Am Campus West regt sich nur der Protest

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Ein doppelter Brückenschlag, der äußerst umstritten ist: Gegen den Plan, für die nördliche Erschließung des Campus West den Pariser Ring und die Bahnlinie zu überbrücken, regt sich unter betroffenen Anwohnern heftiger Widerstand. Foto: Michael Jaspers, Grafik: Hans-Gerd Claßen
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Verschandelt eine gigantische Brücke die Landschaft? So könnte der Ausblick von der Brunnenstraße über die Schurzelter Straße hinweg künftig aussehen – fürchten die Anwohner. Foto: Jaspers, Montage: Thomas

Aachen. Mit dem Wort Stillstand müssen die Planer, die das Projekt Campus West betreuen, mittlerweile bestens vertraut sein. Denn bei der Idee, auf einem rund 300.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Westbahnhof, Süsterau, Süsterfeldstraße und Bahnlinie Forschungscluster nach dem Vorbild des Campus Melaten zu bauen, hakt es seit 2008 immer wieder.

Nachdem der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) als Partner der Campus GmbH das Projekt 2011 finanziell auf den Prüfstand gestellt und damit zugleich gestoppt hatte, ruhte sogar jahrelang still der See. Erst 2015 kam dann ein bisschen Wellengang auf: Es müsse jetzt schnell gehen, um die Idee zu retten, mahnten die Macher damals plötzlich rasche Einigungen bei den vielen offenen Fragen an.

Initiative startet Onlinepetition

Und die Politik spurte. Ein interfraktioneller Workshop stellte die entscheidenden Weichen. Etliche Hindernisse wurden aus dem Weg geräumt, darunter auch die besonders strittige Frage einer nördlichen Erschließung des Areals. Der Planungsausschuss beschloss, dass sich die Planer hierbei nur noch auf eine Art doppelten Brückenschlag konzentrieren sollten: Im Detail untersucht und geplant werden sollte eine Trasse, die den Pariser Ring und die Bahnlinie überquert und so den Campus West über die Mathieustraße mit dem Campus Melaten verbindet.

Dabei sollten auch die Kosten genauer berechnet werden. Schließlich lagen zu dem Zeitpunkt nur grobe Schätzungen vor, die sich aber immerhin auf rund 14 Millionen Euro für die billigste Brückenvariante beliefen. Deshalb sollte auch geklärt werden, empfahl die Politik, inwieweit sich der BLB an dieser Zeche beteiligt. Zwar hat die Stadt für entsprechende Infrastrukturmaßnahmen 15 Millionen Euro im Haushalt vorgesehen, aber das gilt für das gesamte Projekt Campus West und nicht nur für die nördliche Erschließung.

Das war der Stand der Dinge vor 13 Monaten, im November 2015. Und seitdem regt sich am Campus West wieder nichts – außer dem Protest betroffener Anwohner gegen den aus ihrer Sicht „völlig überdimensionierten und überteuerten“ Brückenbau direkt vor ihren Haustüren. Aktuell sammeln sie dazu mit einer Onlinepetition (www.openpetition.de/petition/online/erschliessungsalternativen-fuer-den-campus-west) Unterschriften und putzen gleichzeitig Klinken bei der Politik. Ihr Ziel sei es zu erreichen, dass noch einmal Alternativen zum Brückenschlag geprüft werden, sagt Angela Ertz für die Initiative.

In die Karten spielen könnte den Bürgern dabei, dass am Campus West wieder mal Stillstand herrscht. Aus der Politik ist zu hören, dass es seit dem Beschluss vor 13 Monaten keine Informationen mehr über neue Entwicklungen gegeben hat. Und auf offizielle Anfragen reagiert man bei RWTH und BLB nahezu wortgleich – und das ebenso wortkarg wie inhaltsleer: Es gebe „keinen neuen Stand“, sagen sowohl RWTH-Pressesprecher Thorsten Karbach als auch BLB-Sprecher Bernd Klass. Man sei aber, so beide unisono, „in konstruktiven Gesprächen“, und das ebenso miteinander wie auch mit der Aachener Stadtverwaltung.

Deren Antwort auf die gleiche AZ-Anfrage lässt vermuten, dass es mit den vermeintlich „konstruktiven Gesprächen“ nicht so weit her sein kann. Warum über ein Jahr nichts passiert sei? „Das darf man nicht uns fragen, sondern das muss man den BLB fragen“, sagt Axel Costard vom städtischen Presseamt.

Immerhin sei mittlerweile – also viele Monate nach dem Beschluss – von Stadt, Campus GmbH und BLB ein externer Gutachter beauftragt worden, verschiedene Brückenvarianten und deren Kosten zu ermitteln. Aber auch dazu äußert sich der BLB auf konkrete Nachfrage hin mit keinem einzigen Wort. Im Sommer 2017 (!), so sagt es Costard, solle dieses Gutachten vorliegen.

Dann wären rund achteinhalb Jahre vergangen, seitdem der BLB für mehr als 50 Millionen Euro die Grundstücke am Aachener Westbahnhof von der Bahn erworben hat – mit Steuergeldern und möglicherweise auch noch maßlos überteuert, wie Ermittler vermuten. Seit gut einem Jahr ermittelt die Wuppertaler Staatsanwaltschaft gegen ehemalige Verantwortliche des BLB, der damals selber Anzeige erstattete. Wie weit dieses Verfahren gediehen ist, war am Freitag jedoch nicht mehr zu ermitteln.

Dafür kann man einiges über den Ermittlungsfleiß der Bürgerinitiative erfahren. Deren Mitstreiter haben in den vergangenen Monaten mit zahlreichen Politikern, Stadtplanern, Vertretern der RWTH und der Verwaltung gesprochen und sich eingehend mit den bisher diskutierten Erschließungsvarianten und dem Gelände befasst. Sie haben nach eigenem Bekunden auch mit Grundstückseigentümern gesprochen, die mit Verkäufen bereit wären, den Weg für Alternativrouten frei zu machen – was seitens der Planer bislang aus Kostengründen verworfen worden sei.

Nicht zuletzt haben sie sich aber auch selbst als Planer betätigt, haben Alternativen für die nördliche Erschließung erarbeitet, die auf einen teuren und das Landschaftsbild beeinträchtigenden Brückenbau verzichten können. „Denn wir sind für die Idee des Campus West und damit natürlich auch für eine Erschließung des Geländes“, sagt Dr. Stefan Brall für die Initiative. „Aber wir wenden uns gegen die einseitige Verfolgung einer Variante, die mit so vielen Nachteilen verbunden ist.“

Wohnungen statt Cluster?

Deshalb hofft man nun, dass die Politik trotz der vor 13 Monaten getroffenen Richtungsentscheidung doch noch einmal umschwenkt und die Verwaltung Alternativen zum Brückenbau prüfen lässt. Zumal zurzeit auch Gerüchte die Runde machen, dass das Campus-Areal gerade nach Norden hin verkleinert werden solle und man dort nicht auf Forschungscluster, sondern auf Wohnbebauung setzen wolle – wie sowohl aus Reihen der Initiative als auch aus der Politik zu hören ist. „Dann würde eine Erschließung über Melaten kaum noch Sinn machen“, meint Brall. Vom BLB ist auch zu dieser Frage aktuell nur eines zu erfahren: nichts.

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