Als der Karlsthron eingemauert wurde

Von: Peter Schopp
Letzte Aktualisierung:
9854804.jpg
Blick vom Dom auf die Ecke Ursuliner-/Hartmannstraße: Das Haus rechts steht noch, links sieht man die Trümmer des ehemaligen Regierungsgebäudes. Dort befindet sich heute der Brunnen „Der Kreislauf des Geldes“ der Sparkasse. Foto: Domkapitel Aachen
9854915.jpg
Blick von der Rennbahn Richtung Dom: Die Fenster des Domes sind verbarrikadiert, auf den Trümmern links befindet sich heute die Dominformation. Foto: Archiv Wolfgang Müller
9854921.jpg
Der Karlsthron im Dom: Unten erkennt man noch die Reste der Ummauerung, die den Kaiserstuhl im Krieg schützte. Foto: Stadtarchiv
9854914.jpg
Blick in die getroffene Chorhalle: Die Fenster sind zerstört, unten liegen Trümmer. Foto: Stadtarchiv

Aachen. Es ist eine Zeitreise, auf die der Besucher mitgenommen wird. Diese Reise führt in die beklemmenden Jahre des Zweiten Weltkrieges und beschreibt die unglaubliche Opferbereitschaft all derer, die für den Aachener Dom verantwortlich waren oder sich verpflichtet fühlten, ihn schützen und letztlich retten zu helfen.

Gerhard Dünnwald, ehemaliger Leiter der Domsingschule und selbst Domsingschüler, schaffte in seinem Vortrag, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Vereins Öcher Platt stattfand, eine Atmosphäre, die den Zuhörer oft ungläubig, ja teils fassungslos zurückließt. Der Beitrag ist in gewisser Weise eine umfassende Ergänzung unseres Magazinbeitrags vom Samstag über die Domwache.

Als 1939 die Zeichen auf Krieg stehen, lassen die Mitglieder des Domkapitels ohne Wissen der Stadtoberen die kostbarsten Schätze aus dem Dom und der Schatzkammer in Sicherheit bringen. Die Heiligtümer des Marienschreines werden an einem geheimen, sicheren Ort – wahrscheinlich im nördlichen Treppenturm des Doms – versteckt.

Ein weiterer Schutzraum wird im südlichen Treppenturm eingerichtet. Vor der geöffneten Wolfstüre lässt man eine Schutzwand errichten. Das große Westfenster wird vermauert, halbrunde neu gemauerte Wände sollen vor Bomben- und Granatsplittern schützen. Die 14 Figuren der Chorhalle samt Konsolen werden – ebenso wie die Heinrichs-kanzel – mit sandgefüllten Holzkästen ummantelt. Die Arkade vor der Allerseelenkapelle im Kreuzgang wird mit Mauerwerk und Beton gestützt. Viele weitere handwerkliche Vorkehrungen werden getroffen – wohlgemerkt, bevor die erste Bombe über Aachen abgeworfen wird.

Der erste Fliegeralarm

Am 5. September 1939 erlebt die Stadt den ersten Fliegeralarm des Zweiten Weltkrieges – ihm sollten 778 folgen. Vier Tage später erfolgt der Transport des Domschatzes nach Bückeburg, später von dort nach Meißen und zuletzt am 12. September 1944 nach Siegen in einen Erzbergwerkstollen. Bei den Kunstschätzen werden die sogenannten reichswichtigen Güter, dazu gehören unter anderem die Schreine, das Lotharkreuz und die Karlsbüste am 19. Februar 1941 ebenfalls nach Meißen in die Albrechtsburg gebracht. Bei der Kontrolle der Kunstschätze sichert Dompropst Dr. Müssener die Krone der Karlsbüste in seiner Handtasche und bringt sie mit nach Aachen. Andere Werke kommen ebenfalls wieder zurück und werden wahrscheinlich im südlichen Treppenturm des Domes versteckt.

Die ersten Bomben des Krieges fallen am 12. Mai 1940 auf die Stadt. Schon am 10. Juli 1941 erfolgt der 100. Fliegeralarm, gefolgt von einem Großangriff. Insgesamt 176 Spreng- und etwa 3000 Brandbomben gehen über der Stadt nieder. Bei diesem Angriff werden der Dom, die südliche Turmkapelle und die Kreuzgänge durch insgesamt 75 Brandbomben beschädigt. Alle Dächer werden zerstört. Die Aachener Feuerwehr hat große Probleme bei ihren Löschversuchen. Die sogenannte Dombrandwache – bestehend aus Küster, einem Nachtwächter und einem älteren Ehepaar – ist verständlicherweise total überfordert.

Nach einer Beschwerde des Regierungspräsidenten am 27. August 1941 wird die Feuerschutzgruppe für den Dom gegründet. Sie besteht aus 20 jungen Leuten im Alter zwischen 9 (!) und 24 Jahren und wird geleitet von Stephan Buchkremer, Sohn des Dombaumeisters Joseph Buchkremer und Bruder des späteren Weihbischofs Joseph Ludwig Buchkremer. Der offizielle Titel Buchkremers lautet „Werkschutzleiter der Aachener Kathedrale.“ Er übt mit den jungen Menschen alle möglichen Situationen. Das Material wird zum größten Teil durch den Karlsverein bezahlt.

Nach dem Angriff vom 10. Juli 1941 wird der Karlsthron neu gesichert: Bisher nur mit einem Splitterschutz aus Holz eingerahmt, sorgt nun ein 90 Zentimeter dickes, eisenarmiertes Mauerwerk, dessen Hohlräume mit Sand aufgefüllt wurden, für das Überdauern des historischen Kunstwerks. Darunter im Erdgeschoss muss der Thron aufgrund des nun enormen Gewichtes ebenfalls untermauert und gestützt werden.

1942 erfolgt die Zerschlagung der großen Marienglocke. Ein Neuguss wird erst zur Heiligtumsfahrt 1958 mit den Splittern der alten Glocke erfolgen. Die übrigen sieben Glocken aus der Zeit des Barock stehen unter Denkmalschutz und entgehen so der Zerstörung.

Verheerende Großangriffe

Am 13. und 24. Juli 1943 erlebt die Stadt Aachen zwei weitere verheerende Großangriffe. Folgende Zahlen belegen die unvorstellbare Wucht der Attacken: Das Abwerfen von 110 000 Brand-, 21 000 Phosphor- und 489 Sprengbomben hat fast 300 Todesopfer und 750 Verletzte sowie die Zerstörung von 2631 Häusern zur Folge, viele Gebäude sind darüber hinaus noch schwer bis mittelstark beschädigt. Natürlich bleibt auch der Dom von Schäden nicht verschont. Schaut man sich aber Fotografien von Zeitzeugen an, wird schnell klar, dass die Schäden um das Gotteshaus herum um ein vielfaches größer sind. Die Feuerschutzgruppe des Doms arbeitet erfolgreich.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1943 ereignet sich ein weiterer Angriff, in dessen Verlauf es zum Abwurf der sogenannten „Weihnachtsbombe“ kommt. Sie durchschlägt Dachhaut und Gewölbe der Chorhalle, zerstört das gotische Steinwerk des östlichen Chorfensters und wird zwischen Chor und Strebefeiler aus dem Dom herausgetragen, schlägt auf dem Münsterplatz vor dem Antiquitätengeschäft auf den Boden, wo sie – ausgestattet mit einem Zeitzünder – gegen Mittag explodiert, wodurch das Haus des Regierungspräsidenten zerstört wird. Versuche, die Kraft der Detonation einzudämmen, scheitern. Weitere Bomben treffen den Garten zwischen Karls- und Nikolauskapelle sowie den Kreuzgang und verursachen dort schwere Schäden.

Von Januar bis April 1944 wird die Stadt von 44 Luftangriffen an 31 Tagen heimgesucht. Bei einem Angriff am 8. Januar wird die Hauptgasleitung am Münsterplatz getroffen. Die dadurch hoch auflodernden Flammen sind ein Ziel für die Angreifer, aber die Domlöschgruppe bewältigt auch diese Herausforderung. Vom 11. auf den 12. April 1944 findet der für den Dom gefährlichste Angriff der Alliierten statt. Die Bomben von 350 Flugzeugen töten 1525 Menschen, darunter 11 Domsingknaben. Burtscheid wird in dieser Nacht fast vollständig zerstört.

Die Räumung Aachens beginnt am 1. September 1944, am 16. September ist der Belagerungsring um die Stadt geschlossen. Unter Androhung von Erschießung werden die Domchorsänger am darauffolgenden Sonntag aus dem Hochamt vertrieben.

Der Leiter der Feuerlöschgruppe, Stephan Buchkremer, wird nach Köln dienstverpflichtet zum Oberkommando des Heeres. Sein Vertreter wird mit 17 Jahren Helmut Jansen. Durch Einberufung, Wegzug und berufliche Einforderung dünnt die Gruppe weiter aus.

Am Morgen des 19. Oktober 1944 nähern sich die ersten amerikanischen Soldaten dem Dom. Vom Lousberg aus erfolgt Artilleriebeschuss, da die Amerikaner glauben, im Dom wären deutsche Soldaten verschanzt. Stiftsvikar Theodor Bernhard Rehmann und Domvikar Erich Stephany empfangen und überzeugen die Soldaten, dass aus dem Gotteshaus keine Gefahr droht. Am gleichen Tag noch verfügt Captain Walker Hancock Aushänge zum Schutz des Doms.

Die Aachener Kathedrale steht am Kriegsende tatsächlich immer noch. Stark beschädigt, keine Fenster und vom 19. bis zum 21. Oktober auch ohne „Bewohner“. Rehmann und Stephany erschleichen sich mit „eigenhändig“ ausgestellten Passierscheinen den Zugang zum Gotteshaus. Ab dem 6. November 1944 ist die Stadt wieder offen für Rückkehrer.

Regelmäßige Gottesdienste

Ab dem 26. Oktober finden in der Domsakristei wieder regelmäßig Gottesdienste statt. Der Architekt Hans Königs wird von Bürgermeister Franz Oppenhoff gebeten, vorübergehend den abwesenden Professor Buchkremer als Dombaumeister zu vertreten. Er lässt die notwendigen Arbeiten sofort beginnen. Schutt und Trümmer müssen entfernt, zahlreiche Löcher in den Bleidächern geflickt, abbröckelnde Mosaikflächen gesichert und viele Granateinschläge rund um den Dom notdürftig kaschiert werden.

Die Fensterscheiben werden, soweit vorhanden mit Klarglas abgedichtet, der Barbarossaleuchter kommt wieder an den ursprünglichen Platz und im Mai 1945 werden die karolingischen Gitter freigelegt. Die Schutzmauer vor der Wolfstüre kann entfernt und ein davor entstandener Bombentrichter gefüllt werden. Nach und nach wird der Aachener Dom mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln repariert und zur Nutzung hergerichtet. Allerdings sind die Arbeiten sehr mühsam, da weder Gerüst- noch benötigtes Baumaterial zur Verfügung stehen.

Weil im Kriegsjahr 1944 keine Heiligtumsfahrt stattfinden konnte, wird eine „kleine Heiligtumsfahrt“ vom 19. bis 22. Juli 1945 abgehalten. Der Thron Karls des Großen wird kurz vor Weihnachten 1948 von den aufwendigen Schutzbauten befreit. Die Chorhalle kann erst zur Heiligtumsfahrt 1951 wieder eröffnet werden, die Einweihung erfolgt am 24. Juni 1951.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert