„Art’n Schutz Orchester“: Improvisation als musikalisches Statement

Von: Michael Loesl
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Beim „In Front Festival“ in der Klangbrücke wurde die neue Produktion des „Art’n Schutz Orchesters“ erstmals vorgestellt. Foto: Schmitter

Aachen. Albert Einstein, Frank Zappa und Isaac Newton wussten, dass Fortschritt ohne Abweichung von der Norm nicht möglich ist. Dem Aachener „Art’n Schutz Orchester“ ist ebenjene Tugend, die auch den Mut zum Scheitern voraussetzt, seit rund zwölf Jahren Ansporn und Erfüllung zugleich.

„Damals, 2004, stand kein weiterführender Anspruch hinter dem Zusammenschluss von uns Musikern“, erinnert sich der Art’n Schutz Orchester-Gründungsvater und Gitarrist Jürgen Sturm an den Beginn des Musikprojekts. „Wir wollten die Musiker-Ressourcen, die es um das Aachener Plattenlabel Luxaries herum gab und gibt, zusammenbringen und in einer Band nutzen. Es ging erst mal nur darum, einem aufgeschlossenen Publikum einen Konzertabend lang gute Unterhaltung zu bieten.“

„Kunst ohne Gehege“

Dem ersten Konzert folgten regelmäßige Neujahrsauftritte in der Aachener Klangbrücke, die den Jazz-Begriff legendär weit fassten. Die improvisatorische Kunst, die freie Dialogführung der Musiker, besitzt in der Größenordnung des Art’n Schutz Orchesters inzwischen weltweit Seltenheitswert. Es gibt Solisten, Duos, hin und wieder sogar Trios, die an Kulturdealern vorbei von ihren Rechten auf freie, musikalische Artikulation Gebrauch machen. Aber im Jazz ist es wie auf der Straße.

Die Sehnsucht nach Freiheit zieht sich in immer kleinere Zellen zurück. Umso gewichtiger und bedeutender nimmt sich das kulturelle Kleinod „Art’n Schutz Orchester“ aus. Nicht weniger als neun Instrumentalisten spielten das selbstbetitelte, kürzlich erschienene Debütalbum des Musikerkollektivs ein, das zwölf der rund 50 Eigenkompositionen enthält, die im Laufe der letzten zehn Jahre entstanden waren. „Kunst ohne Gehege“, lassen sich die Protagonisten des Orchesters im Klappentext ihrer CD attestieren. Gemeint ist damit die Kollektivimprovisation, die auf Strukturen und gefassten Kompositionen basiert, aber spontan entwickelte Kommentare und Nebenreden zulässt. Im Gegensatz nämlich zu Standards, in denen über vorgegebenen Akkordfolgen improvisiert wird, gestalten die Aachener freie Formen, in denen zumeist ein narrativer Fluss entsteht, der von allen Musikern getragen wird.

Man braucht ein paar Anläufe, bevor man das Album in seiner Gänze versteht. Und natürlich ist es ein Wagnis, derlei Musik in der heutigen Soundbite-Kultur abzuliefern. Lässt man sich aber darauf ein, offenbart sich eine Klangwelt, die reich an Details ist, mit ineinander verzahnten Bildern, die sich ausweiten und üppigen Platz für Soli bieten.

Das rhythmische Beet, auf dem das „Art’n Schutz Orchester“ fußt, wird auf der Platte von den aus Aachen stammenden Lothar Galle-Merkel am Bass und Hans Günter Eisele am Schlagzeug mit reichlich feinmotorischem Gefühl für swingende Grooves bestellt. Daraus erwachsen farbenprächtige, exotische Melodiengewächse, die auf abenteuerliche, höchst spannende Weise immer wieder Bögen um ihre Formen machen und dabei Motive voller Schönheit kreieren.

Im Kollektiv betrachtet, haben die beiden Taktgeber und der Stolberger Christoph Titz an Trompete und Flügelhorn, die Aachener Sängerin Anirahtak, Heribert Leuchter an Bariton-, Alt- und Sopransaxofon, Jürgen Sturm an der Gitarre, der Alsdorfer Uli Jend an Sopran- und Altsaxofon, Ludger Schmidt am Cello und Ludger Singer an Klavier und Posaune rund 300 Jahre Improvisationserfahrung auf dem Buckel.

Die erzählende Kunst des „Art’n Schutz Orchesters“ hat für den Platteneinstand nach über zehn Jahren Ensemble-Live-Geschichte, zwölf Kompositions-Unikate entstehen lassen, die sich selbstverständlich aus dem Familien-Biotop des Luxaries-Plattenlabels speisen. Woher auch sonst? In der Geschichte der improvisierten Musik hat sich seit John Coltrane nicht mehr viel getan. Beim Aachener Orchester der geschwätzigen Freierzähler bestimmt der Moment die Musik und der gemeinsame Geist, der die freiheitlichen Werte, deren Erhalt in unseren Breitengraden immer nur in Gefahrensituationen gefordert wird, kunstvoll verteidigt.

„Wir wollen diese improvisatorische Musik spielen, weil sie fehlen würde, wenn es sie nicht gäbe“, bringt Heribert Leuchter die Sinnesart der Gruppe auf den Punkt. „Das ist ein musikalischer Ausdruckswunsch, ein musikalisches Statement. Die Produktion des Albums darf man nicht unter kommerziellen Gesichtspunkten betrachten. Aber die Leidenschaft, die meines Erachtens nach in der Platte steckt, macht vieles wett.“

Modern bedeutet auch „Nische“

Es gibt sie, die modernistisch geprägte Aachener Musikeridentität, wenngleich sie sich auch unfreiwillig modernistisch geriert. Denn „modern“ bedeutet nicht nur Fortschritt, sondern inzwischen vor allem Nische. Eine Nische, in der unter der Ägide des „Art’n Schutz Orchesters“ abenteuerlich inszenierter Kontrapunk, Nuancenreichtum und rhythmische und melodische Vielschichtigkeiten in eine Zukunft weisen, in der für den Modernismus als Opposition zum Fundamentalismus Hoffnung besteht. Auch im Jazz.

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