Arbeitslosigkeit: Den Jugendlichen Wege aus der Krise zeigen

Von: Jutta Geese
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Resigniert vor einem Berg von Problemen? Sogenannte Case-Manager schaffen es durch intensive Betreuung, Jugendliche ohne Schulabschluss und/oder ohne Ausbildung und Job sowie vielfältigen Problemen neu zu motivieren. Foto: imago/Mc Photo

Städteregion. Eigentlich könnte sich Stefan Graaf zufrieden zurücklehnen: Mit der Reduzierung der Arbeitslosenquote bei den unter 25-Jährigen auf 4,3 Prozent haben der Jobcenter-Geschäftsführer und sein Team eines ihrer Jahresziele 2015 schon jetzt nicht nur erreicht, sondern sogar um 0,2 Prozentpunkte übertroffen.

Doch das Thema Jugendarbeitslosigkeit treibt Graaf seit Jahren um, vor allem die Frage: Wie kann man Jugendliche mit besonderen sozialen Problemen erreichen und wieder in die Gesellschaft integrieren? Diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – durch alle Raster fallen, die auf Briefe nicht reagieren und Termine nicht wahrnehmen, die abtauchen, weil sie vor lauter Problemen kein Land mehr sehen?

Deshalb probiert das Jobcenter Städteregion immer wieder Neues aus, um an diese Gruppe junger Menschen heranzukommen. Ein solches Projekt kann gut ein Jahr nach dem Start überraschende Erfolge aufweisen: das sogenannte Case-Management, eine engmaschige, individuelle Begleitung durch Fachleute des Sozialwerks Aachener Christen und des Vereins für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) Alsdorf.

144 besonders problembeladene junge Leute, im Durchschnitt 22 Jahre alt, sollten diese bislang im Rahmen des Projekts aufsuchen –oder auch aufspüren, weil niemand so genau wusste, wo sie abgeblieben waren – und ihre Hilfe anbieten. 46 konnten sie trotz intensiver Bemühungen nicht erreichen, den anderen aber haben sie Wege aus der Krise zeigen können und sie bei den ersten Schritten begleitet. 15 der Jugendlichen haben inzwischen eine Arbeitsstelle, acht junge Leute haben eine Ausbildung begonnen, zwei sogar ein Studium, 13 besuchen wieder eine Schule und wollen ihren Abschluss machen, elf haben eine Qualifizierungsmaßnahme begonnen, einer absolviert ein freiwilliges soziales Jahr. Einige haben sich ihrer Sucht gestellt und eine Therapie begonnen, andere benötigten nur kleine „Schubser“, um selbst wieder die Kurve zu kriegen.

Wie sind solche Ergebnisse in vergleichsweise kurzer Zeit – im Schnitt begleiten die Case-Manager die Jugendlichen 14 Wochen lang – möglich? „Wir gehen auf die jungen Leute zu und schauen, was los ist“, sagt Projektleiter Leonhard Höfert vom Sozialwerk Aachener Christen. „Dabei geht es erst einmal gar nicht darum, sie in Arbeit oder Ausbildung zu vermitteln. Und wir machen die Erfahrung: Die meisten Jugendlichen sind froh, dass mal einer nach ihnen fragt. Dadurch erhalten sie das Gefühl: Die haben uns noch nicht aufgegeben.“

Viele stünden vor einem Berg von Problemen und sähen keinen Ausweg mehr, berichtet Case-Managerin Ursula Graf. Sie haben erdrückende Schulden („Bis zu 20.000 Euro“), sind suchtkrank oder leiden unter psychischen Erkrankungen, die meisten haben keinen Berufsabschluss. Und manche sehen sich plötzlich mit Polizei und Staatsanwaltschaft konfrontiert, gelten irgendwann als kriminell. „Meist, weil sie nicht rechtzeitig auf Bußgeld- oder Mahnbescheide reagiert haben“, erklärt Graf und schildert einen typischen Fall: Jemand wird beim Schwarzfahren erwischt, zahlt die fälligen 40 Euro nicht und reagiert weder auf Zahlungserinnerungen noch Mahnbescheide.

„Und plötzlich sind mit Gerichtskosten und allem 1500 Euro aufgelaufen und es geht zur Staatsanwaltschaft.“ Natürlich gebe es auch Jugendliche, die wegen Drogen- oder Gewaltdelikten vorbestraft sind, sagt Graf. Doch das sei eine Minderheit. „Aber fast alle kommen aus einem Umfeld, wo die Eltern selbst überfordert sind. Sie können den Jugendlichen nicht helfen, auch wenn sie es wollen“, stellt sie fest. „Wir durchforsten gemeinsam mit den Jugendlichen das Chaos: Was muss als erstes angegangen werden? Was kann noch warten? Auch wir können nicht zaubern, aber wir können soweit Ordnung reinbringen, dass die jungen Leute wieder Land sehen und das Gefühl haben, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen können.“

Das einzig probate Mittel

Bei so problembeladenen Jugendlichen ist nach Ansicht von Brigitte Hörmann vom VabW der aufsuchende Ansatz das einzig probate Mittel. „Nur so kann man den Kontakt herstellen. Man muss an die Ursachen für das Abtauchen ran, um Integration zu erreichen.“ Ein ums andere Mal stellen sie und ihre Kollegen fest, „dass wir zu viel voraussetzen und die jungen Leute sich überfordert fühlen“. Etwa damit, aus einer Altkreis-Kommune nach Aachen zu fahren, weil man nicht weiß, wo man umsteigen muss. Oder ein vereinbarter Termin wird entgegen der Absprache nicht abgesagt, weil das Handyguthaben aufgebraucht war. Durch so etwas entstehen dann wieder neue Probleme. Diesen Kreislauf versuchen die Case-Manager während der intensiven Arbeit mit den Jugendlichen zu durchbrechen. Ziemlich erfolgreich, wie das erste Projektjahr gezeigt hat.

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