Aachen - Auch mit fast 80 Jahren ein unermüdlicher „Kümmerer“

Auch mit fast 80 Jahren ein unermüdlicher „Kümmerer“

Von: Thomas Hohenschue
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Alte Kameras sind seine Leidenschaft – aber mehr noch ist es das Engagement für Menschen, die oft auf der Schattenseite stehen: Heinz J. Hahnbück will als Vorsitzender der Maria-Grönefeld-Stiftung noch eine Menge bewegen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Angst vor dem Alter: Man verliert sie ein wenig, wenn man Heinz J. Hahnbück begegnet. Der 79-Jährige wirkt Jahrzehnte jünger, ist aktiv, reist, fotografiert und publiziert, was das Zeug hält. Und er engagiert sich seit vielen Jahrzehnten für diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Die AZ sprach mit dem agilen Aachener darüber, was ihn in seinem Leben und Wirken antreibt und was dadurch alles auf den Weg kam.

Häufig liegen die Wurzeln eines Engagements in der eigenen Kindheit und Jugend. War es bei Ihnen auch so?

Hahnbück: In jedem Fall. Ich bin ein Kriegskind und erinnere mich sehr gut an diese Zeit. Wir waren sehr arm, mein Vater war Soldat, geriet in Gefangenschaft, auch später war er nicht bei uns. Ich habe sehr früh Verantwortung in der Familie übernommen. Wenn etwas zu erledigen war, hieß es immer: Das macht der Heinz. Das ist eigentlich bis heute so geblieben, ich bin der „Kümmerer“, ich helfe anderen. Manchmal über meine Grenzen hinaus.

Wenn man auf Ihre berufliche Laufbahn schaut, war die wirklich steil. Bevor wir darüber sprechen: Sehen Sie auch hier Wurzeln in der frühen Zeit?

Hahnbück: Ganz definitiv. Der Armut zu entkommen war das eine Motiv, das mich zeitlebens angetrieben hat, auch als ich nicht mehr arm war. Das andere war, dass mir während meiner Jugend immer wieder mein Bruder als Vorbild vorgehalten wurde, der es irgendwie besser, schneller und sonstwas machte. Da habe ich gedacht (lacht): Denen zeige ich es! Irgendwie steckt das auch in mir drin.

Nach der Volksschule haben Sie als Zusteller bei der Post angefangen. Wie war diese Zeit für Sie?

Hahnbück: Das war eine sehr gute Zeit für mich, ein fünfjähriges Schlüsselerlebnis. Denn ich musste mich durchbeißen. Jeden Tag bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad durch Vaalserquartier, auch im Winter, das war schon was. Und das zweite, was mich bis heute prägt: Ich ging in jedes Haus, wurde sehr gut angenommen, war mit in der Familie. Da kommt der Heinz, hieß es. Und auch hier half ich, wo Hilfe nötig war. Heinz, kannst du mir mal die Mülltonne rausstellen? Heinz, kannst du meinem Kind mal bei dieser Hausaufgabe helfen? So war das immer, egal wo ich war: Ich habe immer mehr getan, als der bloße Job es gefordert hat.

Dann sind Sie durchgestartet. Wie ging es weiter?

Hahnbück: Ich bin in den mittleren Dienst aufgestiegen, habe ausgebildet und viele andere Aufgaben übernommen. Dann habe ich zehn Jahre im Kassendienst gearbeitet, in der Hauptpost am Kapuzinergraben. Das war eine gute Zeit, denn meine Familie wuchs und gedieh. Beruflich stand ich deshalb auf der Bremse, obwohl mich nie der Wunsch verließ weiterzukommen. Aber dann begann die Post mit ihrer Rationalisierung, und ich wollte nach 23 Jahren etwas Neues machen. Der Berufsberater riet mir ab, die Sicherheit des Beamtenstatus zu verlassen. Er spürte nicht, was mich innerlich antrieb. Ich habe es dann trotzdem getan und eine zunächst befristete Stelle beim Arbeitsamt angetreten.

Unter anderem wurden Sie Arbeitsvermittler und später Arbeitsberater. Haben Sie es dann besser gemacht als der Herr, der damals vor Ihnen saß?

Hahnbück: Ich hoffe es. Ich sagte jedenfalls jedem, der sich beruflich verändern wollte, er solle sich fragen, was er wirklich will und welche Tätigkeiten ihn ausfüllen. Denn alles andere ist wenig wert und führt in eine falsche Richtung. Und wenn da ein 30-Jähriger vor mir saß, der nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte, und eigentlich nur Angst vor der eigenen Courage hatte, dem konnte ich mit meinem eigenen Beispiel Mut machen: Sehen Sie mal, ich habe das mit 40 versucht, und es ist mir gut damit gegangen.

Sie sind dann recht flott die Treppe heraufgefallen, wurden Abschnittsleiter für akademische Berufe und schließlich Leiter der Geschäftsstelle in Alsdorf. Wie kam es damals dazu?

Hahnbück: Es war eine Mischung von Glück, Fortune, aber auch Leistung. Während andere ihr freies Wochenende genossen, habe ich da gesessen und neue Dinge auf den Weg gebracht, mit den Mitteln, die ich zur Verfügung hatte. So konnte ich zum Beispiel über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Projekte in ihrer Entstehung unterstützen, die bis heute Bestand haben. Zum Beispiel den Musikbunker, den Hebscheider Hof oder auch die Deutsche Angestellten-Akademie in Aachen. Und ich habe noch verrücktere Sachen gemacht, zum Beispiel Fahr- und Dienstpläne ausgetüftelt für Saisonarbeiterinnen, die in einem Aachener Süßwarenbetrieb tätig werden sollten. So konnte ich kreativ mit gesetzlichen Vorgaben umgehen, zugunsten der Leute, die benachteiligt sind.

War das Ihre Maxime in einer Behörde, die manche eher mit Härte und Gängelung in Verbindung bringen?

Hahnbück: Ja, das habe ich selbst gelebt und auch von meinen Mitarbeitern gefordert. Gesetze müssen eingehalten werden, das ist klar. Aber wir haben als Behörde Ermessensspielräume, und die müssen wir in meinen Augen so weit wie möglich für die Leute, die von uns abhängig sind, ausreizen. Natürlich habe ich mir mit einer solchen Haltung nicht nur Freunde unter den Mitarbeitern gemacht. Denn Anträge abblocken oder nach Aktenlage rein formal bescheiden, ist einfach. Sich in den jeweiligen Menschen und seine Situation wirklich hineinversetzen und gute Wege entwickeln, damit er sich selbst helfen kann, bedeutet erheblich mehr Arbeit.

Und da wartete ganz offensichtlich viel Arbeit auf Sie und Ihre Mitarbeiter?

Hahnbück: Ja, die 80er und 90er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Mit der Schließung der letzten Zechen im Aachener Kohlerevier hatte ein tiefer Strukturwandel eingesetzt. Obwohl niemand ins Bergfreie fallen sollte, wie es immer seitens des Bergbautreibenden hieß, war das Gegenteil der Fall. Hunderte fanden keine neue Arbeit. Mit den damaligen arbeitsmarktpolitischen Mitteln konnte ich einiges bewegen, mit Partnern. Die Kohle ging, Gewerbegebiete und Gründerzentren kamen. Es gab viel zu gestalten und zu organisieren. Ich konnte so mancher Entwicklung meinen Stempel aufdrücken. So wurden diese 15 Jahre als Geschäftsstellenleiter die schönsten in meinem Berufsleben. Ich fand da die Erfüllung, die ich immer gesucht habe.

Sie begannen auch, sich bei der katholischen Kirche zu engagieren. Wie kam es dazu?

Hahnbück: Immer wieder begegnete ich damals Christen, die sich in die Arbeitskämpfe und in den Strukturwandel einmischten. Mich hat ihre Haltung überzeugt, sie entsprach der meinigen. Irgendwann hatte man mich gefragt, ob ich meine Expertise in einen Sachausschuss beim Bistum Aachen einbringen wolle. „Kirche und Arbeiterschaft“ hieß der, entsprechend einem pastoralen Schwerpunkt, den der damalige Bischof Klaus Hemmerle 1980 ausgerufen hatte. Dort wurden eine Menge guter Initiativen gestartet, Solidarität mit Beschäftigten und Arbeitslosen wurde ausgeübt. Das hat mir gefallen. Irgendwann war ich da nicht mehr als Chef eines Arbeitsamtes dabei, sondern einfach als der Heinz Hahnbück.

Ein Ort, den Sie damals kennenlernten, begleitet Sie bis heute durchs Leben: das Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath. Wie ist Ihre Beziehung zu dieser Einrichtung?

Hahnbück: Das Haus war ein Versammlungsort nicht nur für die gerade genannten Christen, sondern auch beispielsweise für Betriebsräte und andere, die sich für Beschäftigte einsetzten, die um ihre Existenz bangten. Dort gab es wichtige Konferenzen und Tagungen. Ich war oft dabei. Auch hat mich damals etwas beeindruckt, was ich bis heute toll finde: Das Haus gab benachteiligten Personen und ihren Familien einen Ort, um sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen, wo sie einfach mal Mensch sein konnten, ohne sich gleich als Fall mit einer Aktennummer zu fühlen. Einen anderen Ort dieser Art kenne ich nicht.

Die damalige Leiterin des Nell-Breuning-Hauses hieß Maria Grönefeld. Sie kannten sie auch aus dem Sachausschuss. Wie erlebten Sie sie?

Hahnbück: Ihr Einsatz für Andere hat mir sehr gefallen. Sie hat wirklich für Andere gekämpft. Als Gleichaltriger konnte ich von ihr viel lernen. Sie ließ nicht los, blieb immer dran. Aber ich bin ehrlich: Ich fand sie oft genug auch anstrengend, aus denselben Gründen (lacht).

Maria Grönefelds plötzlicher Tod 1993 markierte eine Zäsur. Und holte Sie 2003 wieder ein. Wie kam es dazu?

Hahnbück: Am Tag meines 50-jährigen Dienstjubiläums ging ich in den Ruhestand. Mitstreiter aus dem Sachausschuss fragten mich, ob ich eine Stiftung unterstützen wolle, die das Gedenken an Maria Grönefeld pflegen und deren Anliegen sichern soll. Ich sagte ja und landete recht schnell, wie es mir oft passierte, bei verantwortlichen Positionen. Irgendwann war ich dann der Vorsitzende in beiden Gremien, welche die Stiftung prägen. Die Dynamik war anfangs sehr hoch. Mit dem Bistum Aachen geriet auch das Nell-Breuning-Haus in die Krise. So gab es wieder viel zu tun. Mit einem klassischen Ruhestand hatte das wenig gemein.

Mit 79 möchte man sicher auch mal kürzer treten. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Hahnbück: Sicher suche ich nach Wegen, die Arbeit der Stiftung auf eine breitere Basis zu stellen. Ihre Anliegen sind mir weiter sehr wichtig. Zuletzt haben wir mit der Verleihung des Maria-Grönefeld-Preises an den Flüchtlingshelfer Ali Ismailovski ein viel beachtetes Zeichen gesetzt. Jetzt geht es um Zustiftungen. Das Umfeld für Stiftungsarbeit ist mit der aktuellen Niedrigzinsphase nicht einfacher geworden. Ich hoffe, dass sich mit dem neuen Bischof jetzt mancher Knoten bei unseren Partnern in der Diözese löst. Jüngste Signale des Generalvikars machen da einen gewissen Mut, was den Fortbestand des Nell-Breuning-Hauses betrifft. Und da wäre etwas erreicht, was mich in den letzten 15 Jahren wirklich umgetrieben hat. Für mich war diese Zeit, wie bei allem, was mit Maria Grönefeld zusammenhing und -hängt, beides: gut, aber auch anstrengend.

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