Aachen - Atomkraft bleibt nach der Katastrophe

Atomkraft bleibt nach der Katastrophe

Von: jgr
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Nachdenkliche Töne im Haus der Evangelischen Kirche: Japanische Musikerinnen und Musiker bereicherten die Informationsveranstaltung mit ihren Liedern. Foto: Andreas Steindl
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Hilfe für Kinder aus Fukushima: Harald Thyssen und Nobuko Haga-Thyssen berichteten von ihrer Reise ins japanische Katastrophengebiet.

Aachen. „Als wir im Herbst vergangenen Jahres nach Fukushima reisten, hatten wir einen Koffer voller Lebensmittel aus Europa dabei“, sagt Harald Thyssen aus Aachen. Seine Frau Nobuo Haga-Thyssen stammt aus Fukushima, viele ihrer Verwandten und Freunde leben dort. Im Herbst besuchte sie mit ihrem Ehemann und ihrer fünfjährigen Tochter Yuriko die Familie in der Region.

Vor zwei Jahren kam es in Japan zu einem Unglück katastrophalen Ausmaßes, als ein Erdbeben und der daraus resultierende Tsunami das Kernkraftwerk in der Stadt Fukushima zerstörten. Bei der Kernschmelze und den Explosionen in Fukushima Daiichi wurden große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt. Um an den Unglückstag am 11. März 2011 zu erinnern, über die Auswirkungen und die aktuelle Situation zu informieren und gleichzeitig Spenden für ein Hilfsprojekt für Kinder aus Fuku-shima zu sammeln, luden die Evangelische Stadtakademie Aachen, der Evangelische Kirchenkreis Aachen und ein Freundeskreis japanischer und deutsch-japanischer Familien aus der Region Aachen am Sonntag in das Haus der Evangelischen Kirche zum Informations- und Gedenktag „Hilfe für Kinder aus Fukushima – Zwei Jahre leben mit der Katastrophe“. Das Ehepaar Thyssen berichtete auf deutsch und japanisch, wie die Einwohner von Fukushima heute mit den Auswirkungen des Unglücks leben.

„Die Eltern der Kinder in der Region achten darauf, dass die Kleinen sich maximal eine halbe Stunde am Tag draußen aufhalten. Viele von ihnen tragen Dosimeter, die permanent die Strahlendosis messen“, so Thyssen. Die Angst vor möglichen Spätfolgen sei zwar überall greifbar, werde jedoch in den meisten Fällen einfach verdrängt, so Thyssen weiter. „Der Staat verharmlost das Problem und auch die WHO (World Health Organization) verschleiert die Wahrheit“, sagt er. Dabei zeigten rund 50 Prozent der ärztlich untersuchten Kinder aus der Region Schilddrüsenanomalien.

Auch die Scheidungsrate sei seit dem Unglück aufgrund der finanziellen Unsicherheiten deutlich angestiegen. Auf dem Rückflug nach Deutschland überwog bei Harald Thyssen das Gefühl der Erleichterung, der Gefahr durch die Strahlenbelastung nicht länger ausgesetzt zu sein – vor allem aus Sorge um seine kleine Tochter. Für seine Frau überwog hingegen die Sorge um ihre Familie, die weiterhin in Fukushima lebt – und die Wut auf die Regierung, die zwei Jahre nach der Katastrophe wieder auf Atomenergie setzt. Mit einem emotionalen Appell verlangte sie, dass die Atomkraftwerke in Fuku-shima ausgeschaltet werden sollen.

Dem Expertenvortrag von Dr. Shingo Andreas Yoshida, einem ehemaligen Redakteur der Deutschen Welle, war jedoch zu entnehmen, dass ein vollständiger Atomausstieg in Japan zurzeit – aufgrund schlechter Umweltbedingungen für alternative Energien – äußerst unwahrscheinlich sei. Dennoch appellierten auch Pfarrer Hans-Peter Bruckhoff, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, und Björn Jansen, Bürgermeister der Stadt Aachen, für einen weltweiten Atomausstieg.

Beide betonen, dass es wichtig sei, hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen – trotz wirtschaftlicher Zwänge. „Die Mehrzahl der Opfer von Fuku-shima ist noch gar nicht geboren“, sagte Jürgen Gronenberg, Organisator der Veranstaltung.

Die musikalische Gestaltung des Nachmittags übernahmen japanische Musikerinnen aus Aachen. Das Ende markierte das politische Kabarett des Aachener Ensembles „Muita Merda“. Der Eintritt war frei, stattdessen wurde um Spenden wird gebeten. Der Erlös kam dem „Poka-Poka“-Projekt von „Friends of the Earth Japan“ und drei lokalen Initiativen zu Gute, die vorübergehende Aufenthalte von Kindern und ihren Eltern in einer Region mit geringerer Strahlenbelastung möglich machen. Die Kinder aus dem Bezirk Watari, der zu den am stärksten belasteten Gebieten in Fukushima zählt, werden in ihrer „Auszeit von der Strahlung“ ins Thermalbad „Tsuchiyu“ gebracht, wo die Kinder nach langer Zeit wieder unbeschwert im Freien spielen können.

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