Aachen - Archiv ächzt unter der Last der Urkunden

Archiv ächzt unter der Last der Urkunden

Von: Matthias Hinrichs
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Schaut trotz wachsender Belastung durchaus optimistisch auf die Zukunft in Sachen Vergangenheit: Dr. René Rohrkamp, Leiter des Stadtarchivs, wird auf eine neue Stelle zwecks Restaurierung der enorm wachsenden Urkundenbestände allerdings vorerst verzichten müssen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Fülle der wahrlich gewichtigen Aufgaben lastet denkbar schwer auf den Schultern der Mitarbeiter im Stadtarchiv. Und gute Kondition ist bei den Hütern des kommunalen Gedächtnisses zuweilen auch in physischer Hinsicht gefragt.

Zwecks Dokumentation der dokumentarischen Herausforderungen, die mit wachsender Rasanz in der alten Nadelfabrik auflaufen, wuchtete Dr. René Rohrkamp am Donnerstagabend ein rund acht Kilogramm schweres, reichlich ramponiertes Geburtenregister aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auf den Tisch, um die Dringlichkeit des Problems im Kulturausschuss des Rates noch einmal (be)greifbar zu machen. Eigentlich hätte er sich die Schlepperei freilich gar nicht antun müssen.

Zumindest Überzeugungsarbeit muss der neue Leiter des Stadtarchivs im Grunde derzeit nämlich kaum leisten. So nahmen die Politiker mit größtem Bedauern zur Kenntnis, dass die seit langem geforderte Schaffung einer auf dreieinhalb Jahre befristeten Projektstelle zur Restaurierung von Urkunden dennoch keine Aussichten auf Erfolg haben dürfte.

Mittlerweile, hatte Rohrkamp in einer ausführlichen Vorlage dargelegt, betreuen die derzeit elf Mitarbeiter des Stadtarchivs eine Aktenkolonne, die aneinandergereiht eine Regalstrecke von rund elf Kilometern in Anspruch nehmen würde – das entspricht in etwa der Distanz vom Rathaus bis zur Stolberger Burg. Denn seit dem Umzug in die Nadelfabrik muss das Archiv nun alljährlich allein rund 30 Bände mit Geburten-, Sterbe- und Heiratsurkunden schultern, die allein aus dem Standesamt herangekarrt werden – Umfang pro Exemplar rund 1000, vielfach naturgemäß extrem restaurierungsbedürftige Seiten.

Allein mit der Restaurierung des Folianten, den der Archivleiter den Politikern mitgebracht hatte, sind die Experten rund 300 Stunden beschäftigt, erklärte Rohrkamp. Und hatte bereits in seiner Vorlage eine zweite fatale Rechnung aufgemacht: „Gehen wir davon aus, dass wir immer zehn Urkundenregister mehr restaurieren als beschädigt hereinkommen, dann wären wir bei momentan zu restaurierenden über 800 Registern im Jahr 2096 fertig!“

Allein: Die Einrichtung einer weiteren Stelle würde mit rund 150.000 Euro pro Jahr ins städtische Kontor schlagen – der Vorstoß wurde in der Kämmerei zu den Akten gelegt. Ein Unding – befanden die Mandatsträger im Ausschuss. Und betonten unisono, dass die Kosten fürs Megaprojekt Archivierung als „gesamtstädtische Aufgabe“ keineswegs allein im Kulturetat veranschlagt werden müssten. Will sagen: Spätestens im Haushalt 2017 müsse der Posten – wie auch immer – dringendst geschaffen werden. Wobei letztlich die Politik selbst das Heft in die Hand nehmen könne und müsse, wie die Grünen lakonisch anmerkten . . .

Großes Lob fürs Team

Abgesehen von diesem leichten Anflug der Selbstkritik sparten die Mandatsträger zumindest nicht mit reichlich Lob: an die Adresse des Archivleiters und seines Teams, dem es in beeindruckender Weise gelungen sei, das Haus für interessierte Bürger weiter zu öffnen und durch neue Kooperationsprojekte etwa mit Schulen und Hochschulen den Blick auf die historischen Schätze der Stadt zu schärfen. Dass das Interesse der Bürger gerade an der Ahnenforschung enorm zugenommen habe, sei deutlich spürbar, berichtete Rohrkamp.

Schon um ihnen die Dokumente zugänglich zu machen, müssten diese nun auch digitalisiert werden – was wiederum erst nach der Restaurierung möglich sei. Auch die EDV-basierte Langzeitarchivierung werde daher nun in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich für Personal und Organisation forciert. Kurzum: Um die beträchtlichen Bearbeitungsstaus in den Griff zu kriegen, stelle die Schaffung einer Projektstelle letztlich durchaus „eine preiswerte und schnelle Lösung“ dar.

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