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Analphabetismus: Wenn schon kurze Texte zum Problem werden

Von: Martina Feldhaus
Letzte Aktualisierung:
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Mit den Grundlagen anfangen: Alphabetisierung bedeutet für Erwachsene auch, Dinge zu lernen, die sich andere im Kindesalter angeeignet haben. Vielen fällt es deshalb nicht leicht, die Schwäche einzugestehen; sie schämen sich. Foto: stock/Sven Ellger

Aachen. Ja, sie schämt sich. Dieser Satz platzt aus Katrin L. regelrecht heraus – wie die Luft aus einem bunten Ballon. Katrin L., die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kann nicht richtig schreiben. Lesen, das gehe noch ganz gut, findet sie. Aber wenn sie selber einen Satz verfassen soll, hat sie damit arge Probleme.

Mit der Rechtschreibung steht die 44-Jährige seit der Schulzeit mächtig auf Kriegsfuß.

Und weil sie sich dafür schämt, hat sie Strategien entwickelt, um diese Schwäche vor anderen zu verbergen. Etwa im Urlaub mit Freunden. „Den Text für Postkarten schreibe ich Zuhause vor, mit Hilfe meiner Tochter. So merkt es keiner, wenn‘s verlangt ist.“

Katrin L. ist funktionale Analphabetin. Sie gehört damit zu den 14,5 Prozent der erwerbsfähigen, deutschsprachigen Erwachsenen bundesweit, die nicht richtig lesen und schreiben können. Nicht richtig, das bedeutet: Diese Menschen können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber keine zusammenhängenden, auch kürzeren Texte verstehen. 14,5 Prozent, das sind rund 7,5 Millionen Menschen. Zahlen, die erschrecken. Seit 2010 aber gelten sie als erwiesene Größe, wenn es hierzulande um funktionalen Analphabetismus geht.

Viele Betroffene sind berufstätig

Die Zahlen stammen aus der sogenannten Leo-Studie der Universität Hamburg, die erstmals im großen Stil die Schreib- und Lesekompetenz von Deutsch sprechenden Personen zwischen 18 und 64 Jahren untersuchte. Mit ihrer Veröffentlichung ging ein Schock durch die Bildungslandschaft. „Wir dachten lange Zeit, funktionaler Analphabetismus ist aussterbend“, sagt Kai Sterzenbach. „Aber weit gefehlt.“

Sterzenbach sitzt vor einigen Wochen im Vortragsraum der Volkshochschule (VHS) Aachen in der Peterstraße. Er ist aus Köln angereist, als Geschäftsführer des Vereins Lernende Region, einer Initiative, die sich dem lebenslangen Lernen in der Nachbarstadt verschrieben hat und dort Angebote und Akteure vernetzt. In Aachen, beim ersten „Runden Tisch Analphabetismus“, soll er einen Einblick geben in das bislang – und vielfach noch immer – unbekannte Ausmaß des Analphabetismus. Es ist enorm.

Analphabeten, das sind keineswegs nur die Alten, Frauen oder Migranten, sagt die maßgebende Studie. Sondern vielfach Menschen, die mitten im Berufsleben stehen. „57 Prozent sind in Beschäftigung“, sagt Sterzenbach. „13 Prozent der 18 bis 25-Jährigen sind betroffen. Und 60 Prozent der funktionalen Analphabeten sind Männer.“

Ein Raunen geht durch die Reihen – die Zuhörer sind Fachleute von Bildungsträgern und Kommunen. Viele hatten schon von der Studie gehört, im Detail sind die Ergebnisse aber dann doch heftig. Und die Zahlen sind extrem hoch – auch wenn der Grad der Lese- und Schreibschwäche sicherlich individuell unterschiedlich ausfällt.

Aber wie kann es sein, dass so viele Menschen in Deutschland schon an Bildungs-Grundlagen wie Lesen und Schreiben scheitern? In einer Wissens- und Informationsgesellschaft, die so sehr auf Bildung setzt, in der fast alles über Schrift funktioniert? Beate Blüggels Antwort darauf ist hart, aber klar: „In Deutschland hat man nur eine Chance, lesen und schreiben zu lernen: in der Schule. Wenn ich es dort nicht schaffe, ist die Chance vertan.“

Blüggel ist die Leiterin der Aachener VHS. Allein für ihren Bereich, die Stadt Aachen, bedeuten die Studien-Ergebnisse heruntergebrochen: Rund 25.000 Menschen sind funktionale Analphabeten. Für sie steht deshalb fest: Dagegen muss man etwas tun. Doch ihre bisherigen Mittel – die Alphabetisierungskurse im eigenen Haus – reichen dafür kaum aus.

Das Problem: Wer bei der VHS einen solchen Kurs belegt, kommt häufig freiwillig. Das heißt, er hat erkannt, dass er ein Problem hat, hat dann allen Mut zusammengenommen und sich angemeldet. Dahinter steckt viel Eigenmotivation, die die wenigsten aufbringen. Auch für Katrin L. war der Schritt zur VHS nicht leicht. „Aber irgendwann dachte ich, jetzt machst Du‘s. Jetzt musst Du Deinen inneren Schweinehund und die Scham überwinden. Die anderen, die da sind, können es ja auch nicht!“

Nicht viele schaffen diese Hürde. Die Dunkelziffer bei Analphabeten ist deshalb groß. Wer sich dort befindet, den erreichen die VHS-Kurse mit ihrem „Komm zu mir, dann helfe ich Dir“-Prinzip nicht.

Deshalb müssen andere Maßnahmen her. Das weiß auch VHS-Leiterin Beate Blüggel. Etwa die der lernenden Region in Köln. Zu ihr gehört auch das Kölner Bündnis Alphabetisierung und Grundbildung. Ein Vorbild für Blüggel, für Aachen. Denn in der Rhein-Metropole haben die Macher – es ist ein Netzwerk von Stadt, Bildungsträgern und Kammern – bereits vieles auf den Weg gebracht, um an die Analphabeten ranzukommen, die so oft im Verborgenen leben.

Es wurden Erfahrungen ausgetauscht, Öffentlichkeitsaktionen durchgeführt, Finanzierungsmöglichkeiten überlegt und Qualifizierungsmaßnahmen erarbeitet. Es wurden mit Hilfe von Sponsoren Alphabetisierungsangebote in den Stadtteilen aufgebaut und Kontakte zu (Sport-)Vereinen, Schulen und Kitas geknüpft, um dort Multiplikatoren zu finden, die in ihrem Umfeld für das Thema und die Hilfsmöglichkeiten sensibilisieren. Denn, so Blüggel: „Viele sehen das Nicht-Schreiben- oder Nicht-Lesen-Können bei sich erstmal nicht als Defizit. Sie haben ihre Strategien entwickelt, um klarzukommen.“ Doch eine volle Teilhabe an der Gesellschaft bleibe ihnen so verwehrt. Ob im privaten Alltag – oder im Beruf.

Auch in diesem Bereich ist das Kölner Bündnis mächtig aktiv. Es ging auf große Unternehmen zu, um für Alphabetisierung zu werben. Für diese „arbeitsplatzorientierte Grundbildung“ gibt’s Bundesfördermittel. In den vergangenen fünf Jahren konnten so zehn Kölner Großbetriebe gewonnen werden, in denen vor Ort für Beschäftigte Kurse angeboten werden – meist ohne das stigmatisierende Label „Alphabetisierung“ zu verwenden.

Gerade in diesem Bereich will auch VHS-Leiterin Blüggel in Aachen verstärkt angreifen. Hintergrund sind die fast 60 Prozent der funktionalen Analphabeten, die berufstätig sind. Know-how will sie sich aus Köln holen – und nicht nur dort. Denn seit Ende Februar ist die Aachener Volkshochschule auch Mitglied im neu gegründeten Alphanetz-NRW. Das ist ein Netzwerk vom VHS-Landesverband, das Initiativen vor Ort unterstützen möchte. Schirmherrin ist NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann.

Auch hier hofft Blüggel auf Erfahrungsaustausch. Denn: „Kein Arbeitgeber wird stolz sagen: Da sind sie bei uns genau richtig“, sagt sie. „Deshalb müssen wir den Nutzen in den Vordergrund stellen. Zeigen, was es den Mitarbeitern und damit auch den Betrieben bringt, wenn sich die Lese- und Schreibfähigkeiten verbessern.“ Vor der Aachener VHS-Chefin und ihrem Team liegt viel Überzeugungsarbeit. Dafür steht wenig Geld zur Verfügung.

Denn das Budget ist wie in vielen Städten knapp. Zwar ist die Unterstützung durch die Politik da: Auf Landesebene haben alle Fraktionen in diesem Jahr einen Antrag „zur Bekämpfung des Analphabetismus in NRW“ unterschrieben. In Aachener Ratsausschüssen ist Blüggel mit ihren Vorhaben bereits auf offene Ohren gestoßen. Doch auf zusätzliche Gelder kann sie kaum hoffen.

Sich nicht mehr schämen müssen

Daher lautet die Devise: Arbeit umverteilen, Synergien herstellen – und Netzwerke knüpfen. Jugendamt und Arbeitsagentur, Vereine und Kirchen, Kitas und Schulen, Wirtschaft und Kammern – alle, die Kontakt zu vielen Menschen haben, sind für Blüggel potenzielle Ansprechpartner. Eine Herkulesaufgabe. Aber eine, die ihr am Herzen liegt. „Wir können es uns nicht leisten, so viele Menschen auf der Strecke zu lassen. Bildung ist ein Menschenrecht.“ Und das gelte eben auch dann, wenn die Schule vorbei sei.

Katrin L. fordert es ein. Sie will nicht länger auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Am liebsten würde sie noch häufiger zum Kurs gehen, als nur zweimal die Woche wie jetzt. Sie würde gerne schneller lernen. Und damit das aufholen, was in ihrer schweren Kindheit nicht gelang. Ein alkoholabhängiger Vater, vier Geschwister, eine Mutter, die all das allein stemmen musste. Da blieb das Lernen irgendwo auf der Strecke. Und Katrin L. schlug sich nach dem Hauptschulabschluss so durch – mit Putz- und Aushilfsjobs.

Nun macht sie also den Alphabetisierungskurs. Katrin L. würde gerne einmal in einem Büro arbeiten. Und sich auch nicht mehr vor ihren Freunden schämen.

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