Andrej Hunko: „Wir haben die besten Konzepte für soziale Gerechtigkeit“

Von: Matthias Hinrichs
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Wird wohl für die Linke über die Reserveliste wieder in den Bundestag einziehen: Andrej Hunko. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Morgens um zehn scheint die Welt am Katschhof noch in Ordnung. Fast zu schön, um wahr zu sein – je nach Perspektive. Denn auch die Konkurrenz ist längst hellwach, zumal in diesen Tagen. Die Sonne strahlt überm Café Karl.

Und Andrej Hunkos Miene bleibt mindestens so heiter wie der Himmel über der Altstadt, als eine ziemlich proppere Wahlkampfkohorte der CDU hinterm Rathaus Stellung bezieht: zum Fototermin im Schlepptau des Bundestagskandidaten Rudolf Henke. Der „politische Mitbewerber“ in Sachen Mandat für Berlin steigt auf sein Wahlkampfmobil, ein umgebautes Fahrrad. Hunko grinst. „So ein ähnliches hab‘ ich auch“, sagt er jovial. Kurze Kunstpause. „Aber ich fahre wirklich ständig damit herum, wenn ich jetzt auf Tour durch die Stadt unterwegs bin.“

Ein bisschen Polemik gehört wohl dazu, quasi als Salz in der mehr oder weniger pikanten Suppe der viel zitierten politischen Auseinandersetzung. Echte Überraschung stellt sich dagegen ein, als der groß gewachsene Mann im offenen blauen Hemd unterm grauen Jackett sich wenig später outet – als Fan von Helmut Kohl. Wenn auch extrem punktuell, versteht sich: „Unter seiner Kanzlerschaft lag der Spitzensteuersatz mal bei 53 Prozent. Da wollen wir wieder hin.“

Andrej Hunko, geboren am 29. September 1963 in München, aufgewachsen in Aachen, „MdB“ für die Linke seit 2009, hat sich in den vergangenen Jahren nun nicht gerade in erster Linie als klassischer Innenpolitiker profiliert. Als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, Sprecher seiner Fraktion in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Wahlbeobachter beim spektakulären Referendum im Frühjahr in der Türkei ist er auf dem berühmten internationalen Parkett zuweilen umso deutlicher in Erscheinung getreten. Als Mitglied des Berliner Parteivorstands hat er allerdings auch das aktuelle Wahlprogramm der Linken maßgeblich mitgestaltet.

Hunko ist längst Profi genug, um zu wissen, mit welchen Pfunden seine Partei wuchern kann. Sein eigenes Mandat dürfte ihm ohnehin sicher sein: In der Landesliste der Partei rangiert er auf Platz 4. Zehn Prozent der gültigen Zweitstimmen sollten es bundesweit aber schon sein am Abend des 24. September, meint er. Das wären immerhin 1,4 Prozentpunkte mehr als beim Urnengang 2013. Zweckoptimismus? „Nein. Die soziale Frage bewegt die Menschen natürlich ganz besonders. Wir müssen sie davon überzeugen, dass wir die besten Konzepte haben, um Missstände wie prekäre Arbeit, Altersarmut, wachsende soziale Ungerechtigkeit konsequent zu bekämpfen. Wir wollen endlich ein einheitliches Rentensystem einführen, in das alle einzahlen. Wir brauchen eine Mindestsicherung von 1050 Euro im Bedarfsfall. Und wir brauchen wieder Instrumente wie Vermögens- und Erbschaftssteuer.“

All dies gehe nun einmal nur mit der Linken. Koalitionsfragen drängen sich aus seiner Sicht nicht auf. „Wenn es uns gelingt, stärkste Kraft in der Opposition zu werden, können wir ebenso eine Menge erreichen.“ Schließlich habe SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz „als dienstältestes amtierendes Mitglied im Präsidium seiner Partei alles mitgetragen, was die in puncto Sozialabbau in den vergangenen Jahren verantwortet hat“. Darüber könne auch der Umstand nicht hinwegtäuschen, dass der Mann aus Würselen vor allem als Europapolitiker bekannt geworden sei, bevor die Genossen ihn zum Spitzenkandidaten gegen Merkel kürten.

Gutes Stichwort für den Außenpolitiker Hunko. Dass die kontinentale Ebene in jüngerer Vergangenheit mächtig in Schieflage geraten ist, wundert ihn nicht. Da beruft er sich gern noch einmal auf einen „unverdächtigen“ Konservativen, nämlich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: „Wenn wir nicht mit einer besseren Sozialpolitik gegensteuern, dann fliegt uns der ganze Laden bald um die Ohren – hat er gesagt.“

Heißt aus Sicht des Linken-Politikers: „Statt an der Schaffung eines soliden sozialen Standards für die gesamte Union zu arbeiten, verlieren sich die Mitgliedsstaaten in Konkurrenzdenken. Dabei brauchen wir hier endlich eine grundlegende Reform, und wir Linke haben da längst ausgefeilte Konzepte.“

Auch in entscheidenden Fragen der Wirtschafts- und Friedenspolitik setzten die politischen Mehrheiten falsche Impulse. „Wir fordern eine endgültige Abkehr von ungerechten Handelsabkommen wie TTIP und ein Verbot von Waffenlieferungen.“ Es könne nicht angehen, dass Unrechtsregime in Nordafrika weiter hofiert würden, während Fluchtursachen nicht konsequent genug in den Blick genommen würden.

Kann einer wie er bei seiner politischen „Zielgruppe“ im Wahlkreis Aachen mit derlei Themen punkten? Wohl weniger. „Aber ich hoffe, ich kann die Menschen dort überzeugen, dass es eine gerechtere Sozialpolitik nur mit der Linken geben wird.“ Und: „Natürlich werde ich mich weiter dafür einsetzen, dass der Pannenmeiler in Tihange abgeschaltet wird. Ich war der einzige Abgeordnete aus Aachen, der die Umweltministerin am Redepult im Bundestag explizit aufgefordert hat, notfalls einen Rechtsstreit in Kauf zu nehmen, um eine Lieferung von Brennstäben nach Belgien zu verhindern.“ Zumindest damit könnte der Mann inzwischen glatt als Befürworter einer ganz, ganz großen Koalition durchgehen.

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