Armut in der Städteregion: Wer arm ist, wird oft einsam und krank

Von: Jutta Geese
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Immer mehr Menschen müssen jeden Cent zweimal rumdrehen: Armut ist auch in der Städteregion ein großes Thema. Foto: Malte Christians/dpa

Städteregion. Arm zu sein bedeutet in Deutschland nicht, ums nackte Überleben kämpfen zu müssen. Anders als in vielen anderen Ländern gibt es hier noch ein soziales Sicherungssystem, über welches zumindest das Existenzminimum gewährleistet wird – auch wenn man trefflich darüber streiten kann, ob die Höhe der Leistungen tatsächlich ausreichend ist.

Arm zu sein in Deutschland bedeutet vor allem, nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, weniger von Bildungsangeboten profitieren zu können, sich weniger gut ernähren zu können und weniger gut zu wohnen als die meisten anderen, sich stets um die Zukunft sorgen müssen, nicht fürs Alter vorsorgen zu können, isoliert zu sein oder sich immer mehr zurückzuziehen, was sich alles mehr oder weniger stark auf die Gesundheit auswirken kann. Arm zu sein in Deutschland, in der Städteregion, hat viele Facetten. In den kommenden Wochen wird unsere Zeitung einige davon näher beleuchten.

873 Euro im Monat

Wann jemand als arm gilt, wird üblicherweise über das Einkommen definiert. Nach der Definition der Europäischen Union ist eine Person demnach armutsgefährdet, wenn ihr weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung eines Landes oder einer Region zur Verfügung steht. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise lag die Armutsgefährdungsschwelle für Einpersonenhaushalte nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landesbetriebs Information und Technik (IT.NRW) im Jahr 2013 – neuere Daten liegen noch nicht vor – bei 873 Euro monatlich.

„Ändert sich die Einkommensverteilung einer Gesellschaft, ändert sich damit zwangsläufig auch diese Armutsgefährdungsgrenze“, heißt es im aktuellen Kompendium „Der demografische Wandel in der Städteregion“ des städteregionalen Amtes für Kultur und empirische Forschung. In dem vierbändigen, wissenschaftlichen Kompendium zeigen Dr. Nina Mika-Helfmeier, Jessica Lerche, Antje Rüter, Sinja Mund und Nenja Ziesen die demografische Lage und Entwicklungstendenzen in der Städteregion detailliert auf.

Dabei beschäftigen sie sich auch mit dem Thema Armut. Ihre Kernaussagen lauten: Frauen sind stärker von Armut bedroht als Männer, weil sie häufiger als diese in schlecht bezahlten Berufen arbeiten und die Erwerbstätigkeit wegen Familientätigkeiten unterbrechen oder zumindest reduzieren; jeder vierte junge Erwachsene bis 25 Jahre ist von Armut bedroht, weil der Berufseinstieg häufig nur über schlecht bezahlte Praktika oder befristete Jobs möglich ist; Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit sind häufiger von Armut bedroht als Menschen mit deutschem Pass.

Auch der Wohlstand einer Region wird mit Angaben zum Einkommen seiner Einwohnerschaft als maßgeblichem Faktor beschrieben. Ein Blick in Statistiken verschiedener Jahre zum sogenannten verfügbaren Einkommen zeigt, dass die Städteregion in Nordrhein-Westfalen zu den ärmeren Regionen gehört.

Unter dem verfügbaren Einkommen verstehen Statistiker die Einkommenssumme (Arbeitnehmerentgelt sowie Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit und Vermögen), die den privaten Haushalten nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben und zuzüglich empfangener Sozialleistungen wie Kindergeld durchschnittlich zum Konsum und zum Sparen zur Verfügung steht.

Im Jahr 2006 betrug das verfügbare Jahreseinkommen, das auch Aussagen zur lokalen Kaufkraft ermöglicht, je Einwohner in NRW 19.104 Euro, in der Stadt Aachen lag es bei 18.072 Euro und im Altkreis Aachen bei 17.722 Euro. Sechs Jahre später verfügte jeder Einwohner landesweit statistisch betrachtet über 20.409 Euro, in der 2009 gegründeten Städteregion waren es 18.518 Euro. Dabei gibt es gewaltige Unterschiede in den einzelnen Kommunen. Und in acht von zehn Kommunen liegen die Werte deutlich unter dem Landesschnitt.

Woran liegt das? „Es hat immer wieder mal den Versuch gegeben, das herauszufinden“, sagt Fritz Rötting, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Aachen. „Aber eine plausible Erklärung haben wir nicht gefunden. Wir haben mal gedacht, es liege vielleicht daran, dass Aachen so viele Studenten hat. Aber das greift nicht“, sagt er. „Denn vergleichbare Städte wie Münster sind da erheblich besser.“ Der strukturelle Wandel, den die Region nach dem Ende des Steinkohlebergbaus durchgemacht habe, spiele natürlich eine Rolle, sagt Rötting.

Denn Industriearbeitsplätze „waren und sind gut bezahlte Arbeitsplätze“, und da seien viele weggebrochen. Aber das sei jetzt auch schon mehr als 20 Jahre her. Ob man das noch als Erklärung heranziehen könne? Rötting hegt da leise Zweifel, auch mit Blick darauf, dass in der Region in den vergangenen Jahren tausende neue Arbeitsplätze im Technologie- und Dienstleistungsbereich entstanden sind.

Weniger Vollzeitstellen

Genau das – der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsregion – ist aus Sicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region NRW Süd-West eine Ursache für die unterdurchschnittliche Einkommenssituation der Menschen in der Städteregion sowie den Nachbarkreisen. Denn der Dienstleistungssektor sei, so Gewerkschaftssekretär Thomas Hartmann, geprägt durch viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Will heißen: Statt existenzsichernder Vollzeitstellen gibt es immer mehr schlecht bezahlte Teilzeitstellen bis hin zu Minijobs und befristete Stellen mit fehlender oder ungenügender sozialer Absicherung und mangelnder Perspektive. „Zeitarbeitsfirmen boomen, gerade in unserer Region“, stellt Hartmann fest. „Das sehen wir mit großer Sorge.“

Untermauert wird dieser Eindruck durch aktuelle Zahlen des Bundesarbeitsministeriums. Demnach ist binnen 20 Jahren die Zahl derjenigen, die keinen regulären Job haben, um 70 Prozent gestiegen. Waren im Jahr 1993 bundesweit rund 4,4 Millionen Menschen befristet, in Teilzeit mit 20 oder weniger Wochenstunden, Zeitarbeit oder geringfügig beschäftigt, waren es im Jahr 2013 bereits 7,6 Millionen Frauen und Männer. Zugleich ist die Zahl der Normalbeschäftigten von 25,9 auf 24 Millionen gesunken.

Sorgen bereitet dem regionalen DGB auch, dass immer mehr Unternehmen Tarifflucht begehen, „und dadurch keinerlei Nachteile haben“, wie Hartmann feststellt. Bei ihren Unternehmensverbänden und den Kammern würden sie dann als „OT-Mitglieder“ (Mitglieder ohne Tarifbindung) geführt, und das war‘s. Immer häufiger gliedern Unternehmen auch einzelne Aufgabenbereiche in eigens gegründete Tochterunternehmen aus und umgehen so die Tarifbindung, klagen Gewerkschaften. „Der Arbeitsmarkt franst immer mehr aus“, sagt Hartmann. Den Druck spüren die Arbeitnehmer.

Den Boom bei den Technologiegründungen in der Region Aachen sieht Hartmann auch eher mit gemischten Gefühlen. Tatsächlich entstünden aus den Hochschulen heraus mehr Firmen als früher. „Aber wenn sie erfolgreich sind, werden sie geschluckt“, stellt er fest. Der Streetscooter, ein Elektroauto, sei ein Beispiel dafür: Der werde zwar noch in Aachen gebaut, das Unternehmen sei aber von der Post gekauft worden. „Aus Gründungen ergeben sich also nicht immer wirtschaftliche Erfolge für die Region“, sagt der Gewerkschaftssekretär.

Prekäre Beschäftigung, Niedriglohn, ein fehlender Schul- oder Berufsabschluss, Arbeitslosigkeit: Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen in Armut rutschen. Und es gibt eine fatale Spirale: Wer in jungen Jahren wenig verdient, wer immer wieder arbeitslos wird oder wegen Kinderbetreuung oder Pflege nur in Teilzeit erwerbstätig sein kann, dem droht Altersarmut. Über die Folgen von Armut und darüber, wie man den Kreislauf durchbrechen kann, wird in den städteregionalen Kommunen seit einigen Jahren diskutiert. Einige Ansätze werden wir in den nächsten Wochen vorstellen.

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