An 6776 Notrufe ging keiner ran

Von: os
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Aachen. Man wird Opfer eines Einbruchs, eines Überfalls, eines Unfalls, wählt in höchster Not die „110“ - und niemand geht ran. Dieses Szenario hat sich in Aachen im vergangenen Jahr 6776 Mal abgespielt. Mit anderen Worten: Im Schnitt alle 77 Minuten gab es beim Notruf keine Hilfe unter dieser Nummer.

Was erst einmal erschreckend klingt, bestreitet die Aachener Polizei auch gar nicht, sondern bezeichnet diese Bilanz im Gegenteil sogar als ziemlich gut...

Denn es kommt immer auf die Perspektive an: Im Aachener Polizeipräsidium setzt man die Zahl der 6776 Notrufe, die nicht angenommen werden konnten, ins Verhältnis zu den mehr als 161.000 Notrufen, die im Jahr 2012 insgesamt in der Leitstelle aufliefen. Somit seien es lediglich 4,2 Prozent aller Anrufer, um die man sich tatsächlich nicht habe kümmern können oder die selbst teils schon nach fünf Sekunden wieder aufgelegt hätten, sagt Polizeisprecherin Sandra Schmitz.

Damit habe man im Landesvergleich „mit die wenigsten verloren gegangenen Notrufe aufzuweisen“. Und in der Notrufbearbeitung verbuche man „mit durchschnittlich knapp 1,4 Sekunden sogar einen Spitzenwert“, sagt die Sprecherin.

Das sieht der innenpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Robert Orth, gänzlich anders. Auf seine parlamentarische Anfrage im Düsseldorfer Landtag hin wurden die Zahlen zu den „verloren gegangenen“ Notrufen veröffentlicht. Als verloren gegangen gelten diese, wenn die Anrufer nach mehr als fünf Sekunden wieder auflegen. Bloß: In Aachen sind demnach von den besagten 6776 Notrufen 3515 sogar nach 20 Sekunden noch nicht angenommen worden.

„Dass dies inakzeptabel und schnell Abhilfe erforderlich ist, sollte jedem klar sein“, sagt Orth und fordert: „Jeder Notruf muss von der Polizei auch angenommen werden.“ Schließlich wisse niemand, ob es bei den verlorenen Notrufen um Bagatellsachen oder um akute Gefahrenlagen gehe. Und im Ernstfall könne es bei schweren Straftaten oder Unfällen um Sekunden gehen, könne ein verlorener Notruf bedeuten, dass eine Tat nicht verhindert oder unterbrochen, ein Täter nicht erwischt oder einem Opfer nicht geholfen werde.

„Im Extremfall kann die temporäre Nichterreichbarkeit der Polizei also über Leben und Tod entscheiden“, folgert der FDP-Politiker, der es im Übrigen besonders bedenklich findet, dass ein Teil der verlorenen Notrufe nicht deshalb verloren geht, weil die fünf Annahmeplätze der Aachener Leitstelle ausgelastet, sondern weil sie zeitweise teils unbesetzt seien.

„Eine andere Lösung gibt es derzeit nicht“, kommentiert Polizeisprecherin Schmitz die Situation. „Eine Weiterleitung von Notrufen auf andere Notrufleitungen anderer Behörden ist derzeit technisch nicht möglich.“ Man rate Leuten, die unter der „110“ nicht durchkommen, die „112“ zu wählen“. Umgekehrt werde dies auch praktiziert. „Wir sind eng vernetzt“, sagt Schmitz. Für Orth dagegen ist das alles viel zu wenig. Ihn mache besorgt, dass laut Innenministerium eine automatische Weiterleitung von Notrufen an andere Polizeibehörden nicht vor 2015 zu erwarten sei. „Hier müssen Sofortlösungen auf den Tisch“, fordert er.

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