Apokalypsen und Ausblicke: Hermann Maurer im Krönungssaal

Von: Marc Heckert
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Hielt mit seinen Zukunftsvisionen den voll besetzten Krönungssaal im Bann: Hermann Maurer. Das Interesse war so groß, dass vielleicht der Tivoli der bessere Veranstaltungsort gewesen wäre, wie Gastgeberin Gisela Engeln-Müllges von der Initiative Aachen scherzte. Foto: Andreas Herrmann
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„Sie werden sich ohne ein solches Gerät nackter vorkommen als ohne Unterhose“: Wissenschaftler Maurer über die Bedeutung des Smartphones in der Zukunft.

Aachen. Zu sagen, das Interesse am Vortrag von Hermann Maurer sei einigermaßen groß gewesen, wäre einigermaßen untertrieben gewesen. Insgesamt 1000 Zuhörer lauschten im Rathaus den Ausführungen des Universitätsprofessors und Science-Fiction-Autors aus Graz.

Davon saßen 800 im proppenvollen Krönungssaal. Im Ratssaal darunter wollten noch einmal gut 200 Zuhörer hören, was der mehrfache Ehrendoktor auf die Frage „Überwacht, verroht, bedroht und verdummt uns das Internet?” antwortete, mit der die einladende Initiative Aachen den Abend überschrieben hatte. Und es wären wohl noch einige Hundert mehr Besucher gewesen, hätten sie denn ins Gebäude gepasst.

So viel Öffentlichkeit für ein digitales Thema? Die Organisatoren unter Initiative-Vorstandssprecherin Professorin Gisela Engeln-Müllges hatten offenbar einen Nerv getroffen. Und mit Maurer – als Redner und Autor bekannt für eine unterhaltsame Kombination aus weitem Horizont, fundiertem wissenschaftlichen Unterbau und lebendigem Vortrag, das Ganze angereichert mit einer Prise österreichischen Charmes – einen Referenten gewonnen, der ein Publikum vom Studenten bis zum Fachhochschulrektor mühelos in seinen Bann ziehen kann.

„Windschief ausgehandelte Abkommen wie TTIP“

Was ihm auch gelang – trotz eines extrem weit gespannten Themenbogens. „Warum Unglaubliches auf uns zukommt, und wir uns nicht über alles freuen werden“ hatte der Vorsitzende der Informatik-Sektion der Europäischen Akademie der Wissenschaften seine 75-minütige Rede betitelt. Die gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets waren darin nur ein Punkt unter vielen völlig unterschiedlichen.

So warb Maurer etwa für die Nutzbarmachung neuer Energieformen wie Erdwärme, Kernfusion und Fracking. Für die Anwendung von elektronischen Fußfesseln im Strafvollzug. Für eine „Entfernungssteuer“ auf Produkte, um die Umwelt von weltweiten Transporten zu entlasten, unsere Abhängigkeit von unmenschlichen Staaten zu verringern und unsere lokale Wirtschaft zu stärken. „Machen wir Europa autark“, forderte er und wandte sich dagegen, „windschief ausgehandelte Abkommen wie TTIP“ zu unterzeichnen. An dieser Stelle wurde er erstmals von spontanem Beifall unterbrochen.

Eindringlich warnte er vor den Gefahren von Cyberangriffen etwa auf Energie- und Kommunikationsnetzwerke. „Wir haben noch Glück gehabt bis jetzt“, sagte er. „Wenn sechs Wochen lang der Strom in Mitteleuropa ausfällt, sind 100 Millionen Menschen tot.“ Kein Wunder, dass man angesichts solch apokalyptischer Szenarien im Saal öfter einmal die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können.

Handpumpen für Aachener Tankstellen

Die Vorbereitung auf den Tag X, an dem Strom, Telefon und Wasser nicht mehr wie gewohnt bereitstehen, liegt Maurer am Herzen. „Erzwingen Sie, dass in Aachen ein Drittel der Tankstellen eine Handpumpe hat“, riet er den Entscheidern in der Kaiserstadt. In Österreich habe er dies durchgesetzt.

Und das Internet und seine Auswirkungen? Zweifellos bedeute es eine Gefahr für viele Branchen, etwa Handel, Buchdruck, Banken oder Reisebüros, und trage so zu struktureller Arbeitslosigkeit bei. Auch der Verlust der Privatsphäre durch gläsernes Einkaufsverhalten, die Auswertung von GPS-Ortungsdaten sowie die Überwachung durch Minikameras sei bedenklich. Und: „Insgesamt wird die Entwicklung noch viel rascher vorangehen, als wir annehmen.“

Auch der Mensch selbst verändere sich unter dem Dauerfeuer der „Unterbrechungstechnologien“ wie SMS, Whatsapp- und Facebook-Nachrichten. Konzentrationsfähigkeit und kognitive Fähigkeiten nähmen ab. „Ständiges Vergessen“ regiere, da man ja alles nachschlagen könne.

„Als Cyborg, der ich bin“

Ausschließlich schwarz wollte Maurer die Zukunft der digitalen Gesellschaft aber nicht gemalt sehen: Schon immer habe der technische Fortschritt dazu geführt, dass der Mensch körperliche Fähigkeiten reduzierte. Vor der Erfindung des Autos etwa hätten Menschen als Lastenträger viel mehr leisten können als heute, sagte er „als Cyborg, der ich bin“ – mit Herzschrittmacher, künstlichem Hüftgelenk, Brille und Hörgerät. Durch die neuen Möglichkeiten der Technik werde dies aber idealerweise überkompensiert.

Was also tun? „Wir müssen dafür sorgen, dass kreatives Denken und Konzentration wieder gestärkt werden.“ Und um die „digitale Kluft“ zwischen den Generationen zu überbrücken, so dass junge Menschen künftig auch wieder etwas von älteren lernen können, statt nur noch voneinander,  da helfe: ein internetfreier Sonntag.

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