Aachen - Arbeitsmarkt-Projekte fürchten das rasche Aus

Arbeitsmarkt-Projekte fürchten das rasche Aus

Von: Tim Habicht
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Sie werben um Spenden für die Arbeitslosenprojekte: Holger Brantin, Gerd Mertens, Peter Brendel, Sabine Lampenscherf und Josef Voß (hinten von links) sowie Hans-Peter Bruckhoff, Renate Weitner und Josef Wienand (vorne von links). Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Sie sind aus verschiedenen Gründen nicht problemlos auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar: Langzeitarbeitslose. Manchmal wegen Drogenproblemen, oft wegen erhöhten Alters oder einer angeschlagenen Gesundheit.

Menschen, die seit einem Jahr oder länger ohne Job sind, erhalten oft den Stempel des faulen Sozialschmarotzers. Dass dies ein Klischee ist, zeigen viele Gegenbeispiele, die in meist kirchlichen Arbeitslosenprojekten unterstützt und beraten werden oder sogar Arbeit gefunden haben. Diese Projekte stehen jetzt aus finanziellen Gründen am Abgrund, denn die Mittel werden immer weniger.

„Seit drei Jahren werden die Fördermittel der aktiven Arbeitsmarktpolitik gekürzt. Im Vergleich zum Jahr 2010 mussten wir mit bis zu 52 Prozent weniger Geld auskommen. Die Situation ist akut und fast schon skandalös“, beklagt Peter Brendel, Vorsitzender von pro Arbeit, dem Dachverband der Arbeitsloseninitiativen. Das Argument, es gebe auch weniger Arbeitslose und der Pro-Kopf-Anteil, den jeder Arbeitslose beziehen würde, wäre annähernd gleich geblieben, sei schlicht falsch.

Zwar gebe es tatsächlich insgesamt weniger Arbeitslose in Deutschland, doch die Zahl der Langzeitarbeitslosen steige weiter. „Derzeit sind es 45 Prozent, Tendenz steigend. Insbesondere kirchliche Unternehmen kümmern sich um diese Menschen. Doch die allgemeine Politik auf dem Arbeitsmarkt ziele auf schnell vermittelbare Menschen, die kurzfristig positive Zahlen liefern. Die schwerer Vermittelbaren kommen zu kurz“, so Brendel.

Noch kritischer beschreibt Hans-Peter Bruckhoff, Superintendant des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, die Situation: „Für mich ist das soziale Apartheid! Durch die erheblichen Kürzungen fällt ein funktionierendes, professionell aufgebautes Netz auseinander. Menschen werden dadurch auf Dauer ausgegrenzt – und das ganz bewusst! Wir müssen uns die Frage stellen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen?“

Die kirchlichen Organisationen und Träger der Projekte rufen zu Solidarität auf. Aufgrund der aktuellen Situation sind die meist kirchlichen Arbeitslosenprojekte umso mehr auf Spenden angewiesen, auch im Rahmen der Solidaritätskollekte am Samstag und Sonntag. Jährlich werden mehr als 400.000 Euro allein aus Kirchensteuergeldern investiert.

Spenden sind nach den weiteren Kürzungen aber so nötig, wie noch nie zuvor. „Wenn wir nicht reagieren, brechen stabile Fundamente und funktionierende System auseinander – und das unwiderruflich. Die Kirche muss sich einsetzen und dies verhindern. Außerdem sollte sie politisch Stellung beziehen und zwar nicht parteipolitisch, sondern allgemein“, sagt Josef Wienand, Regionaldekan i.V. Aachen-Land.

In einem Aufruf fordert pro Arbeit Veränderungen an in der Arbeitsmarktpolitik. Gerechte Löhne, bei allen arbeitsmarktpolitischen Projekten, die tariflich angepasst sind, seien notwendig, um ein Lohn-Dumping auf dem Arbeitsmarktsektor zu verhindern.

Außerdem soll die Vergabe von Maßnahmen und Projekten nicht nur überwiegend im Stadtgebiet Aachen, sondern auch dezentral den Kommunen der Städteregion erfolgen. Als Letztes fordert der Dachverband, dass die regionalen Strukturen der kirchlichen Trägerschaften nicht zerstört werden. Mehr 50 Projekte werden derzeit vom Bistum Aachen koordiniert und unterstützt.

Holger Brantin, Sprecher des Katholikenrates der Stadt-Aachen, ruft zu Spenden auf und übt Kritik an der Politik: „Der Grundwert des Christentums ist Solidarität. Aber die derzeitige Entwicklung macht mir Angst. Die Politik hat die Langzeitarbeitslosen bewusst aus dem Blick verloren. Wir müssen jetzt ein Zeichen setzen und nachhaltig den betroffenen Menschen zeigen, dass wir an ihrer Seite stehen.“

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