Aachen - Arbeiten für die ganz große Prüfung

Arbeiten für die ganz große Prüfung

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
Annika Pütz und Inés Rogge
Weihnachtsstimmung: Außer bei der Nikolausaktion der Schülervertretung spüren die Aachener Gymnasiastinnen Annika Pütz (links) und Inés Rogge im finalen Schuljahr vor dem Abitur davon nicht viel.
Annika Pütz (links) und Inés Rogge
Weihnachtsstimmung: Außer bei der Nikolausaktion der Schülervertretung spüren die Aachener Gymnasiastinnen Annika Pütz (links) und Inés Rogge im finalen Schuljahr vor dem Abitur davon nicht viel.

Aachen. So ein Abitur hat seinen Preis. Das haben Annika Pütz und Inés Rogge in den ersten Monaten ihres letzten Schuljahres erfahren müssen. Abseits des Unterrichts. Denn die Vorbereitungen auf den Abschluss 2013, auf Mottowoche und Abiball kosten nicht nur Zeit. 14.000 Euro muss Inés Rogge mit ihren Schülern der Stufe 13 sammeln, um unter anderem den Aachener Eurogress zu mieten.

5000 Euro spart Annika Pütz mit der sogenannten Q2. So heißt der neue Abschlussjahrgang nun, der bereits nach acht Jahren Abitur macht, während Rogge und die anderen zu den letzten zählen, die in Nordrhein-Westfalen nach neun Jahren an einem Gymnasium Abitur machen.

Es ist sozusagen Halbzeit für den doppelten Abiturjahrgang. Die AZ begleitet die beiden Schülerinnen, ihren Direktor Günther Sonnen und Lehrer Christian Fengler durch dieses besondere Jahr. Die Anspannung steigt. „Das Tempo hat richtig angezogen. Entspannt war das halbe Jahr bestimmt nicht“, sagt die 19-jährige Inés Rogge. „Es wird viel von uns verlangt.“ Und die 17-jährige Annika Pütz nickt.

Keine Panik

Schulleiter Günther Sonnen weiß, dass der doppelte Abiturjahrgang unter besonderen Vorzeichen auf der Schulbank sitzt. „Wir wollen unseren Schülern signalisieren, dass sie keine Panik bekommen müssen“, erklärt er.

Auch die Schule steht vor einer Herausforderung: Es gibt mehr Schüler, die ihren Abschluss machen, mehr Kurse, mehr Prüfungen, mehr Beratungen. Oberstufenkoordinator Christian Fengler erlebt auf allen Ebenen ein Jahr der Superlative. Dennoch spricht er ganz ruhig von den anstehenden Aufgaben: Nach Weihnachten müssen die Abiprüfungen geplant werden. Er hat seine Lehrerkollegen bereits darauf hingewiesen, dass sie die Abituraufgaben der letzten Jahre im Internet zur Vorbereitung einsehen können. „Ich spüre im Moment eine sensible Ruhe, von der wir aber nicht wissen, ob es die Ruhe vor dem Sturm ist“, sagt Schulleiter Sonnen.

Die Strichliste

Es bleiben weniger als 60 Schultage. Annika Pütz führt eine Strichliste. Die letzten „normalen“ Klausuren liegen hinter den beiden Schülerinnen. Nun liegen nur noch die Vorabi- und die Abiturarbeiten – für Pütz in den Leistungskursen Mathematik und Biologie, für Rogge in den LKs Deutsch und Sozialwissenschaften – vor ihnen. Und darüber hinaus die Herausforderung, mit den Schülerkomitees die Abifeiern zu organisieren.

Es sind schon gewaltige Anstrengungen – nicht nur finanzieller Natur –, die gemeistert werden müssen. Im doppelten Abitur-Jahrgang stehen die Schüler dabei immer vor der Frage, was sie gemeinsam und was sie getrennt organisieren können. Angesichts von 93 Q2- und 140 13er-Schülern stoßen Rogge, Pütz und die anderen engagierten Schüler dabei vor allem auf logistische Grenzen. Gefeiert wird – wie beschrieben – getrennt. Die Q2 hat den Lenné-Pavillon des Spielcasinos gemietet, die 13 den Eurogress reserviert. Das Motto ist aber ein gemeinsames.


Die Abitur-T-Shirts sind gleich und doch anders. Sie zeigen zwar das gleiche Motiv, auf die Rückseite müssen aber unterschiedliche Namen gedruckt werden. Es gibt zwei Abiturzeitungen. Aber eine gemeinsame Mottowoche. Die Zeugnisse werden ebenfalls an zwei Tagen getrennt ausgegeben. Die Aula der Schule fasst eben keine 233 Schüler mitsamt ihren Eltern und Geschwistern. Mehr als 400 Plätze gibt es nicht. Auch die Gottesdienste laufen getrennt ab. Und Direktor Günther Sonnen steht vor einer ganz praktischen Frage: „Halte ich zwei verschiedene Abi-Reden?“ Auch das Unterschreiben von möglichst 233 Zeugnissen dauert...

Die Rechnung ist nicht nur für Mathe-LK-Schülerin Annika Pütz logisch: „Wenn sich zwei Stufen in einem Jahrgang auch noch immer absprechen müssen, dann ist das schwieriger und zeitaufwendiger, als wenn eine Stufe alleine ihre
Abiturfeiern organisiert“, sagt sie. Fünf der acht Jahre hatten die beiden Stufen getrennt erlebt, mit Blick auf das Abitur wurde mehr und mehr gemischt. Der erste Farbvorschlag für die T-Shirts aus Rogges Stufe wurde von Pütz‘ Stufe abgelehnt. Sie verstehen sich zwar gut, diskutieren müssen sie trotzdem viel bis sehr viel.

Die Folgen finden die engagierten Schülerinnen auch auf dem Zeugnis. Gerade auf der Zielgeraden Richtung Abitur mit den ohnehin immensen Anforderungen in den Fächern. Rogges Noten haben sich beispielsweise in Deutsch und Sozialwissenschaften zwischen befriedigend und ausreichend eingependelt. Eigentlich ist sie eine gute Schülerin. Und auch Annika Pütz ist in Fächern um drei Notenpunkte abgerutscht.

Schwänzen, um zu lernen

Es gibt auch Schüler, die Randstunden schwänzen, um in ihren Abiturfächern zu lernen. Annika Pütz und Inés Rogge lächeln, statt ihre Fehlstunden aufzuzeigen. „Ich bin bei allen wichtigen Stunden da“, sagt Rogge. Dafür müssen in den Nicht-Abitur-Fächern bei allen oftmals die Hausaufgaben unbearbeitet bleiben. Auf der Strecke bleibt im Endspurt aber vor allem Freizeit (siehe „Drei Fragen an“). Weihnachtszeit? Die ist nur im Oberstufenraum des Couven-Gymnasiums allgegenwärtig – in Gestalt von Hunderten Schokonikoläusen einer Weihnachtsaktion der Schülervertretung. „Für Vorweihnachtsstimmung bleibt ansonsten keine Zeit“, sagt Annika Pütz.

Inklusive Sportunterricht sind die beiden Schülerinnen teilweise bis 18.30 Uhr im Gymnasium. Wenn sie als Schülervertreter an Konferenzen teilnehmen sind sie erst um 23 Uhr zu Hause. Laut einer nicht repräsentativen Online-Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks mit Unicef sind 45-Stunden-Wochen vor dem Abitur Alltag. Dennoch engagieren sich Pütz und Rogge, weil sie sich gerne einbringen. Auch wenn sich bei der Abi-Organisation die Sinnfrage stellen lässt. „Es ist schade, dass diese Arbeit nicht entsprechend geschätzt wird – weder von Eltern, noch von Lehrern oder den meisten Mitschülern“, sagt Rogge.

Die Mischung der beiden Abiturjahrgänge hat aber auch ganz praktische Vorteile für die Schüler. Oberstufenkoordinator Christian Fengler konnte – auch dank einer Kooperation mit dem Kaiser-Karls- und dem St.-Leonhard-Gymnasium – alle Leistungskurswünsche erfüllen. So gibt es neben den von den Schülern geforderten, nach Jahrgang getrennten Kursen, auch gemischte Leistungs- und Grundkurse, die das gebotene Fächerspektrum bis an die Grenze des Machbaren vergrößern. „An der Stelle sind auch die Schüler Pragmatiker“, sagt Sonnen. Ohne Mischung der Jahrgänge hätte Lehrer Fengler etwa keinen Musikkurs mehr geben können.

Die vielen Kurse und Zeitschienen sind nur schwer unter einen Hut zu bringen. Fengler hat es dennoch geschafft. Dafür hat er aber schon im März mit den ersten Vorarbeiten begonnen. Es gibt so viel, was bedacht werden muss: Lehrerwechsel etwa können in der Oberstufe für die Schüler fatal sein. „Ich will Kontinuität“, sagt er.

Schüler entlasten

Um die Schüler zu entlasten, werden jede Woche nur 90 Minuten Sport erteilt. 45 Minuten werden „gesammelt“ und dann mit einem Sportsamstag en bloque aufgeholt. Die Anforderungen an den Doppel-Abi-Jahrgang lassen auch die Lehrer und Schulleiter kreativ werden. Zugunsten von Zusatzkursen mussten letztlich nur wenige Kurse aufgelöst werden – unter anderem zwei in Philosophie.

In Mathematik wiederum gibt es fünf Leistungskurse mit 112 Schülern. Hier – aber auch in Spanisch, Englisch und Deutsch – arbeiten die Lehrer kursübergreifend zusammen, Unterrichtsmaterial wird ausgetauscht, Klausuren werden gleichzeitig geschrieben. Das ist zwar logistisch aufwendiger (Räume und Aufsichtslehrer müssen her), pädagogisch aber sinnvoll, weil alle Schüler vergleichbare Leistungen abliefern müssen. So wie im Zentralabitur.

Dann ist alles natürlich noch ein paar Nummern größer: Am Couven-Gymnasium werden 102 Deutsch-, 142 Englisch- und 164 schriftliche Matheprüfungen gestellt. Um alle 233 mündlichen Prüfungen – übrigens nach zwei verschiedenen Prüfungsordnungen – abzuhalten, wird es drei Tage unterrichtsfrei für die anderen Schüler geben (Selbstlerntage) – weil alle Lehrer in die Aufsicht eingebunden sind. Die Schulordnung sieht in normalen Jahren nur einen solchen Tag vor. In solchen gibt es am Couven auch nur rund 140 Abiturienten. Und so hat das Abitur nicht nur seinen Preis. Es zahlt sich letztlich auch für alle anderen Schüler aus – in Freizeit.


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