Aachen - Anna Lina Becker ist die einzige Vikarin im Evangelischen Kirchenkreis Aachen

Anna Lina Becker ist die einzige Vikarin im Evangelischen Kirchenkreis Aachen

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Die große Ausnahme: Anna Lina Becker hat ihr Vikariat an der Aachener Immanuelkirche beendet und ist damit die einige Vikarin im Evangelischen Kirchenkreis. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nach der katholischen Kirche muss sich auch die evangelische Kirche mit einem Phänomen auseinandersetzen, das ihr lange fremd war: Pfarrermangel. Im ganzen Kirchenkreis Aachen gab es in letzter Zeit nur eine Vikarin. Sie heißt Anna Lina Becker und wurde jetzt nach ihrem Theologiestudium in Bonn und Göttingen sowie der zweieinhalbjährigen Ausbildungszeit in der Aachener Immanuelkirche dort zur Pfarrerin ordiniert – obwohl sie eigentlich Physiotherapeutin werden wollte.

Warum es anders gekommen ist, erzählte sie Rauke Xenia Bornefeld.

Der Kirchenkreis Aachen geht von Setterich-Siersdorf im Norden bis Roggendorf im Süden. In diesem ganzen Bereich sind Sie die einzige Vikarin…

Anna Lina Becker: Ich weiß (lacht laut).

Fühlen Sie sich ein wenig einsam?

Becker: Nein, erstens werde ich toll von meinen Aachener Kollegen unterstützt und konnte mir immer Rat holen. Und zweitens werden alle Vikare eines Jahrgangs der Rheinischen, Westfälischen und Lippischen Landeskirche sowie der Reformierten Kirche gemeinsam im Predigerseminar ausgebildet. Dadurch sieht man sich alle paar Wochen und tauscht sich aus.

Was hat Sie bewegt, Theologie zu studieren und anschließend Pfarrerin zu werden?

Becker: Das war ein Weg voller Zufälle. In der Rückschau würde ich sagen: Mich hat jemand geführt. Ich habe mich erst sehr spät für den Werdegang der Pfarrerin entschieden. Lange war es eher ein Mäandern. Angefangen habe ich mit Theologie, weil ich keinen Studienplatz für Physiotherapie in Heerlen bekommen habe. Ein Jahr Wartezeit wollte gefüllt werden. Aber ich hatte keine Idee und auch kein Interesse daran, mich anderweitig zu orientieren. Deshalb hat mein Vater einen Berufstest für mich gemacht. Das Ergebnis: Lehrerin oder Pfarrerin. Das waren genau die Berufe, die ich mir am allerwenigsten vorstellen konnte.

Warum?

Becker: Ich habe immer an Gott geglaubt, aber mein Glaube hatte gar keine richtige Form. Er war eher eine Frage als eine Gewissheit. Meine Familie ist nicht kirchlich orientiert, meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten. Trotzdem haben sie mir Mut gemacht, Theologie zumindest mal auszuprobieren. Ich habe dann im Bachelor-Studium zunächst noch Geschichte dazugenommen. Nach dem Bachelor-Abschluss hatte ich überlegt, „irgendwas mit Medien“ zu machen (lacht). Aber Theologie hat mir tatsächlich sehr gut gefallen, so dass ich immer noch ein Semester dran gehängt habe.

Hat Ihr Glaube denn im Studium eine greifbare Form bekommen?

Becker: Ja, aber er ist immer noch eine Frage. Ich fühle mich durch den Glauben getragen und ich kann viel besser in Worte fassen, was ich glaube. Da helfen mir auch traditionelle Formen wie das gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis. Aber ich kann durch das Studium auch besser eigene Worte finden. Für die Glaubensgewissheit und die Glaubensfragen.

Fragen bedeuten bei Ihnen also nicht zwingend Zweifel…

Becker: Nein … beziehungsweise auch. Fragen sind auch Zweifel, ich habe natürlich auch Zweifel.

Dennoch sind Sie Vermittlerin des Glaubens, auch wenn das evangelische Amtsverständnis da ein anderes als das katholische ist. Wie treten Sie der Gemeinde gegenüber?

Becker: Mit meinem eigenen Glaubenszeugnis. Ich versuche so authentisch wie möglich von meinem Glauben zu sprechen. In der Gemeinde erlebt man Dinge miteinander, man teilt Lebensgeschichten. So wird es viel selbstverständlicher für mich, über Glaubensfragen zu sprechen. Ich sehe mich nicht als Vorbild, sondern eher als die Person, die die Fragen und auch die Bekräftigung in Worte fassen kann.

Was war am Studium das Schlimmste?

Becker: Die Examensprüfungen!

Nicht Altgriechisch?

Becker: Nein, im Gegenteil! Am Anfang bin ich dabei geblieben, weil ich Griechisch und Hebräisch so geliebt habe. Aber das ganze Studium ist wunderschön. Es macht unglaublich frei! Es erlaubt so viele Ausflüge im Kopf.

Würden Sie es deshalb auch anderen empfehlen?

Becker: Ja, wenn sich jemand dafür interessiert. Es verlangt einem ab, neue Wege zu denken, neue Gedanken aufzunehmen. Man braucht eine große Offenheit. Man muss sich auf viel Befremdliches einlassen können. Aber für mich ist es das spannendste Studium, was man sich aussuchen kann – auch wenn man nicht Pfarrer wird.

Was war denn für Sie befremdlich?

Becker: Traditionen, Liturgie. Das waren große Hürden. Mich auf einen Gottesdienst, auf theologisch-praktische Diskussionen einzulassen, dogmatische Lehrsätze waren mir sehr fremd. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass diese Lehrsätze fluide sind. Es sind Bausteine, die verschiebbar sind und sich auch immer wieder verändern.

Wie schätzen Sie die Immanuelkirche – ihren Dienstort im Vikariat – in Sachen Tradition ein?

Becker: Wie wohl alle Gemeinden in der Rheinischen Landeskirche ist es eine sehr gemischte Gemeinde. Hier gibt es durchaus Traditionen, die liebevoll gepflegt werden. Sie geben Stabilität. Daneben gibt es das schöne Chaos (lacht). Ich schätze hier die vielen freien Formen. Dennoch habe ich auch Traditionen lieb gewonnen, ich begreife sie heute als Stärke. Es sind gewachsene Ausdrucksformen. Wenn sie belebt werden und nicht unkommentiert dastehen, haben sie einen großen Wert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Becker: Das Kyrie ist für mich das beste Beispiel. Wenn ich es als Sündenbekenntnis begreife, habe ich Schwierigkeiten damit. Mein Vater steht da für viele. Er sagt immer: „Es ist so schrecklich, wenn ich als erstes, wenn ich in die Kirche komme, meine Sünden bekennen muss.“ Es wirkt wie ein unauflöslicher Generalverdacht. Ich sehe aber im Kyrie die Kraft, sich von etwas frei zu machen. Ich begreife Sünde nicht als etwas Falsches, sondern das Gefühl, innerlich krumm und schief zu sein. Das kann ich vor Gott und vor der Gemeinschaft aussprechen. Ich darf so dastehen. Manchmal kann ich mich ja nicht ändern, ich bin so krumm und schief. Für mich ist das Kyrie ein „Du-darfst-so-sein-wie-Du-bist“ geworden.

Sie haben das Vikariat jetzt hinter sich. Was sollte sich an der Ausbildung ändern?

Becker: (überlegt) Ich bin eigentlich sehr dankbar für meine Ausbildung. Ich hatte einen tollen Mentor, und die Kollegen in den anderen Gemeinden haben ebenfalls großen Anteil an meinem Ausbildungsweg genommen. Im Predigerseminar in Wuppertal habe ich immer wieder Dozenten getroffen, die sehr praxisnah Auskunft gegeben haben. Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden mit der Ausbildung.

Sie waren aber über zehn Jahre damit beschäftigt…

Becker: Ja, man hat die ganze Zeit durchaus das Gefühl, nicht anzukommen. Am Abend des zweiten Examens waren wir alle nur baff, dass es tatsächlich vorbei war (lacht laut). Es ist ein langer Weg, auch wenn man wohl vier Semester schneller sein kann als ich.

Braucht man denn zweieinhalb Jahre Vikariat?

Becker: Die braucht man wirklich. Man muss in vieles hineinwachsen: Unterschiedliche Gottesdienstsituationen, wie zum Beispiel Beerdigungen. Ich lerne am besten an Begegnungen. Vieles ist sehr unverdaulich, und da ist es gut, wenn man vielen Menschen begegnet ist und einige Lebensgeschichten hören durfte, damit man nicht jedes Mal aus der Bahn geworfen wird. Ich kann es für mich besser fassbar machen, wenn ich schon ein paar Mal mit ähnlichen Situationen konfrontiert war.

Sehen Sie sich eher als Seelsorgerin, als Sprachrohr oder als Gemeindemanagerin?

Becker: Man steht wohl immer dazwischen, auch wenn man seine Vorlieben hat. Ich hatte lange Zeit die Seelsorge als Vorliebe. Heute finde ich den gesellschaftlichen Einfluss, den ich ausüben kann, auch sehr reizvoll – gerade jetzt nach der Bundestagswahl. Ich möchte alternative Denkmöglichkeiten bieten und diskutieren.

Die Zeiten, in denen der Pfarrer gepredigt hat, wo die Gläubigen ihr Kreuzchen zu machen haben, sind ja zum Glück vorbei…

Becker: (lacht) Das würde ich nie machen. Ich möchte Denkanstöße in Gespräche einbringen. Natürlich vertrete ich meine Meinung. Aber es gibt ja auch eine grundsätzliche Linie der Rheinischen Landeskirche, hinter der ich stehe. Damit ist man vielleicht eine Reibungsfläche, aber das hält ein Gespräch im Fluss.

Zurückgeblickt auf die vergangenen zweieinhalb Jahre an der Immanuelkirche – was bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?

Becker: Weihnachten. Im ersten Jahr habe ich mich geärgert: Alle meine Freunde fahren nach Hause, nur ich muss arbeiten. Im zweiten Jahr habe ich mich gefreut, alle Menschen wiederzusehen, die mich in meiner Zeit an der Immanuelkirche begleitet haben. Das war wie ein Hineinwachsen in eine Familie. Und so würde ich auch für den Beruf des Pfarrers werben. Eine Gemeinde ist ein großes soziales Netz, das trägt und Halt gibt.

Sie sind aber nie ganz privat.

Becker: Ja, obwohl ich das hier in der Stadt nicht so extrem wahrnehme wie Kollegen auf dem Land. Mir begegnen manchmal erschreckte Konfirmandenblicke, wenn ich über die Straße gehe. „Huch, die gibt es auch außerhalb der Kirche?“ Aber es stört mich nicht.

Was werden Sie gar nicht vermissen?

Becker: Die Prüfungen. Die sind richtig schlimm. Es fühlt sich so existenziell an. Ich will diesen Beruf unbedingt machen und die Prüfungen standen immer noch dazwischen.

Ihre Zeit an der Immanuelkirche endet mit der Ordination. Wo gehen Sie danach hin?

Becker: Auch wenn ich noch nicht alles verraten darf: Ich werde in den nächsten zwei Jahren in Aachen bleiben. Ich werde auf jeden Fall mit einem Teil meiner Stelle zusammen mit Pia Schneider in der Jungen Kirche in der Dreifaltigkeitskirche arbeiten. Mit dem anderen Teil werde ich den Entlastungsdienst für den nächsten Vorsitzenden des Gesamtpresbyteriums übernehmen. Das wird eine Gemeindestelle sein. Für diese Mischung bin ich sehr dankbar: Leben in der Gemeinde, Kirche neu denken in der Jungen Kirche.

Wie sieht Ihre Traumstelle aus?

Becker: Am liebsten hätte ich eine Gemeinde, die gar nicht mehr so richtig da ist. Dort würde ich gern andere Begeisterte finden, um etwas Neues auf die Beine zu stellen.

Das ist aber eine enorme Herausforderung.

Becker: Ja, aber ich müsste weniger Rücksicht nehmen auf alte Strukturen. In einer aktiven, wenn auch nicht mehr sehr lebendigen Gemeinde kann man nur sehr behutsam Veränderungen umsetzen.

Was bedeutet die Ordination für Sie persönlich?

Becker: Endlich da. Ich darf dieses Amt übernehmen. Ich begreife das als Ehre, als Würde. Unsere Kirchenordnung sagt: Die Ordination ist der Beginn eines lebenslangen Dienst- und Treueverhältnisses. Jetzt ist der Weg also klar. Es ist ein Meilenstein, ein kleiner heiliger Tag für mich. Ich habe meinen Geburtstag in diesem Jahr nicht gefeiert, sondern habe allen gesagt: Kommt zur Ordination!

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