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Arbeitskreis Denkmalpflege prangert städtebauliche Sünden an

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Kritik: (v.l.) Dr. Lutz Henning-Meyer, Professor Gerhard Curdes und Björn Schötten vom Arbeitskreis Denkmalpflege – hier vor Bausünden am Bushof – fordern stadtplanerische Gesamtkonzepte. Foto: Michael Jaspers
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Positiv: In der Zollernstraße wurden im Städteregionshaus historische Gebäude sorgsam integriert.
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Leerstände am Dahmengraben: Die Zukunft des Warenhauses „Lust for Life“ ist für das Umfeld bedeutend.
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Schandfleck: Die Rotlichtmeile Antoniusstraße soll in ein Gesamtkonzept Büchel einfließen. Bordelle müssen verschwinden, fordern Stadtplaner.
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Stillstand: In der Großkölnstraße steht nicht nur das ehemalige „Pfeifferhaus“ seit Jahren leer – positive Perspektiven sind hier nicht in Sicht.
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Droht ein ruinöser Wettbewerb? Weil das Einkaufszentrum Aquis Plaza auf 30 000 Quadratmetern Kundenmassen anziehen soll, fürchtet der Arbeitskreis Denkmalpflege um die Existenz vieler Aachener Einzelhändler.

Aachen. Die Warnung der Experten klingt besorgt: „Trotz erheblicher Anstrengungen in den letzten Jahren ist die Zukunft der historischen Innenstadt gefährdet“, mahnt der Arbeitskreis Denkmalpflege (AKD) in seiner aktuellen Stellungnahme zur Situation in Aachen.

Die Fachleute – darunter der emeritierte RWTH-Professor Gerhard Curdes (Städtebau und Landesplanung), Dietmar Kottmann (früherer Rechtsdirektor), Dr. Lutz Henning-Meyer (27 Jahre lang Denkmalpfleger für die Kaiserstadt) und Diplom-Ingenieur Björn Schötten (Bauhistoriker und Verleger) – malen ein düsteres Bild: „Der Stadtkern zerfällt mehr und mehr in Teilbereiche, deren Größe und Form von Investorenzielen geprägt werden und die auf den sensiblen historischen Grundriss und auf die umgebende Gebäudetypologie keine Rücksicht nehmen“, kritisiert Curdes. Bis in die 70er Jahre sei die „kleinteilige Morphologie der Altstadt deutlich verändert und in Teilen auch gestört“ worden. Als Negativ-Beispiele nennen die Stadtentwicklungsexperten den Durchbruch hinter dem Alten Kurhaus (Kurhausstraße), das Warenhausgebäude Horten („Lust for Life“), die Betonwüste Bushof mit angrenzender „ärmlicher“ Randbebauung (Peterstraße) und das Parkhaus am Büchel. Letzteres soll bald weichen – für Geschäfte und Wohnungen.

Schlimmste Befürchtungen äußert der Arbeitskreis Denkmalpflege angesichts des riesigen Einkaufszentrums Aquis Plaza, das ab dem Jahreswechsel 2015/16 am Kaiserplatz Kunden in Massen locken will. „Die Aquis Plaza wird zu einem ruinösen Wettbewerb der Geschäftslagen führen und gefährdet nicht nur die Geschäftsnutzungen der gesamten Adalbert-straße, sondern besonders die der Innenstadt nördlich des Elisenbrunnens massiv“, prognostizieren die Fachleute. Die 600 Parkplätze des Konsumtempels würden den Schwerpunkt der verkehrstechnischen Erreichbarkeit auf den Kaiserplatz verlagern – auf Kosten der Innenstadt.

Viele Läden stehen schon leer

Vorboten des Abschwungs seien bereits unübersehbar. „Schon jetzt stehen zahlreiche Läden in der inneren Stadt leer, besonders auffällig am Dahmengraben“, betont Schötten. Hinzu kommen Umsatzeinbußen des Einzelhandels durch das wachsende Online-Geschäft. „Gegen die Abwanderung von Kaufkraft in das Internet kann nur eine Innenstadt helfen, die so attraktiv ist, dass sie neben dem Einkaufen zusätzliche Erlebniswerte der öffentlichen Räume, der Architektur und eine kleinteilige Nutzungsvielfalt bietet und damit aus dem Einkauf ein Stadterlebnis macht“, empfiehlt der AKD. Er appelliert zudem an das Verantwortungsbewusstsein diverser Immobilienbesitzer: „Sie können dem Leerstand durch realistischere Mieten entgegenwirken.“

Konkurrenz droht auch von anderer Seite: Im Unterschied zu Aachen hätten sich die Städte Maas-tricht und Lüttich in den letzten Jahren stetig entwickelt, stellt der Arbeitskreis fest. „Diese Städte haben im Kern ihre Kleinteiligkeit und einen bedeutenden Teil ihres historischen Erbes bewahrt und sind mit Neubauten äußerst sorgsam umgegangen“, loben die Denkmalschützer. Dies gelte dort ebenso für die vorwiegend kleinteilige Geschäftsstruktur. „Aachen fällt dagegen deutlich zurück!“, urteilt der Arbeitskreis.

Trotzdem sieht der Experten-Zirkel, der von der Stadt schon vor Jahren als Beratungsgremium ins Leben gerufen worden war, Anfang 2014 eine einmalige Chance für Aachen: „Es steht ein großer Teil der nordöstlichen Innenstadt zur Veränderung an, weil Investoren große Komplexe wie den Bushof, die Immobilie ,Lust for Life‘ und das abrissreife Büchel-Parkhaus übernommen haben“, sagt Curdes. „Dies darf aber nicht in Einzelobjekten ohne ein Gesamtkonzept zum Umbau des Bereichs geschehen“, fordert er. Nach langer Stagnation könne man jetzt „eine Vision für die Entwicklung der Innenstadt erarbeiten und damit einen Sprung nach vorne machen“.

Rahmenkonzept jetzt entwickeln

Der Arbeitskreis Denkmalpflege plädiert dafür, noch in diesem Februar die Verantwortlichen an einen Tisch zu bringen – und einen öffentlichen Dialog zu starten: „Es ist notwendig, in einer koordinierten Aktion, die alle wichtigen handelnden Akteure und die Bürger einbindet, ein gestalterisches Rahmenkonzept – vor allem für den am stärksten gefährdeten nordöstlichen Bereich der Innenstadt – zu entwickeln, das bei den anstehenden Projekten sofort greift.“ Dies gelte in erster Linie für die Bereiche Büchel, Antoniusstraße, „Lust for Life“ und das Bushofareal – aber auch andere vernachlässigte Straßenräume. An der Großkölnstraße stehen mehrere Bausünden leer. Denkmalpfleger Meyer erinnert: „Immerhin handelt es sich um eine Pufferzone des Welterbes Aachener Dom und den Denkmalbereich Innenstadt. Dieses große Potenzial ist jede Mühe und Sorgfalt wert.“

Keine Zeit verlieren

Der Arbeitskreis Denkmalpflege ist überzeugt, dass man nicht bis zum Jahresende 2014 warten darf. Eigentlich will die Stadt erst dann ihr eigenes, neues Strukturkonzept für die Aachener City präsentieren. „Bis dahin könnte es zu spät sein, um lenkend einzugreifen“, sagt Schötten. Der neue „Runde Tisch“ müsse alle einbinden: Großinvestoren, Stadtverwaltung, die „Initiative Aachen“, Architektenverbände, den Verein „Aachen-Fenster“, den Märkte- und Aktionskreis City, Hochschulinstitute für Städtebau und beauftragte Planer, die Aseag, Industrie- und Handelskammer und natürlich den Arbeitskreis Denkmalpflege. Das Gesamtziel: „eine Innenstadt, die als symbolischer Kern der ganzen Region eine lange Geschichte in einer gelungenen Verbindung von Alt und Neu in einer beispielhaften Bau- und Erlebniskultur verbindet“. Einfach wird das nicht.

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