Anti-Atom-Demo: 4000 Menschen folgen dem Aufruf

Von: Stefan Herrmann
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Schwarz-gelber Kreis gegen die Atomkraft: Auf dem gesperrten Europaplatz sorgten rund 4000 Demonstranten für ein eindrucksvolles Bild. Foto: Andreas Herrmann
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Bunter Protest: Zahlreiche Demonstranten hatten nicht nur den Schirm dabei, sondern verliehen ihrem Protest darüber hinaus kreativ Ausdruck. Foto: Andreas Herrmann
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Beeindruckt vom Schirmmeer: Gisela Nacken begrüßte die 4000 Teilnehmer am Europaplatz im Namen der Organisatoren. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Als sich die gelbbeschirmte Masse in Bewegung setzte, nutzte ein Demonstrant die Gunst der Stunde und rief Aachen kurzerhand zur Anti-Atomkraft-Stadt aus. Zwei schnelle Schritte als Anlauf reichten für den Sprung ans Straßenschild und schon pappte der knallgelbe Aufkleber mit der schwarzen Aufschrift „Tihange abschalten!“ auf dem grünen Umweltzonen-Schild am Europaplatz.

Gelb, grün, schwarz. Es waren die Farben, die an diesem Sonntagmittag dominierten an Aachens großem Einfalltor, dem Europaplatz.

Die Grünen hatten zur Demo gerufen – und die Menschen strömten zu Tausenden auf den gigantischen Kreisel. Und während die Flaggen der europäischen Staaten sanft im Wind flatterten und die riesige Fontäne unablässig Wasser in den Himmel jagte, reckten laut Polizeiangaben rund 4000 Demonstranten ihre gelben Schirme in die Luft, wedelten, pfiffen, klatschten und riefen so ihren Protest heraus.

„Abschirmen unmöglich – Da hilft nur abschalten“, lautete das Motto des Tages, dem Alt-Aktivisten, die schon in den 1980er Jahren auf die Straße gegangen waren, und Neugeborene (nebst Mama und Papa), Politiker und ganz „normale“ Bürger, Niederländer, Belgier und Deutsche gefolgt waren.

Es war ein bunter Beerdigungszug, wie in die Stadt wohl noch nicht erlebt hat. Denn daran erinnerte der Zug, der um 12.45 Uhr von der Rednerbühne am Rande des Platzes in den Kreis zog. Dafür sorgte die „Renew Brass Band“ aus Eschweiler, die den 4000 Demonstranten voranschritt und dem Ganzen einen Hauch New-Orleans-Flair verlieh.

So wie dort verstorbene Menschen mit einem musikalischen Umzug durch das Viertel zu Grabe getragen werden, wollen auch die vielen tausend Teilnehmer, dass die Atomenergie so schnell wie möglich das Zeitliche segnet. „Abschalten!“, schallte es immer wieder aus der Menge. Fahnen, Banner, bunte Pappnasen. Der Protest gegen AKWs wie Tihange und Doel in Belgien und die weiterhin in Europa verbreitete Atompolitik ist bunt.

„Ich glaube, dass bei den Bürgern aus Angst echte Empörung geworden ist. Das ist richtig so!“, rief Gisela Nacken, Sprecherin des Kreis-Grünenverbandes, zur Begrüßung in die Menge. In kurzen, knackigen Statements meldeten sich anschließend auch der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold („Die kurzfristige Gier zerstört das Vertrauen in Politik und Wirtschaft.“), der Vorsitzende der belgischen Grünen Ecolo Patrick Dupriez („Wir stehen alle zusammen!“), Andy Rosselvon von GroenLinks Limburg („Ich hoffe, dass wir so lange zusammenkommen, bis alle Reaktoren in Europa abgeschaltet sind.“) und der grünen NRW-Vorsitzenden Mona Neubaur („Wir ziehen den Hut davor, was Ihr hier in Aachen auf die Beine stellt!“).

Kritik an der Bundesregierung

Die, die schon seit Jahren mächtig Alarm machen in Sachen Tihange, gehören zum Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie. Sprecher Walter Schumacher lobte denn auch die grüne Schirm-Protestaktion, nutzte die Gelegenheit aber auch, um den Politikern einige Kritikpunkte ins Zwischenzeugnis zu schreiben. So sei es ein guter Schritt, dass – angeführt von der Städteregion Aachen – mittlerweile 80 Kommunen und Kreise gegen den Betrieb der belgischen Pannenmeiler Tihange und Doel klagen.

Dass mit Städteregionsrat Helmut Etschenberg ausgerechnet ein CDU-Mann an der Spitze dieser Bewegung stehe, habe Schumacher und seine Mitstreiter schon verwundert. „Da hatten wir eigentlich gehofft, dass die Grünen schon früher vorangegangen wären.“ Für Schumacher sei der Protest auf der Straße eh vom politischen und juristischen Weg zu trennen. „Wir müssen Sachen machen, die nicht normal sind! Wir müssen Sachen machen, die nicht legal sind, um diese illegalen Dinger vom Netz zu bekommen“, rief er und erhielt dafür viel Applaus.

Dass man mit den aktuellen politischen Bestrebungen nicht vollends zufrieden sein könnte, unterstrich auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Kriescher. „Wir müssen diesen Protest in die Regierungen tragen!“, forderte er. Denn auf Bundesebene sträube man sich von Seiten der schwarz-roten Regierung weiterhin, die Klage der Städteregion in Belgien zu unterstützen. „Unterstützen Sie endlich die Klage!“, rief Kriescher in Richtung Kanzlerin Angela Merkel, ihrem Vize Sigmar Gabriel und Umweltministerin Barbara Hendricks – und erhielt dafür jede Menge Applaus.

Das deutlichste Signal an diesem Tag aber waren die 4000 Menschen, die gekommen waren und den Europaplatz um kurz vor 13 Uhr in ein schwarz-gelbes Regenschirmmeer verwandelten. Die markanten Paraplüs sind in Windeseile zum absoluten Verkaufsschlager geworden. 5000 davon hatten die Grünen für die Aktion geordert. Diese sind, bis auf einige wenige, ausverkauft. Und im Regensommer 2016 hat sich längst ein neuer Gruß zwischen gelben Schirmträgern entwickelt. Entdeckt man einen Gleichgesinnten auf der Straße, wippt man mit dem Schirm und lacht sich an. Am Sonntag hatten die Demonstranten dazu reichlich Gelegenheit. Auf Kommando ließen 4000 Menschen die Schirme um exakt 13.08 Uhr aufploppen und sorgten für ein imposantes Bild auf dem Europaplatz.

Wenige Minuten darauf war die Protestaktion offiziell beendet. Doch einmal vor Ort, nutzten viele Teilnehmer die Gunst der Stunde, um noch das seltene Erlebnis eines Spaziergangs auf dem autofreien Europaplatz zu genießen – zumindest so lange, bis die Wolken kurz darauf ihre Schleusen öffneten.

Doch an einen Schirm hatte an diesem Tag glücklicherweise (fast) jeder Demo-Teilnehmer am Europaplatz gedacht...

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