Antibiotika: Weniger kann auch mehr sein

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Aachen. Antibiotika in der Massentierhaltung: Etwa 40 Interessierte hatte die Veranstaltung von Bündnis 90/Die Grünen mit dem mehrdeutigen Titel „Mahlzeit“ in die Citykirche gelockt.

Antibiotikaresistenzen können lebensgefährlich sein. Um das Thema wieder auf die politische Agenda zu setzen, diskutierten unter Moderation von Grünen-Ratsfrau Dr. Lisa Lassay Vertreter von Landwirtschaft, Politik und Medizin.

Resistenzentwicklung

Professor Sebastian Lemmen ist Leiter des Zentralbereichs für Krankenhaushygiene und Infektiologie der Uniklinik Aachen. Er räumte zunächst mit einigen Vorurteilen auf: Nur zwei bis drei Prozent aller Erreger seien antibiotikaresistent.

„Grundsätzlich sind Resistenzentwicklungen normal, die gehören zur Überlebensstrategie von Bakterien ebenso wie von Parasiten und Pilzen.“ Nicht so sehr der gefürchtete MRSA-Erreger sei dabei das Hauptproblem, sondern zunehmend eher Darmkeime. Die Resistenzen könnten also allenfalls verlangsamt werden.

Die Ursachen sieht Lemmen bei mehreren Faktoren: „Zu viele, nicht indizierte Antibiotikaverschreibungen bei Mensch und Tier. Zu wenige Neuentwicklungen von Präparaten.“ Die beste Strategie im Umgang mit multiresistenten Keimen sei die konsequente Händehygiene von Krankenhauspersonal und Besuchern. „Wir haben an jedem Bett einen Spender zur Händedesinfektion.

Keine Zeit ist da kein Argument.“ Allerdings sei das Thema Hygiene lange Zeit in Krankenhäusern sträflich vernachlässigt worden. „Meine Abteilung gibt es seit 20 Jahren. Aber damit stehen wir bundesweit eher allein da. Die Ausstattung der Krankhäuser mit Hygienefachkräften und Krankenhaushygienikern ist – freundlich gesagt – saumäßig.“

Dr. Thomas Griese, Staatssekretär im Umwelt- und Landwirtschaftsministerium des Landes Rheinland-Pfalz und Grünen-Mitglied, lenkte die Aufmerksamkeit auf die Massentierhaltung. Auch er warnte vor Vorverurteilungen der gesamten industriellen Landwirtschaft: Das Problem liege nicht bei den Rindern, Ziegen, Schafen, Milchkühen und Legehennen. Bei Puten und Mastgeflügel sowie im geringeren Umfang bei Schweinen würden die meisten Antibiotika eingesetzt. Und das überwiegend in West-Niedersachsen und im nördlichen NRW, weil da die Bestandsdichte am größten sei. „In anderen Landesteilen haben wir eher zu wenig Tierhaltung.“

Es habe seit 2011 zwar einen Rückgang der eingesetzten Menge gegeben, „dafür werden mehr so genannte Reserveantibiotika eingesetzt, die eigentlich dem Menschen vorbehalten bleiben sollten“. Seit dem 1. Januar 2014 gebe es aber eine Meldepflicht über den Einsatz von Antibiotika. „Das ist ein Fortschritt, weil so die Risikohöfe ermittelt und mit Auflagen belegt werden können“, so Griese Die Haltungsvorschriften für diese drei Tierarten müssten aber verbessert werden.

Wilfried Jansen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Aachen und Rindviehhalter in der Eifel, warnte vor einfachen Schuldzuweisungen: „Die gleichen Erreger befallen Mensch und Tier, wir brauchen für beide wirksame Arzneien.“ Deshalb könne auch ein Tierhalter nicht ganz auf Reserveantibiotika verzichten. In Sachen Resistenzentwicklung plädierte er auch für einen bewussten Umgang mit Antibiotika. Und er forderte den kritischen Verbraucher: „Immer neue Qualitätslabels und gleichzeitig 30 Prozent Preisreduzierung durch die vier bis fünf marktbeherrschenden Einkäufer gehen nicht zusammen.“

Zweifel bleiben

Mehr Geld in vielen Bereichen lautet also die Quintessenz des Abends in der Citykirche: an der Ladentheke um eine artgerechte Haltung zu ermöglichen, für die Forschung an neuen Antibiotika, für mehr Hygienepersonal in Krankenhäusern. „Ist die Bevölkerung dafür bereit?“, fragte Griese vielleicht auch angesichts der „Massen“ in der Citykirche mit zweifelndem Unterton.

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