An Containern für Flüchtlinge führt kein Weg vorbei

Von: Matthias Hinrichs
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Der „Jugend-Sport-Club“ geht, rund 90 Flüchtlinge sollen bald kommen: Die Pläne zur Errichtung von 57 Wohncontainern auf dem Sportplatz an der Adenauerallee stoßen auf heftigen Widerstand seitens der Anwohner. Auch am Kronenberg und an der Haarener Laachgasse sollen jetzt Container aufgestellt werden. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Blick auf die aktuelle, trotz drastisch gestiegener Flüchtlingszahlen immer noch vergleichsweise entspannte Gesamtlage kann über den dringenden Handlungsbedarf keinesfalls hinwegtäuschen. So bringen die städtischen Experten die aktuelle Situation auf den Punkt.

Konkret: An der Bereitstellung von Containern zur Unterbringung Asylsuchender in Aachen führt kein Weg mehr vorbei. Kommenden Dienstag sollen die Ratspolitiker grünes Licht geben für Erwerb und Einrichtung weiterer Modulbauten, um die erforderlichen Kapazitäten zur Schaffung von Wohnraum für Neuankömmlinge sicherzustellen. Doch inzwischen regt sich auch Widerstand.

„Wir haben die Lage im Griff, aber wir reden die Probleme nicht klein“ – so kennzeichnet der zuständige Dezernent Professor Dr. Manfred Sicking die Hintergründe des jüngsten Vorstoßes. So waren Ende Mai 979 Flüchtlinge in Aachen registriert, zurzeit sind Plätze für 1150 Personen vorhanden, erläutert der Leiter des Sozialamtes, Heinrich Emonts.

Aber: „Wir müssen davon ausgehen, dass wir bereits zum Ende des Jahres adäquate Unterbringungsmöglichkeiten für bis zu 2200 Menschen zur Verfügung stellen müssen.“ Daher soll die Politik in einer gemeinsamen Sitzung der drei zuständigen Ratsausschüsse (Wohnungen und Liegenschaften, Soziales und Integration sowie Finanzen) 422.460 Euro zur Beschaffung von 13 weiteren Containern sowie 446 502 Euro zur Deckung der anfallenden laufenden Kosten für Logis und Betreuung bereitstellen. Im Ganzen sollen bis Jahresende 108 Container, davon 57 am Kronenberg, Ecke Gemmenicher Weg und 51 an der Haarener Laachgasse, errichtet werden.

„Ghettoisierung“ befürchtet

Weitere 57 sollen bis Anfang 2016 für voraussichtlich drei Jahre auf einem Sportplatz an der Adenauer-allee Platz finden, der ab Herbst nicht mehr genutzt wird – was inzwischen auf heftigen Widerstand seitens der benachbarten Anwohner in der Heidbendenstraße und dem Kornelimünsterweg stößt. „Damit würden über 90 Menschen in einer kleinen Siedlung ghettoisiert, in der nicht einmal 70 Menschen dauerhaft wohnen“, kritisiert Dr. Christiane Rütgers im Schulterschluss mit fünf weiteren Bürgern, die auf eine wachsende Zahl erzürnter Nachbarn verweisen.

Obwohl man erst durch einen AZ-Artikel überhaupt Kenntnis von den Plänen erhalten habe, hätten sich bei einer ersten Zusammenkunft vor wenigen Tagen im Hotel Buschhausen bereits rund 30 Bürger eingefunden. „Wir finden es gut und richtig, dass die Stadt Menschen aus Kriegs- und Krisenländern beisteht! Aber wir sind überzeugt, dass es weit bessere Alternativen gibt, etwa in leerstehenden öffentlichen Gebäuden wie dem ebenfalls direkt benachbarten ehemaligen Landesstraßenbauamt oder in zahlreichen Gewerbegebieten“, meint Anwohner Stefan Lindner.

Am Samstag wolle man den Protest bei einem Gespräch mit Heinrich Emonts weiter konkretisieren. Lindner: „Wir werden notfalls alle Mittel ausschöpfen, um dieses Vorhaben zu verhindern.“

Kröten statt Container im Süden

Sicking und Emonts heben unterdessen hervor, dass eine Übernahme des maroden Landesgebäudes an der Karl-Marx-Allee nicht finanzierbar gewesen wäre. Optionen in diversen Gewerbegebieten würden weiter geprüft, seien bislang aber vielfach verworfen worden, da dort unter anderem Gefahrstoffe gelagert würden. Auch jüngste Pläne zur Schaffung von Kapazitäten im Südviertel seien an Einwänden der Umweltexperten gescheitert – unter anderem, weil dort die seltene Kreuzkröte residiere.

Dauerhaft wolle und müsse die Stadt jedoch 1000 Plätze für Flüchtlinge verfügbar halten. Deshalb würden mit Hochdruck alle Möglichkeiten ausgelotet: Schaffung neuer Wohnungen im Verbund mit der Gewoge, vorübergehende Übernahme größerer Objekte von privaten Investoren, Nutzung von (vordem) öffentlichen Gebäuden. Entscheidend sei dabei eben auch, flexibel reagieren zu können, betont Emonts.

Turnhalle bald wieder nutzbar

„Wir wissen ja nicht genau, wie viele Menschen uns jeweils kurzfristig zugewiesen werden. Ob die Zahl im Dezember tatsächlich bei über 2000 liegt, kann heute niemand sagen, vielleicht werden es auch nur etwa 1600 Personen sein.“ Dennoch: 2010 musste die Stadt gerade einmal 182 Asylsuchende unterbringen. 2014 waren es bereits 875. Im Schnitt werden weiterhin monatlich (!) 50 Neuankömmlinge erwartet – von denen übrigens voraussichtlich mehr als die Hälfte Kinder und Jugendliche sein werden.

Fazit – siehe oben: Flexibles Handeln und vorausschauende Planung sind gleichermaßen gefragt, bilanziert Sicking. Selbst die letzte Notlösung – vorübergehende Nutzung von Turnhallen wie derzeit an der Barbarastraße – könne daher nicht kategorisch ausgeschlossen werden, sagt Emonts. Aber: „Wir können heute mitteilen, dass diese Halle ab dem kommenden Schuljahr wieder für die Schüler nutzbar sein wird – und dann an unterster Stelle auf die entsprechende Prioritätenliste gesetzt wird.“

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