Auch in Holland kein Recht auf Sterbehilfe

Von: Claudia Schweda
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Diskutierten über Sterbehilfe (v.l.): Der niederländische Hausarzt Klaus Hautermans, der Sterbehilfe leistet, der RWTH-Medizinethiker Dominik Groß, Moderator Amien Idries, Hospiz-Leiterin Inge Nadenau und Das Da-Theater-Intendant Tom Hirtz. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Soll aktive Sterbehilfe erlaubt werden? Wie sehr auch diejenigen um die richtige Antwort ringen, die in ihrer alltäglichen Arbeit mit dieser Frage manches schwer kranken Menschen konfrontiert sind, hat eine Podiumsdiskussion am Mittwochabend im Das Da Theater gezeigt, zu der unsere Zeitung eingeladen hatte.

Im Anschluss an eine Sondervorstellung des beeindruckend inszenierten Stückes „Der gute Tod“ des Niederländers Wannie de Wijn, zeigt sich in der von unserem Redakteur Amien Idries moderierten Runde, dass Menschen zu sehr unterschiedlichen Meinungen bei der Frage kommen, ob man am Ende eines Lebensweges dem Wunsch nach dem Tod nachgeben soll – und dennoch sehr respektvoll miteinander umgehen können.

Der Konflikt des Arztes

Das Das Da Theater jedenfalls hat mit seiner Wahl des Stückes diese Diskussion befeuert. Schließlich erhält in „Der gute Tod“ der an Lungenkrebs erkrankte Ben am Ende die Todesspritze von seinem Arzt und Freund Luc. Er personifiziert den Konflikt zwischen ethischen Zweifeln und dem Wunsch, seinem Patienten beizustehen. Eine Antwort gibt das Stück nicht. Das, sagt Tom Hirtz, Intendant des Theaters und Regisseur des Stückes, sei auch nicht die Aufgabe von Theater. „Sterbehilfe ist ein Tabuthema. Wenn das Theater es schafft, dass man darüber spricht, haben wir unser Ziel erreicht.“

Für manchen überraschend mögen die Schilderungen des niederländischen Hausarztes Klaus Hau­termans aus Sittard sein, der selbst bereits in fünf Fällen aktive Sterbehilfe praktiziert hat. Wer ihm zuhört, erfasst schnell, dass auch in den Niederlanden – anders als viele glauben – nicht alles möglich ist: „Es gibt kein Recht eines Patienten auf Sterbehilfe. Und es gibt keine Pflicht eines Arztes, sie auszuführen.“ Erst nach einem strengen, Verfahren werde in den Niederlanden Sterbehilfe gewährt. Erstens müsse es sich um einen aussichtslos Kranken handeln.

Zweitens müssten seine Leiden unerträglich sein. Dann werde, drittens, die Beurteilung eines ersten Arztes der Prüfung durch einen unabhängigen zweiten Arzt unterzogen und, viertens, werde die Justiz eingeschaltet, die beurteilen muss, ob alle Kriterien eingehalten wurden: „Erst danach ist Sterbehilfe in den Niederlanden nicht mehr strafbar.“ Seit 2002 gibt es das entsprechende Gesetz. Seitdem, sagt der Hausarzt, sterben in den Niederlanden etwa 3000 Menschen pro Jahr durch Sterbehilfe. Das seien 2,5 Prozent aller Toten eines Jahres. „Sterbehilfe wird nur sehr selten vollzogen“, sagt er. Die Hälfte der Bitten werde abgewiesen. „Aber ich bin froh, dass Sterbehilfe aus der Grauzone geholt worden ist.“ Für ihn selbst, macht er deutlich, sei es jedes Mal eine sehr große emotionale Belastung.

In Deutschland werde zwischen direkter aktiver Sterbehilfe und der indirekten Form unterschieden, erklärt der RWTH-Medizinethiker Dominik Groß. Erlaubt sei – ebenso wie Beihilfe zum Suizid – die indirekte Sterbehilfe, bei der billigend in Kauf genommen werde, dass durch die Gabe etwa eines starken Schmerzmittels die Lebenszeit möglicherweise verkürzt werde. Diese Schmerzmittel werden in der Palliativmedizin eingesetzt. Groß: „Die deutsche Palliativmedizin ist von dem Anspruch geprägt, eine so gute Versorgung zu leisten, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe in den Hintergrund gedrängt wird.“ Die Haltung deutscher Mediziner sei auch eine Konsequenz des Dritten Reiches. Der Begriff „Euthanasie“, übersetzt: der gute Tod, könne seitdem nicht mehr unbeschwert verwendet werden.

Inge Nadenau kennt viele persönliche Wege, aus dem Leben zu gehen. Mit weinen, singen, lachen. „Da ist alles dabei.“ Sterbehilfe gehört nicht dazu. Die Diplom-Sozialpädagogin leitet das Aachener Hospiz Haus Hörn. „Unser Fokus liegt auf der Begleitung des Einzelnen. Wir machen dem Sterbenden das Angebot, diesen letzten Lebensweg gemeinsam zu gehen, nehmen ihm die Angst, spenden Trost“, sagt sie. Kein Mensch dürfe sein Leben für sich selbst beenden. Ein Denkansatz, der vom katholischen Glauben geprägt ist. Doch diese christliche Grundhaltung werde von einer zunehmenden gesellschaftlichen Individualisierung verdrängt, berichtet der Medizinethiker Groß: „Die Menschen nehmen heute für sich in Anspruch, selbst darüber zu entscheiden, wie sie sterben.“

„Wer bestimmt, was lebenswert ist?“, fragt die Hospiz-Leiterin. Und der Sterbehelfer betont: „Das Erstaunliche ist, dass sehr viel mehr lebenswert ist, als wir denken.“ Auch Hautermans sieht sich fast ausschließlich als Palliativmediziner, der Leiden nehmen und Lebensqualität geben will. „Meist kommen wir damit hin, manchmal aber eben nicht“, sagt er. Nadenau verteufelt ihn für sein Handeln nicht. „Aber ich würde das aus einem christlichen Verständnis heraus nicht tun.“

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