Archivalie des Monats Mai: Beethovens Notenbände der Europahymne

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Zeitloser Hörgenuss: Ella Rosenberg, Schülerin der Musikschule, spielt für Stadtarchivleiter Dr. René Rohrkamp und Musikschulleiter Harald Nickoll verschiedene Stücke aus den Notenbänden der Europahymne. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Beethoven und Aachen: Gibt es da eine direkte Verbindung? Die Archivalie des Monats Mai zeigt zu Ehren des diesjährigen Karlspreisträgers Professor Timothy Garton Ash Notenbände der Europahymne mit Ergänzungen und Korrekturen von Beethovens Hand selbst.

Das Niederrheinische Musikfest fand vom 22. bis zum 23. Mai 1825 zum ersten Mal in Aachen statt. Für die achte Veranstaltung dieser Reihe hatte man mit Ferdinand Ries einen bekannten Dirigenten gewinnen können, der zuvor unter anderem bei der Philharmonic Society of London tätig war. Ries war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Schüler Beethovens gewesen.

Er wurde gebeten, seine Verbindung zu Beethoven zu nutzen und ihn um eine Übersendung von Abschriften der Noten zu seiner Neunten Sinfonie zu bitten, die zu diesem Zeitpunkt erst zweimal in Wien aufgeführt worden war. Drei der vier daraufhin übersendeten Notenkonvolute befinden sich heute, in Halblederbänden gebunden, im Stadtarchiv Aachen.

Die drei Notenbände wurden von drei verschiedenen Kopisten angefertigt, obwohl ihr einheitlicher Einband dies nicht vermuten lässt. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Ursprünglich war der von Beethoven beauftragte Kopist Ferdinand Wolanek dafür zuständig, die gesamte Partitur inklusive aller Stimmen abzuschreiben.

Allerdings erreichten Ries spätestens am 23. März 1825 die ersten drei Sätze in Partitur und der letzte Satz nur in ausgeschriebenen Stimmen. Angesichts der knappen Zeit vor der geplanten Aufführung fertigte der Aachener Trompeter Uhlig mit den ausgeschriebenen Stimmen die Partitur für den IV. Satz, die in einem weiteren Band vorliegt. Die Anfang April in Aachen eingetroffenen Notenblätter der „Chor-Direktor-Stimme“ mit Solo- und Chorgesangsstimmen und einer begleitenden Bassstimme des vierten Satzes stammen von einem anderen, unbekannten Kopisten.

In einem Textbuch, das dem Publikum bei der Aachener Aufführung vorlag, unterscheiden sich einzelne Passagen zu dem in den Notenbänden vorgegebenen Text, dem Gedicht „An die Freude“ von Friedrich Schiller. Deswegen wird davon ausgegangen, dass man bei der Aachener Aufführung statt „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!“ folgenden Text sang: „Freunde, nicht doch diese Töne. Freuden Hymnen lasst erschallen, Freud‘ im Herzen widerhallen!“

Allerdings verschwieg Ries diese Tatsache in seinem späteren Briefbericht an Beethoven; ebenfalls, dass die Musiker bei der Aufführung schwierig einzustudierende Abschnitte gekürzt oder gänzlich weggelassen hatten.

Die Aufführung der Neunten Sinfonie fand im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten des Stadttheaters statt – ein Grund für die Vergabe des Niederrheinischen Musikfestes nach Aachen. Insgesamt waren 422 Sänger und Musiker an der Aufführung beteiligt.

In vielen Quellen über die Musikgeschichte Aachens wird sie als erste Darbietung nach der Uraufführung in Wien bezeichnet, allerdings fanden zwischen der Bitte von Ries um die Notenabschriften und der Aachener Aufführung auch schon Vorstellungen in London und Frankfurt am Main statt.

Bei Musik- und Beethovenforschern sind die im Stadtarchiv aufbewahrten Bände gefragt, da sie – vor allem in der „Chor-Direktor-Stimme“ – Ergänzungen und Korrekturen von Beethovens Hand enthalten. Im Jahr 1985 wurde das Hauptthema des letzten Satzes der Sinfonie vom Europarat als offizielle Europahymne angenommen. In der Begründung heißt es, „sie versinnbildliche die Werte, die alle teilen, sowie die Einheit in der Vielfalt“.

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