Archäologe Pavlovic sucht nicht nur uralte Kostbarkeiten

Von: Hans-Peter Leisten und Matthias Hinrichs
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Setzt auch mal auf heiße Debatten statt „kalter Scherben“: Dr. Markus Pavlovic. „Es geht nicht darum, irgendwelche wissenschaftlichen Ergebnisse feierlich zu verkünden“, sagt der Archäologe. „Wir wollen mit den Bürgern ins Gespräch kommen.“ Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Als Denkmalschützer und Forscher ist er ohne Frage auf höchstem Niveau unterwegs – wenn auch in aller Regel unterirdisch. Vom viel zitierten Elfenbeinturm hält Dr. Markus Pavlovic allerdings rein gar nichts. „Entscheidend ist für uns letztlich, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen“, sagt der 36-jährige, der seit fünf Jahren als Archäologe für die Stadt Aachen im Einsatz ist.

„Es geht nicht um Statistiken und kalte Scherben, sondern um Menschen und gesellschaftliche Modelle“ – so beschreibt Pavlovic die wichtigsten Herausforderungen an seine Zunft, die eben nicht nur im Boden unter dem Altstadtpflaster warten. Die AZ hat Markus Pavlovic auf eine Tasse Kaffee getroffen – nicht irgendwo, versteht sich, sondern an prädestinierter Stätte in Sachen spektakuläre Rückblicke, dem Aachener Hof.

Die meisten Leute genießen dieser Tage vor allem die Frühlingssonne, wenn sie hier an den römischen Säulen sitzen. Sind Sie mit Ihren Gedanken stattdessen quasi eher unter der Erde?

Pavlovic: Ja, das ist tatsächlich oft so. Inzwischen habe ich aber auch ein anderes Verhältnis zu den vielen historischen Hochbauten in Aachen bekommen, ganz einfach, weil der Stellenwert der Denkmalpflege in jüngerer Zeit viel stärker in den Blick gerückt worden ist.

Welche Orte reizen Sie besonders? Sind es die „klassischen“ Ecken im Herzen der Altstadt?

Pavlovic: Auf jeden Fall. Aber die gesamte Innenstadt ist ganz ohne Frage ein höchst spannendes Terrain für einen Archäologen. Man kann sagen, Aachen ist tatsächlich einer der letzten schlafenden Riesen, wenn es darum geht, die Spuren der Vergangenheit zu entdecken und zu interpretieren. Städte wie Köln oder Trier wissen und kommunizieren seit langem eine Menge über ihre Ursprünge; in Aachen hat das im Grunde erst richtig angefangen, seit mit Andreas Schaub 2006 der erste professionelle Stadtarchäologe an die Arbeit gegangen ist.

Im Hof, oder besser darunter, sind vor drei Jahren menschliche Skelette gefunden worden. Ab 17. April sollen die Funde unter dem Titel „Sprechende Knochen“ im neuen Centre Charlemagne groß präsentiert werden. Dürfen Sie schon etwas darüber verraten, was sie „erzählen“ werden?

Pavlovic: Lassen Sie mich zunächst einmal berichten, wie es zu der Ausstellung gekommen ist. Damals war ja schnell die Rede von einem Wikinger-Überfall im frühen Mittelalter oder einer karolingischen Grabstelle. Wir wollen jetzt aber einen ganz anderen Ansatz realisieren. Wir wollen uns lösen von all den historischen Zusammenhängen und Erklärungsmustern, die normalerweise präsentiert werden. Es soll eben nicht darum gehen, dass irgendwelche vermeintlich weisen Gelehrten den angeblich unbedarften Laien ihre fertigen wissenschaftlichen Erkenntnisse mehr oder weniger feierlich verkünden.

Sondern?

Pavlovic: Wir orientieren uns zunächst an dem, was wir entdeckt haben, was wir konkret sehen und analysieren können. Natürlich stellen wir anhand der Ergebnisse auch Theorien auf, aber wir sind uns klar darüber, dass die eben in ein paar Jahren schon wieder überholt sein können. Wichtig ist uns daher zunächst einmal, den Menschen zu zeigen, was wir gefunden und objektiv festgestellt haben, und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir wollen den Dialog.

Und?

Pavlovic: Ich darf zumindest verraten, dass es sich um menschliche Skelette handelt, die aus der Merowingerzeit stammen, also der Epoche unmittelbar vor den Karolingern, zwischen der Spätantike und dem frühen Mittelalter. Das haben die anthropologischen und chemischen Analysen ergeben, die durch unsere Kollegin Daniela Heller in Kooperation mit verschiedenen Instituten vorgenommen worden sind. Wir können daraus auch ableiten, wie alt die Menschen jeweils in etwa gewesen sind, welches Geschlecht sie hatten, wovon sie sich ernährt haben und dergleichen mehr. Die Skelette rücken uns näher an die Antworten. Sie schieben einen Baustein zwischen die Römer und Karl.

Was hat es mit dem Verfahren der sogenannten „augmented reality“ auf sich, das hier erstmals zum Einsatz kommen soll?

Pavlovic: Diese Technik wird schon seit längerem zum Beispiel im wirtschaftlichen Bereich genutzt. Mit speziellen Programmen können Sie per Smartphone oder Tablet heute animierte Informationen zum Beispiel über eine Anwaltskanzlei abrufen, wenn sie daran vorbeikommen, oder sie erhalten zum Beispiel Bilder von Pinguinen, die ihnen den Weg zum nächsten Zoo weisen. Auf diese Art wollen wir nun auch unsere Knochenfunde „erzählen“ lassen.

Aber auch die feinste Technologie hat doch ihre Grenzen, wenn es um die historische Einordnung geht.

Pavlovic: Natürlich. Aber anders als die Historiker – die die Archäologie gern als reine „Hilfswissenschaft“ betrachten – sind wir eben nicht auf schriftliche Zeugnisse oder andere von Menschen gemachte Informationen angewiesen. Für mich persönlich ist das Faszinierende an unserem Fach, dass wir uns vor allem mit dem Alltag der Menschen in ihrer Zeit beschäftigen. Ich will wissen, was sie bewegt hat, wovor sie sich gefürchtet haben, wie sie sich ernährt haben, wie sie ganz konkret gelebt und gearbeitet haben.

Die Marketing-Experten gehen da aber anders vor. Auf den Plakaten zur neuen Schau lesen wir Sätze wie „Wer war der erste Aachener?“. Geben Sie uns die ultimative Antwort?

Pavlovic: Nein. Dazu müsste man zunächst einmal feststellen, wann der Ort Aachen als solcher zuerst benannt und definiert worden ist. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, könnte man die Römer nennen. Tatsächlich können wir aber keine abschließende Antwort geben, das ist ja das Spannende. Es geht auch darum, die Diskussion darüber anzuregen, ab wann von einer ersten, dauerhaften Besiedlung ausgegangen werden kann. Die könnte es bereits in der Steinzeit in Aachen gegeben haben. Es ist eben nicht so, dass zuerst die Römer da waren, dann war womöglich lange nichts – was wir inzwischen widerlegen können –, und dann kam Karl, weil er „Aua“ an den Knien hatte und die heißen Quellen toll fand. Natürlich hat ein Herrscher wie er sich genau überlegt, wo er den Mittelpunkt seines Reiches schaffen will. Auch er hatte sicher eine Art Masterplan, der auf vorhandenen Strukturen aufgebaut haben muss.

Für die Bauherren von heute sind Sie als Archäologe allerdings so etwas wie der natürliche Feind, oder?

Pavlovic: Klar. Aber Aachen gibt inzwischen wirklich ein gutes Beispiel ab, dass und wie man sich zusammenraufen kann. Nehmen Sie die Tiefbauarbeiten der Stawag hier am Hof, bei denen die Skelette aus der Merowingerzeit entdeckt wurden. Man hat eben nicht gesagt: Das ist aber jetzt doof und verteuert unsere Maßnahme. Man hat erkannt, dass die Archäologie neue Chancen eröffnet, etwas über den Geist dieser Stadt zu erfahren.

Aber auswärtige Investoren interessiert das im Zweifel wenig.

Pavlovic: Richtig. Deshalb ist es gut, dass die Gesetzgebung in Sachen Denkmalschutz erst vor ein paar Jahren wesentlich novelliert worden ist. Heute müssen Investoren etwaige kostspielige Verzögerungen durch archäologische Untersuchungen von vornherein einplanen und auch finanzieren. Man hat damit dem Gedanken Rechnung getragen, dass alles, was im Boden verborgen sein mag, der Allgemeinheit gehört, dass es zumindest dokumentiert werden muss. Es ist heute wichtig geworden, quasi entsprechende zeitliche Puffer in die Planung einzubauen. Die Archäologie kann vorgeben, wann und wo Untersuchungen stattfinden müssen, bevor Bauprojekte in Angriff genommen werden. Das schafft auch Sicherheit für den Investor.

Trotzdem werden historische Relikte nach der Dokumentation nicht selten weggebaggert. Bleibt da nicht die Schere im Kopf nach dem Motto: Wir können eine Menge dokumentieren, aber substanziell erhalten können wir vieles eben nicht mehr?

Pavlovic: Schon. Spätestens seit der Auseinandersetzung um die römische Therme am Standort der Mayerschen Buchhandlung sind auch die Bürger erheblich sensibilisiert und weisen uns oft von sich aus darauf hin, wenn irgendwo die Bagger anrücken. Meistens sind wir aber informiert. Das ist gut so. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass viele Relikte durch die unzähligen Veränderungen, die Tiefbauten im Boden verursachen, nicht mehr in gleichem Maße konserviert sind wie vor Jahrhunderten. Man muss sehen, dass die gesamte Topografie der Stadt über die Jahrhunderte durch menschliche Eingriffe erheblich verändert wurde. Allerorten wurde aufgeschüttet und abgetragen. Deshalb nutzen wir heute zum Beispiel die Chance, archäologische Fenster auch in Neubauten einzurichten und Funde auf diese Weise zu konservieren und zu dokumentieren.

Zum Beispiel?

Pavlovic: Ein gutes Beispiel ist die dm-Drogerie in der Ursuliner-straße. Dort kann man jetzt durch Bodenfenster einen Blick auf eine römische Mauer werfen. Wenn man sich näher damit beschäftigt, gewinnt man wertvolle Erkenntnisse über die Bautechniken in der Antike – damit kann man Entwicklungen bis in die heutige Zeit aufzeigen und Aussagen machen über die Menschen und Gesellschaften, die sie vorangetrieben haben.

Also ist Archäologie für Sie weit mehr als die Beschäftigung mit „toten“ Dingen? War die berühmte Suche nach verlorenen Schätzen nicht Ihr Motiv, den Beruf des Archäologen zu wählen?

Pavlovic: Nein, der „Indiana Jones“-Effekt war es nicht wirklich, der mich in den Bann des Faches geschlagen hat. Ich habe auch Ethnologie studiert, und die hat einen sehr hohen Stellenwert für mich. Wenn ich irgendwo eine römische Goldmünze ausbuddele, sagt die mir im Grunde nicht mehr, als dass sie vor 2000 Jahren von einem reichen Menschen verloren wurde, der sich darüber höchstwahrscheinlich sehr geärgert hat. Viel spannender sind aber Funde aus dem Alltag, die uns viel mehr über das Leben und die Vorstellungen der Menschen von damals „erzählen“ können.

Inzwischen ist die Archäologie in Aachen ziemlich gut etabliert, wie Sie selbst betonen. Gibt es dennoch Wünsche, die Ihnen auf den Nägeln brennen?

Pavlovic: Nicht direkt. Das Wichtigste wäre für mich, dass wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern weiter an der Konsolidierung unserer Arbeit und der Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Institutionen arbeiten. Gerade die Archäologen wissen: Nichts bleibt nachhaltig bestehen, wenn die Strukturen nicht gefestigt werden. Genau das sollten wir also weiter tun. Konkrete Maßnahmen wie das Konjunkturpaket des Bundes haben erhebliche Effekte für unsere Forschung auch und gerade in Aachen gehabt. So etwas brauchen wir auch weiterhin. Es muss uns darum gehen, unsere Urahnen zu verstehen, damit wir lernen, uns selbst besser zu begreifen. Andernfalls hätte unser Fach keinen Wert. Letzten Endes geht es nicht um Statistiken und kalte Scherben, sondern um Menschen und gesellschaftliche Modelle – Modelle, aus denen sich Strategien für die Zukunft entwickeln lassen.

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