Als die Weltelite im Waldstadion antrat

Von: Hubert Meisen
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Anke Feller und Maja Azarashvili lieferten sich ein spannendes Duell im 200-Meter-Lauf. Foto: Leo Faßbender
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Heike Drechsler, eine der erfolgreichsten Leichtathletinnen aller Zeiten, beim Weitsprung am 25. August 1996 in Aachen. Foto: Leo Faßbender
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Zwei Wochen nach ihrem Olympiasieg war Astrid Kumbernuss der große Star. Foto: Leo Faßbender
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Alina Astafei, die damalige Hallenweltmeisterin im Hochsprung, in Siegerpose. Foto: Leo Faßbender

Aachen. Heute vor 20 Jahren fand zum letzten Mal ein großes internationales Leichtathletik-Meeting im Aachener Waldstadion statt. Genau zwei Wochen nach den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta (USA) konnten die Aachener Sportinteressierten Weltklasseathletinnen der Spitzenklasse, die man sonst nur vom Fernsehen kannte, live erleben.

Zuletzt war das neun Jahre vorher möglich gewesen, als das letzte von insgesamt fünf Internationalen Sportfesten der DJK Frankenberg (1983 bis 1987) ausgetragen wurde.

Feuerwehrjubiläum

Der Anlass für den prominenten Event am 25. August 1996 war das 125-jährige Jubiläum der Berufsfeuerwehr Aachen. Aus diesem Grund hatte die Feuerwehr die 7. Feuerwehr-Leichtathletik-Europameisterschaften nach Aachen geholt und war auf die Idee gekommen, diese reinen Männerwettkämpfe mit einem Frauen-Meeting zu verbinden. So kam es, dass im Waldstadion am Samstag, 24. August, die Europameisterschaften und am darauf folgenden Sonntag besagtes internationales Frauen-Meeting stattfanden.

Veranstalter war die Berufsfeuerwehr der Stadt Aachen, Ausrichter der Leichtathletik-Verband Nordrhein im Kreis Aachen. „Meeting Direktor“ im Namen der Feuerwehr war Joachim Schäfer, der auch das Sponsoring organisierte. Es gelang ihm, mit Hilfe vieler Sponsoren, davon drei Hauptsponsoren, einen damals für hiesige Verhältnisse großen Veranstaltungsetat von rund 180.000 D-Mark auf die Beine zu stellen.

Ein besonderer Service für die 4000 Zuschauer war die große Videowand. So etwas gab es vorher und auch nachher nie im Waldstadion. Für Antritts- und Siegprämien der Athleten standen etwa 114.000 DM zur Verfügung. Dadurch wurde es ermöglicht, eine ganze Reihe von Topathletinnen nach Aachen zu holen. Darunter waren auch Olympiasiegerinnen, Weltmeisterinnen und Weltrekordlerinnen.

Die bekanntesten waren aus deutscher Sicht die zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin von 1992 im Weitsprung, Heike Drechsler, die vier Jahre nach ihrem Auftritt in Aachen im Jahr 2000 in Sydney zum zweiten Mal Olympiasiegerin wurde. Alina Astafei war amtierende Hallenweltmeisterin und Halleneuropameisterin im Hochsprung. Ihren wohl bedeutendsten Erfolg errang sie 1992 in Barcelona, als sie bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille gewann.

Grit Breuer gehörte zur absoluten Weltklasse im 400-Meter-Lauf. Melanie Paschke war seinerzeit Deutschlands beste Sprinterin, Linda Kisabaka, die beste 800-Meter-Läuferin, hatte in Atlanta die Bronzemedaille mit der deutschen 4 x 400-Meter-Staffel gewonnen. Die Ex-Aachenerin Anke Feller (Bayer Leverkusen) war gerade auf ihrem Weg nach oben als 400-Meter-Läuferin. Sie wurde als Startläuferin der deutschen 4 x 400-m-Staffel 1997 in Athen Weltmeisterin und 1998 in Budapest Europameisterin. Der große Star der Veranstaltung war aber Astrid Kumbernuss. Sie war gerade in Atlanta Olympiasiegerin im Kugelstoßen geworden. Dazu später mehr.

Aus 16 Nationen

Die Ausländerinnen bei diesem Sportfest kamen aus 16 Nationen: Brasilien, Belgien, Estland, Frankreich, Georgien, Kasachstan, Kenia, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Russland, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn und USA. Die bekannteste war die Slowakin Galina Tschistjakowa, die heute noch den im Jahr 1988 mit 7,52 Meter aufgestellten Weltrekord im Weitsprung hält, zu dieser Zeit noch als Russin für die Sowjetunion startend. In Aachen startete sie im Dreisprung.

Jekaterina Podkopajewa (Russland) war damals bereits 44 Jahre alt und drei Jahre zuvor noch Hallenweltmeisterin über 1500 Meter geworden. Ein Jahr später wiederholte sie diesen unglaublichen Erfolg. Die Kenianerinnen Angelina Kanana und Lornah Kiplagat sind später in der Marathonszene bekannt geworden. Stephanie Graf aus Österreich wurde erst ein Jahr nach dem Meeting wirklich bekannt. Im Jahr 2000 gewann sie in Sydney die Silbermedaille im 800-Meter-Lauf.

Ein kurzer Blick auf die spannendsten Wettkämpfe: Während der Sieg von Melanie Paschke im 100-Meter-Lauf relativ unspektakulär über die Bühne ging, war der 200-Meter-Lauf erheblich spannender. Anke Feller und die Georgierin Maja Azarashvili lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen entlang der gesamten Zielgeraden. Wie schon erwähnt, stammt Anke Feller aus Aachen. Azarashvili lebte damals in Eschweiler und startete für die Eschweiler SG. Auf die Hundertstelsekunde genau liefen beide nebeneinander über die Ziellinie. Nach 23,75 Sekunden entschied das Zielfoto zugunsten von Feller.

Grit Breuer (LT Hannover) hieß die klare Siegerin im 400-Meter-Lauf vor ihrer Staffelkollegin Anja Rücker (TuS Jena). Beide und auch die Dritte, Helena Fuchsova (Tschechische Republik), liefen unter 52 Sekunden. Über 800 Meter siegte Linda Kisabaka (Bayer Leverkusen) in 2:00,95 Minuten vor der favorisierten Stephanie Graf.

Der Lauf über zwei Meilen sollte eigentlich der Höhepunkt der Laufwettbewerbe werden. Der Manager der Russin Olga Churbanova hatte mehrfach versprochen, dass seine Läuferin über die selten gelaufene Strecke einen Weltrekord aufstellen würde. Daraus wurde aber leider gar nichts. Churbanova wurde sogar nur Dritte hinter der deutschen Überraschungssiegerin Luminita Zaituc (LG Braunschweig) und Jekaterina Podkopajeva (Russland). Über 400 Meter Hürden dominierten die damals international bekannten Heike Meißner (Dresdener SC) und Silvia Rieger (TuS Eintracht Hinte). Mit 55,74 bzw. 55,78 Sekunden liefen sie Zeiten, die derzeit von deutschen Läuferinnen nicht erreicht werden.

In den technischen Disziplinen ragte ein Wettbewerb heraus, bei dem die Siegerin eine außergewöhnlich gute Leistung präsentierte. Zwei Wochen vorher war Astrid Kumbernuss (SC Neubrandenburg) mit 20,56 Meter Olympiasiegerin im Kugelstoßen geworden. Unfassbar war die Tatsache, dass sie im Aachener Waldstadion diese Leistung übertreffen konnte. Mit ihren 20,70 Metern war sie eindeutig der Topstar der Veranstaltung. Sie war eine der besten Kugelstoßerinnen aller Zeiten. Neben ihrem Olympiasieg von Atlanta wurde sie dreimal Weltmeisterin und wurde 1997 zu Deutschlands Sportlerin des Jahres gewählt.

Zweite wurde Claudia Mues (LG München) mit 18,41, Dritte Nadine Kleinert (SC Magdeburg) mit 17,39 Meter. Die damals erst 20-jährige Kleinert war später sehr erfolgreich. Bei Olympia 2004 gewann sie die Silbermedaille, fünf Medaillen errang sie bei Weltmeisterschaften. 2012 gelang ihr dann endlich ein internationaler Titelgewinn, als sie Europameisterin wurde. Erst vor drei Jahren zog sie sich aus dem Hochleistungssport zurück.

Die damals 34-jährige Galina Tschistjakowa war seinerzeit von ihrer Paradedisziplin Weitsprung auf den Dreisprung umgestiegen. In Aachen sprang sie als Einzige über 14 Meter und gewann vor der international bekannten Virge Naeris (Estland). Superstar des Weitsprungs war natürlich Heike Drechsler. Das Frauenmeeting in Aachen war ihr erster Start nach langer Verletzungspause. Auch in Atlanta konnte sie nicht starten. So war es verständlich, dass sie mit der für sie bescheidenen Weite von 6,51 Meter „nur“ den vierten Platz belegen konnte.

Erfolgreiche Revanche

Hervorragend besetzt war auch der Hochsprung. Hier kam es zur erfolgreichen Revanche von Atlanta. Dort war die Russin Jelena Guljajewa Olympiavierte geworden, Alina Astafei (USC Mainz) Fünfte. In Aachen konnte Astafei den Spieß umdrehen. Sie siegte mit übersprungenen 1,94 Metern und scheiterte nur sehr knapp an 1,97 Metern. Guljajewa belegte mit 1,91 Meter den zweiten Platz. Mit der gleichen Höhe wurde die Schweizerin Sieglinde Cadusch Dritte. Sie hält noch heute den Landesrekord der Schweiz mit 1,95 Meter aus dem Jahr 1995.

Die Verantwortlichen der Berufsfeuerwehr Aachen waren mit der Resonanz nach dem Frauenmeeting sehr zufrieden. Der damalige Leiter Dr. Hans-Dieter Nüßler und Joachim Schäfer hätten gern weitere Meetings folgen lassen. Doch leider fehlte dazu die Bereitschaft der Sponsoren. Zwar gab es ein paar Jahre danach einige interessante Mehrkampfmeetings im Waldstadion, etwa Vergleichskämpfe zwischen Deutschland und USA, aber Meetings mit der ganzen Vielfalt der Leichtathletik kamen nicht mehr zustande.

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