Aachen - Als die Menschlichkeit in Finsternis versank

Als die Menschlichkeit in Finsternis versank

Von: Ines Kubat
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Aachen
75 Jahre nachdem die Synagogen brannten, gedenken die Aachener der Opfer des Holocaust. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Wann hört die Nacht auf?“, zitierte Oberbürgermeister Marcel Philipp die Frage eines Rabbis zur Zeit des Nationalsozialismus, als sich die Werte der Menschlichkeit in Europa verfinstert hatten.

Es sei eine Zeit gewesen, in der Jahrhunderte alte Vorurteile und eine irrwitzige Rassenlehre einem verbrecherischen Regime den geistigen Nährboden geboten hätten, der Hetze, Ausgrenzung und systematische Verfolgung von jüdischen Mitbürgern zur Folge gehabt hat. Auch in Aachen brannte damals die Synagoge.

„75 Jahre – also ein ganzes Menschenleben trennt uns von der Pogromnacht“, so Philipp. Denn am 9. November 1938 kulminierten in Deutschland der Hass, und die offene Verfolgung von jüdischen Mitbürgern begann: In dieser Nacht wurden Synagogen zerstört und in Brand gesteckt, Geschäfte geplündert und jüdische Familien enteignet, festgenommen und in die Konzentrationslager deportiert.

Deshalb gedachten am vergangenen Samstagabend zahlreiche Bürger im Krönungssaal des Rathauses der Opfer dieser Verbrechen in Aachen und ganz Deutschland. Und noch nach 75 Jahren war die Gedenkstunde geprägt von einer ungläubigen Schockstarre, Fassungslosigkeit darüber, dass „einfachste Regeln des menschlichen Zusammenlebens damals außer Kraft gesetzt werden konnten“, wie Philipp es formulierte. Ungläubigkeit aber auch darüber, wie viele Menschen einfach wegschauten im Bewusstsein dessen, was mit ihren Mitbürgern passierte.

All das sei Anlass, auch heute noch zu trauern, so Pfarrer Ruprecht van de Weyer, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Aachen. „Die Gebrochenheit dieses Tages“ kennzeichnete er die Stimmung bei der Gedenkstunde, die noch zusätzlich von der bedrückenden Dramatik der musikalischen Beiträge von Ye Gyeong Lim, Lew Berkowsky und Jessica Schlömer verstärkt wurde.

In einem bewegenden Beitrag berichteten Schüler der Alsdorfer Realschule davon, wie es den damals 126 Juden in den drei Ortsteilen Alsdorfs ergangen ist. Denn aus geachteten Bürgern, die im hohen Maße integriert waren und als Handwerker, Geschäftsleute und Händler arbeiteten, wurden plötzlich Geächtete.

So trugen die Jugendlichen die Schilderungen eines Zeitzeugen zur Pogromnacht vor, der über die Schändung der Alsdorfer Synagoge, Entweihung und Zerstörung der Togarolle durch aufgehetzte Alsdorfer berichtete. Das Unverständnis der Schüler über derartigen Hass gegenüber Mitmenschen wurde sehr deutlich, stellten sie sich doch immer wieder die Frage: „Wie konnte das geschehen?“

Auch die Gegenwart betrachten

So wichtig es sei, sich den Verbrechen der Vergangenheit zu stellen, so müsse man doch gleichzeitig die Gegenwart kritisch betrachten, gab Philipp zu bedenken. Dies werde vor allem daran deutlich, dass das auch heute noch Antisemitismus mehr oder weniger versteckt präsent sei – und zwar „nicht nur an den äußeren Rändern der Gesellschaft“, mahnte van de Weyer. Die Aufgabe und Verantwortung aus der Historie sei es daher, so Philipp, jeglicher Diskriminierung Einhalt zu gebieten und statt dessen Integration und Toleranz zu üben.

„Wir wollen nicht vergessen. Wir wollen uns erinnern“, gaben die Jugendlichen der Realschule den Gästen auf kleinen Zetteln in eindrücklicher Weise mit auf den Weg – denn das Bewusstsein um die Schrecken des Holocaust sollte nicht mit dem Verlassen einer Gedenkstunde enden.

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