Aachen - Alternative Jecken ziehen beim Kappesball über Politik her

Alternative Jecken ziehen beim Kappesball über Politik her

Von: Wolfgang Schumacher
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Artistische Momente: Das Duo Diagonal ist beim Kappesball eine sichere Bank und wird von Jahr zu Jahr besser. Foto: Andreas Herrmann
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Räsonnieren über Politik und Pubertät: „Hoppla, das Duo“ nimmt sich unter anderem das Abgasproblem vor. Foto: Andreas Herrmann
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Udo Wolff gibt den Vater von drei weiblichen Teenagern. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das zeugt von Qualität: Der inzwischen fünfte Kappesball in der Kappertzhölle (Saalbau Rothe Erde) musste bei der Premiere ohne die Fachkraft für das Öcherische, ohne seinen Platt-Vater Kurt Radermacher auskommen, Krankheit verschlug ihm die Sprache.

Doch die Zwei von „Hoppla, das Duo“ (Michael Dannhauer und Thorsten Neumann) befriedigten mit ihren teilweise in fantastischem Öcher Platt vorgetragenen Sketchen die Sehnsucht auch der alternativen Jecken nach den Lauten und den (leisen) Witzen der Öcher Heimatsprache.

Nach dem furiosen Auftakt mit der Kultband „The Four Shops“, die wie gewohnt ihren im Einkaufswagen festgetackerten Drummer auf die Bühne rollten, legte das Duo zunächst als die Zwei von der Stadtverwaltung los.

Die beiden räsonierten sehr unterhaltsam vor den durchgängig karnevalistisch verkleideten Kappesjecken über die Bruchstellen der Stadtpolitik. Wen wundert‘s, auch hier von den Abgasversuchen und der Uniklinik zu hören. Natürlich alles „Einzelfälle“. „Der Diesel ist nicht das Problem, das Problem ist das Atmen“, klärte Michael Dannhauer auf, Versuche mit Gemüse in den Auslagen am Adalbertsteinweg hätte das erwiesen.

E-Ticket und Laufhaus

Lustig dann die Fantasien rund um die desaströse Einführung des E-­Tickets, das überall funktioniere, nur nicht in den Bussen der Aseag. Und natürlich waren der Büchel und der Puff Thema. Trefflich lassen sich hier Lacher machen mit dem Prostitutions-Alleingang des OB, der das Bordell einfach nicht mehr am Rathaus haben will.

Schade sei das für sie als städtische Mitarbeiter, besonders in der Mittagspause. An den Stadtrand solle das Laufhaus, da unten „beim Bauhaus“ vielleicht, kalauerten die beiden: „Da kaufste dann ein Brett, und genagelt wird nebenan!“

Jetzt war der Saal richtig auf Temperatur. Und hier gilt es, der ganzen Truppe ein Riesenkompliment zu machen. Denn das etwas gestraffte Programm – etwa waren Schultze und Schröder vom legendären Wallstreet Theatre nicht dabei – gab den andere genügend Raum für ihre teils abgedrehten Nummern.

So glänzte Aachens Integrationsexpertin, die Russin Liza Kos, mit zwei Solobeiträgen, die im Kappesball-Umfeld wesentlich lebendiger rüberkamen als ihr eher verhaltener Auftritt bei der Ordensverleihung „Wider den tierischen Ernst“. In ihrer zweiten Nummer gegen Ende des mehr als dreistündigen Programms fand sie als Swetlana Kalaschnikowa glänzend zurück zu ihren Ursprüngen, dem tief melancholischen russischen Humor in deutschen Sätzen.

Längst eine Institution ist das zweite Duo des Abends, das Duo Diagonal. Jonglage-As Holger Ehrlich wäre nichts ohne seine Partnerin, die im engen Seidenkleid fantastisch aussehenden Deana Kozsey. Sie zwingt den großen Schlacks zu Verrenkungen und großen artistischen Momenten, beide werden von Jahr zu Jahr immer besser, eine sichere Bank für die Kappesball-Macher rund um Komiker Meikel Freialdenhoven, der lieber Regie führte und auch in diesem Jahr auf eine Solonummer verzichtete.

Mit dem Facharbeiter und Vorzeigeproleten „der Udo“ hat die Truppe eine echte Verstärkung an Land gezogen. Udo Wolff gibt den Familienvater von drei pubertierenden weiblichen Teenagern. Seine Geschichten vom Einkauf der notwendigen Kosmetika mit den Girlies Nele, Miele und Moulinex in den einschlägigen Drogerieketten sind einfach herrlich, und die Fallstricke im trauten Heim vor der Badezimmertüre werden mit dem herben Charme eines echten Mannes vom Bau vorgetragen.

Übrigens ist die Band wieder gewaltig soulig und funkig, Band­leader und Show-Multitalent Sören Leyers treibt sie vor sich her. Immer wieder provoziert er Soli, zum Beispiel wenn er anordnet „Mario spiel! Deine Gitarre ist die beste!“ Dann lässt Mario Adler die Saiten fliegen, bis der Saal außer sich ist. Und gegen Ende singen alle zur eingängigen Melodie von „Volare, Cantare …“, beim minutenlangen Abschied der Band steigt der Keyboarder sogar mit den Füßen auf sein fragiles Tasteninstrument.

Fazit: Die Kappesshow 2018 ist humorvoller, stringenter und damit noch besser geworden.

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