen.

Wird es dennoch wertgeschätzt? Nicht nur die Sachspenden, sondern auch den seelischen Zuspruch, den sie den Hilfesuchenden hier geben?

Schwester Gudrun: Ja, ich denke schon. Manche sagen: Ich bete jeden Tag für Sie, dass sie 100 Jahre alt werden, dass sie immer noch für uns da sind .

Woraus speisen Sie die finanzielle Unterstützung ihrer Besucher?

Schwester Gudrun: Ich klappere alles ab. Von „Menschen helfen Menschen“ bekomme ich auf Anträge etwas, manchmal auch von der Hans- und Nele-Bittmann-Stiftung. Die „Aktion Lichtblicke e.V.“ ist eine sehr gute Adresse für mich. Beim Bistumsfonds für Migration werde ich vorstellig. Die Pfarre hat auch eine Stiftung. Privat bekomme ich einige Spenden. Aber viele helfen mir mit Sachspenden. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht etwas für mich abgegeben wird. Elektrogeräte versuche ich neu anzuschaffen, dagegen kann man Möbel und Haushaltwaren gebraucht nehmen. Zum Glück habe ich einen treuen Helfer, der mir oft Dinge mit seinem Kombi transportiert. Für große Teile ist der Transport problematisch. Auch wenn es mich viel Zeit kostet, zum Bespiel zu regeln, wer gerade ein ausrangiertes Schlafzimmer gebrauchen kann und wie die Möbel zu der gefundenen Familie kommen, bin ich auch darüber sehr froh. Aktuell brauche ich zum Beispiel viele Kinderwagen, weil die neu angekommenen Flüchtlingsfamilien, die sich gerade stark bei mir melden, keine haben. Sie leihen sich einen in der Nachbarschaft oder schleppen das Kind herum. Und manchmal gehen die Mütter schon mit dem nächsten Kind schwanger.

Wie viel Weihnachtsstimmung kommt denn bei denen auf, die hier zu Ihnen in die Beratung kommen?

Schwester Gudrun: Ich weiß nicht, ob sie viel Weihnachtsstimmung haben. Sie sind oft so in ihren Sorgen und Nöten gefangen. Sie fragen schon mal nach Unterstützung, damit sie ihren Kindern wenigstens ein kleines Geschenk machen können. Das ist es dann aber auch.

Sie leiten die Sternsingeraktion der Gemeinde, gleichzeitig werden sie von den Vergessenen unserer Gesellschaft aufgesucht. Gibt es Berührungspunkte zwischen diesen Welten?

Schwester Gudrun: Ich frage die Familien, ob sich ihre Kinder an der Sternsingeraktion beteiligen wollen. Das machen viele sehr gern. Und deutsche Kinder finde ich fast keine. Rund um den Kaiserplatz wohnen kaum Kinder. Oder sie gehen in die Schule am Fischmarkt und beteiligen sich dort an Aktionen. Wir haben immer mehr schwarze als weiße Könige. Es sind aber auch Kinder aus Syrien oder Sri Lanka dabei. Einmal hatten wir eine Gruppe aus vier Nationen. Da staunten die Besuchten schon mal. Im vergangenen Jahr sind zwei afrikanische Mamas mitgegangen. Das war toll. Nach verzweifelten Versuchen, unsere deutschen Lieder mitzusingen, hatte ich sie gebeten, ihre afrikanischen Lieder zu singen. Da waren die Leute ganz hin und weg. Und die eine Mutter hat schon gefragt, ob sie im neuen Jahr auch wieder mitgehen kann. Aber sie alleine mit den Kindern loszuschicken, traue ich mich nicht. Es könnte rassistische Reaktionen geben. Das möchte ich ihnen ersparen!

Profitiert die Gemeinde von dieser kulturellen Vielfalt?

Schwester Gudrun: Ja, die Gemeinde auch. Wenn alle Kinder beim Aussendungs- oder Danksagungsgottesdienst in die Kirche ziehen und ihre Lieder singen, freut das alle Gemeindemitglieder.

Sie haben hier einen Arbeitsort, an dem sehr viele unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Die Unzufriedenheit der Anlieger des Kaiserplatzes mit dem Ruf ihres Geschäftsstandortes ist bereits alt. Jetzt ist das Aquiz Plaza noch dazu gekommen. Welche Rolle haben Sie?

Schwester Gudrun: Ich bin schon etwas einsam hier auf dem Berg, seitdem das Pfarrbüro in die Ursulinerstraße umgezogen ist. Es gibt hier einige Familien sowie eine koreanische und eine spanische Gemeinde. Der neue Besitzer des Café Lokma hatte mich zum Tee eingeladen und grüßt jetzt immer sehr freundlich. Beim daneben liegenden Schuhgeschäft bekomme ich für meine Besucher schon mal Rabatt. Aber eigentlich führt hier jeder sein Eigenleben. Als ich hier anfing, habe ich mich im Café Relax vorgestellt. Der zuständige Sozialarbeiter meinte: „Schwester, diese Klientel ist nichts für Sie. Das machen wir schon.“ Es kommen auch nur selten Leute vom Kaiserplatz hier hoch.

Der Bereich rund um St. Adalbert ist wohl in Aachen der Bereich, der sich in den vergangenen Jahren am meisten verändert hat. Wie bewerten Sie das?

Schwester Gudrun: Schlimm war die Zeit, als nichts an der Baustelle passiert ist. Das hat das Viertel schon sehr belastet. Deshalb ist es gut, dass da jetzt endlich etwas steht. Ich war selbst noch nicht im Aquiz Plaza, aber ich denke, es ist auch eine Chance, diesen Bereich der Stadt aufzuwerten. Die Pfarre Franziska von Aachen, zu der auch St. Adalbert gehört, ist da jedenfalls im Gespräch mit der Stadt und dem Betreiber. Meine Besucher betrifft das alles nicht. Die sind früher gekommen, während des Baustopps, und kommen jetzt immer noch.

Sie machen als Gemeindeschwester auch Hausbesuche bei Gemeindemitgliedern, die nicht mehr in die Kirche kommen können…

Schwester Gudrun: Ja, ich bete mit ihnen und bringe die Heilige Kommunion. Aber das wird immer weniger. Nur Wenige melden sich deswegen. Vielleicht weil auch zunehmend alte Leute nicht mehr in die Kirche gehen und deshalb nicht das Bedürfnis haben. Aber auch, weil sie sich genieren oder keinem Arbeit machen wollen. Das ist schade.

Hat sich Ihre Arbeit hier sonst noch verändert?

Schwester Gudrun: Die Zahl der Besucher, die hierher kommen, nimmt immer weiter zu. Gerade kommen sehr viele Asylsuchende aus den Balkanländern. Vorher waren es meistens afrikanische Familien. Viele haben zwar einen christlichen Hintergrund, aber sie kommen nicht, weil sie mich als Vertreterin der Kirche sehen. Sondern weil sie gehört haben, dass ich ihnen helfe. Da mache ich mir keine Illusionen. Ich leiste hier handfeste Sozialarbeit. Nach der Religionszugehörigkeit frage ich nicht.

Spielt Ihr christlicher Glaube gar keine Rolle?

Schwester Gudrun: Doch. Das sehen die Besucher schon an der Raumgestaltung. Manchmal sagt einer: „Gott segne Sie.“ Oder ich bitte sie, für die Spender zu beten, dass es ihnen weiterhin gut geht und dass sie weiterhin spenden . Das nehmen sie dann durchaus ernst. Wenn einer sehr traurig und beladen ist, biete ich ihnen an, beten zu helfen. Es kommt immer wieder vor, dass Angehörige in der Heimat sterben und die Menschen nicht zur Beisetzung können. Das ist besonders schwer für sie. Auf den Balkanflüchtlingen lastet am meisten die Bleibeunsicherheit. Deshalb ist es so wichtig, freundlich zu ihnen zu sein und sie willkommen zu heißen.

Sie sind passionierte Blockflötenspielerin. Ihre Vorstellung auf der Internetseite von Franziska von Aachen zeigt Sie mit Ihrer Taschenflöte. Was ist Ihnen die Flöte?

Schwester Gudrun: Oh ja, die Flöte ist wichtig. Meine Mutter hat uns mit der Einschulung Flöte spielen und Noten lesen beigebracht. Dann hatte ich kaum mehr Unterricht. Aber die Flöte war mir immer wichtig. Als Jugendliche saß ich, wenn ich Kummer hatte, manchmal auf einem Baum und spielte Flöte. Bis heute nehme ich sie auf Reisen mit. Mittlerweile spiele ich meistens für andere, in der Kirche beim Gottesdienst oder bei Festen, wie jetzt Weihnachten. Oder wir machen Tafelmusik. Aber manchmal spiele ich auch meine Stimmungen. Die Taschenflöte vom Bild macht mir viel Freude. Sie kommt regelmäßig beim Klostermarkt unseres Ordens am ersten Adventswochenende und im Frühjahr zum Einsatz. Dann sitze ich den ganzen Tag am Tor im Mutterhaus und spiele – mein Liedschatz ist ziemlich groß, weil ich fast alles, was ich singen, auch spielen kann. Und in meiner Kinderzeit wurde viel gesungen – auch später bei meiner Arbeit im Kinderheim. So locke ich die Menschen an, mache ihnen viel Freude – und sie geben gerne eine Spende .

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