Annely Kall: „Konkurrenz und Neid gehören oft dazu“

Letzte Aktualisierung:
14496439.jpg
Breites Spektrum statt nur Kunstkenner: Annely Kall, Vorsitzende des Kulturwerks Aachen, will auch diejenigen in ihre Galerie locken, die sich normalerweise nicht mit zeitgenössischer Kunst beschäftigen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Kunst begleitet Annely Kall schon seit Jahren. Seit 2010 widmet sie sich als Vorsitzende des Kulturwerks Aachen vor allem der Förderung junger Künstler aus Aachen. Unsere Mitarbeiterin Svenja Pesch hat sich mit Annely Kall getroffen und mit ihr über den Stellenwert der Kunst in der Kaiserstadt und den Konkurrenzkampf junger Künstler untereinander gesprochen.

Seit wann sind Sie die Vorsitzende des Kulturwerks?

Kall: Ich bin seit der Gründung im Jahr 2010 Vorsitzende des Kulturwerks. Von 2010 bis 2016 war ich Vorsitzende des Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) Aachen/Euregio.

Wie kam es zu der Gründung des Kulturwerks und welche Ziele verfolgt der Verein?

Kall: Das Kulturwerk Aachen ist ein neuer Kunstverein, der sich dem Abenteuer der zeitgenössischen Kunst widmet. Neben der Realisierung von Gruppen- und Einzelausstellungen ist es uns eine Herzensangelegenheit, das Ausgestellte auch zeitgemäß und an unterschiedliche Zielgruppen zu vermitteln: Es geht nicht nur darum, Hintergrundwissen über Kunst und Künstler zu vermitteln, sondern auch darum, das Denken über die Herstellung zeitgenössischer Kunst im heutigen Alltag zu verankern.

Wie genau sieht das aus?

Kall: Durch ausstellungsbegleitende Führungen, Künstlergespräche, Vorträge und Diskussionen leistet der Kunstverein einen wichtigen Beitrag zum Verstehen der aktuellen Kunst. Anstelle einer festen Begriffsbestimmung geht es um eine dialogische Annäherung an unterschiedliche und sich ständig ändernde Inhalte, Erscheinungsformen und Funktionen von Kunst heute. Ziel ist es also zusammengefasst über das aktuelle Kunstgeschehen zu informieren und alle Interessierten einzuladen, sich die zeitgenössische Kunst zu erschließen.

Es besteht eine Kooperation mit dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, kurz BBK.

Kall: Genau, der Verein kooperiert mit dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Aachen/Euregio in ideeller Form. Letztlich möchte das Kulturwerk allen an der zeitgenössischen Kunst Interessierten ein verlässlicher und aktiver Partner sein. Darüber hinaus stellt sich der Verein der Verpflichtung, Kunst aus dem Aachener Raum zu fördern und den Künstlern die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, ihre Werke bekannt zu machen und sich selbst in unserer Gesellschaft die nötigen Existenzgrundlagen zu schaffen.

Wie sieht diese Kooperation konkret aus?

Kall: Insbesondere die traditionellen Jahresausstellungen werden von beiden Vereinen gemeinsam organisiert und realisiert. Allerdings legen wir schon viel Wert darauf, dass das Kulturwerk als eigenständiger Verein wahrgenommen wird. So zählt das Kulturwerk 71 Mitglieder, davon neun Vorstandsmitglieder.

Wie beurteilen Sie die geografische Lage des Kulturwerkes in den Aachen Arkaden?

Kall: Wir sind froh, dass uns der Raum hier zur Verfügung gestellt wird. Er liegt mitten in der Einkaufspassage und dadurch sind hier immer zahlreiche Menschen unterwegs. Gerade im Bereich der Kunst ist es oftmals so, dass man häufig dieselben Menschen auf Ausstellungen antrifft. Das ist ein richtig fester Kreis von Interessierten und Kunstkennern. Aber dadurch, dass wir mitten im Shoppinggeschehen liegen, kommen nicht selten Interessierte zu uns, die sich mit Kunst normalerweise nicht so viel beschäftigen. Und das ist genau das, was wir erreichen möchten. Dass wir ein breites Publikum ansprechen, unabhängig davon, ob nun Kunstkenner oder nicht. Das Image der Kunst ist leider oft noch mit einem gewissen Prestige behaftet, was manch einen davon abhält, sich mit den Inhalten näher zu befassen.

Wie wird entschieden, welcher Künstler im Kulturwerk seine Arbeiten ausstellen darf?

Kall: Da wir pro Jahr zwischen acht und zehn Ausstellungen organisieren, ist es sinnvoll, sich persönlich vorzustellen, oder Arbeitsproben zu schicken. In Teamsitzungen entscheiden wir dann gemeinsam, ob die Arbeiten gezeigt werden oder nicht. Dabei ist es gar nicht ausschlaggebend, ob jemand nun Kunst studiert hat oder nicht. Wenn es passt, dann passt es einfach. Da innerhalb unseres Vorstandes so ziemlich jeder eine anderer Kunstrichtung vertritt, haben wir viele Meinungen und können ausgiebig darüber diskutieren, was gezeigt wird und was nicht. Diese Vielfalt schätze ich sehr, denn wir sind dadurch sehr flexibel und nicht auf eine konkrete künstlerische Linie festgelegt.

Und was definieren Sie persönlich als gute Kunst?

Kall: Das ist eine schwere Frage. Mir gefallen Künstler, die im Kopf etwas entwickeln, was man machen kann und was von guter Qualität ist. Wenn jemand lange über das, was er machen möchte, nachgedacht hat und sich ans Arbeiten begibt – das mag ich. Ob das Endergebnis dann beim ersten Mal direkt so gut wird, wie gehofft, spielt keine Rolle. Aber das intensive Auseinandersetzen mit einem bestimmten Thema schätze ich sehr.

Die Grenzlage der Stadt macht Ausflüge und somit auch Kooperationen mit unseren Nachbarländern einfacher möglich. Wie steht das Kulturwerk zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit?

Kall: Wir sind in unserem Handeln und in der Planung von Ausstellungen nicht auf lokale Künstler festgelegt. Bisher haben wir Arbeiten von Künstlern aus ganz Nordrhein-Westfalen, aber auch aus Russland sowie Rumänien und Frankreich gezeigt. Mit Belgien und den Niederlanden gab es ebenfalls Kooperationen. Viele Künstler mit unterschiedlichen Richtungen sorgen dafür, dass wir den Besuchern ein breites Spektrum an Kunst zeigen können.

Würden Sie persönlich sagen, dass Aachen ein guter Arbeits- und Aufenthaltsort für Künstler ist?

Kall: Das kann ich so pauschal gar nicht beantworten. Es gibt hier in Aachen schon viele Vereine und Gruppen mit künstlerischem Schwerpunkt. Natürlich kann man das nicht mit einer Weltstadt wie Berlin oder Frankfurt vergleichen, aber für eine eher kleine Stadt wie die unsere ist das schon viel. Alleine das Kulturwerk, der BBK oder auch das Atelierhaus geben vielen Künstlern eine Basis. Dass Aachen künstlerisch gesehen nur wenig zu bieten hat, halte ich für absolut falsch. Vielmehr ist es für Künstler im klassischen Sinn generell schwer geworden, von ihrer Kunst alleine leben zu können. Da ist Vernetzung mitunter schon ein wichtiger Faktor, wenn auch nicht immer.

Warum nicht immer?

Kall: Nun ja, manche Künstler wünschen sich zwar ein besser funktionierendes Netzwerk, allerdings spielt dabei nicht selten auch die Angst eine große Rolle. Denn Konkurrenz und Neid gehören oftmals zum Arbeitsalltag von nicht nur jungen Künstlern. Ideen werden abgekupfert und Motive oder Entwürfe in leicht geänderter Form übernommen und als die eigenen ausgegeben. Insbesondere für junge freie Künstler ist es schwer, richtig Fuß zu fassen. In dem Bereich wünsche ich mir schon mehr Unterstützung und Fördermittel. Es gibt mit Sicherheit genug Sponsoren, die junge Künstler in jeglicher Form unterstützen könnten. Die meisten jungen Künstler machen sich zwar bemerkbar, aber oftmals dauert es zu lange, bis wirklich etwas passiert. Und da jedes Jahr viele neue Künstler dazukommen, ist es umso schwerer, aus der Masse herauszustechen.

Sie selbst befassen sich seit vielen Jahren mit Kunst. Inwieweit sind Ihre persönlichen Erfahrungen für die Arbeit im Kulturwerk hilfreich?

Kall: Ja, ich habe einiges an Fachwissen und kann bestimmte Dinge von der künstlerischen Perspektive her besser und tiefgründiger betrachten. Außerdem kann ich natürlich die Sorgen und Nöte, aber auch die Wünsche der Künstler verstehen und weiß, dass das nicht immer so einfach ist.

Was wünschen Sie sich für das Kulturwerk?

Kall: Ich hoffe, dass wir weiterhin so tolle und bunte Ausstellungen zeigen können und der Kunst und den Künstlern eine größere Plattform bieten können. Außerdem wünsche ich mir, dass wir die Kunst einem möglichst breiten Publikum näherbringen können mit Unterstützung der regionalen Medien – und dass wir als Verein noch lange die für unsere Ausstellungen benötigten Räume zur Verfügung haben. Natürlich würden wir uns über neue Mitglieder freuen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert