Altkleidersammlung: Kirchenbündnis wirbt um Containerplätze

Von: Stefan Herrmann
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Nach umstrittener Vergabepraxis der Stadt starten Malteser, Wabe und KAB die Aktion „Aachen Fairwertet“. Foto: Michael Jaspers, Aachen Fairwertet

Aachen. Als Laila Vannahme vor über einem Jahr das erste Mal in der Zeitung von der neuen Praxis der Stadt las, die Stellplätze der Altkleider-Container auf öffentlichen Flächen zu verlosen, blieb ihr das Brötchen beinahe im Halse stecken. „Ich saß am Frühstückstisch und dachte mir nur: Das ist einfach unmöglich!“, erinnert sich Vannahme.

Doch statt es beim morgendlichen Ärger zu belassen, griff sie den Tipp ihres Mannes auf. „Tu doch was!“, hatte der ihr gesagt. Und das tat das engagierte Vorstandsmitglied im regionalen Pastoralrat dann auch und stieß schnell auf offene Ohren. Mittlerweile gilt Laila Vannahme als Initiatorin des neuen Projekts „Aachen Fairwertet“.

Dahinter verbirgt sich ein Verbund mehrerer kirchennaher gemeinnütziger Organisationen, die seit vielen Jahren und Jahrzehnten in der Altkleiderverwertung tätig sind. „Uns geht es nicht darum, Geld zu generieren, sondern soziale Zwecke vor Ort zu fördern“, sagt Holger Brantin. Der Sprecher des Katholikenrats der Region Aachen-Stadt war einer der ersten, der von Vannahme angesprochen wurde. Und schnell holte er weitere Akteure mit ins Boot. Nun haben sich der Malteser Hilfsdienst (MHD), die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) und der Verein Wabe zusammengetan. Mit dem Projekt „Aachen Fairwertet“ verbinden sie den Aufruf, dass Kirchengemeinden, Firmen und auch Privatpersonen weitere Stellplätze für Altkleider-Container bereitstellen. Bis zum Sommer möchte man so die Zahl der Stellplätze von derzeit gut 20 auf mindestens 40 erhöhen. „Und diese 40 sehen wir nicht als das Ende der Fahnenstange“, betont Brantin.

Hintergrund ist eine noch recht neue Vergabepraxis der Stadt. Die hat für 2016 erstmals das Los entscheiden lassen, wer das lukrative Geschäft mit Alttextilien jeweils für ein Jahr an den 100 öffentlichen Standorten aufziehen darf. Für 2017 wurde das Glücksspiel wiederholt. Der derzeitige Gewinner ist die Firma „Amadi Export“ aus Niedersachsen – bis zum nächsten Losentscheid. „Eine Karikatur einer Entscheidung“ nennt Wabe-Geschäftsführer Alois Poquett das Vergabeverfahren.

Im hart umkämpften Altkleider-Markt geht es um Millionen. Circa eine Million Tonnen Gebrauchttextilien wird allein in Deutschland pro Jahr weggegeben. Pro Tonne werden am Markt zwischen 300 und 400 Euro bezahlt. Das macht das Geschäft für gewerbliche Vertreter äußerst attraktiv – und karitative Verbünde schauen, wie zuletzt in Aachen, immer häufiger in die Röhre. Als soziale Organisation hat bisher lediglich das Deutsche Rote Kreuz (DRK) am städtischen Losverfahren teilgenommen – ohne Erfolg. Zugleich zog das DRK gegen die skurril anmutende Vergabepraxis vors Verwaltungsgericht. Dort unterlag man in erster Instanz. Eine Entscheidung der nächsthöheren Instanz, des Oberverwaltungsgerichts Münster, steht noch aus.

Die kirchlichen Organisationen sehen unterdessen im Zusammenschluss den besten Weg, dem enormen Rückgang an Kleiderspenden für Gemeinnützige entgegenzuwirken. Hatten zum Beispiel die Malteser im Januar 2015 noch 26 Container im gesamten Stadtgebiet stehen, sind es derzeit lediglich zehn auf privaten Flächen. Das Sammelergebnis ist sogar noch dramatischer eingebrochen, und zwar von 194 (2015) auf mickrige 38 Tonnen (2016). „Wir geben nicht nur Altkleider zu sehr günstigen Preisen an Bedürftige vor Ort ab, wir finanzieren mit den hier erzielten Einnahmen viele unserer weiteren gemeinnützigen Dienste, zum Beispiel im Demenz- und Hospizbereich“, erklärt Malteser-Geschäftsführer Ludwig May.

Zuletzt gelang es noch, die enormen Einbußen im Altkleiderbereich zu kompensieren. Das gehe allerdings nicht über mehrere Jahre, so May. Der deutliche Rückgang an Spenden bringt weitere Auswirkungen mit sich. Denn entsprechend mangelt es den Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern vor Ort mittlerweile an Nachschub. „Also genau dort, wo wir den Bedürftigen hier bei uns helfen“, ergänzt Poquett.

Experten gehen davon aus, dass man mit einem Container pro 1000 Einwohner kalkulieren kann. 100 Standorte vergibt die Stadt auf öffentlichen Flächen. Daneben verfügen die drei kirchennahen Verwerter derzeit über 22 Container-Stellplätze auf privatem Grund. Das Deutsche Rote Kreuz hat in Aachen aktuell 35 Altkleider-Container auf privaten Flächen aufgestellt, wie Kreisverbandsgeschäftsführer Hans-Dieter Vosen mitteilt. Bliebe bei 250 000 Einwohnern also durchaus noch ein bisher ungenutztes Potenzial von bis zu 100 Containern.

„Bei unseren gemeinnützigen Verwertern spielt Transparenz eine entscheidende Rolle“, sagt Brantin. Ein Großteil der Altkleider käme bedürftigen Menschen in der Region zugute und lande eben über zum Teil dubiose Kanäle auf einem Markt irgendwo in Afrika, wo billig angebotene gebrauchte Ware aus Europa den lokalen Anbietern mächtig zusetzt. „Wir bieten also eine echte Alternative an“, fügt Vannahme hinzu. Eine Kampfansage in Richtung gewerblicher Verwerter will das zwar keiner der karitativen Vertreter nennen, doch die Stoßrichtung des Bündnisses ist offensichtlich. Malteser, KAB und Wabe möchten als starkes Team auftreten. Sie sind davon überzeugt, dass bald an vielen Standorten in Aachen „Fairwertet“ groß geschrieben wird. Am besten in blauen Buchstaben auf weißen Containern. So sehen die Sammelbehälter nämlich aus, die ab Ende Februar ganz im Sinne der Initiatoren immer häufiger im Stadtbild auftauchen werden.

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