Aachen - Alle Cowboys und Indianer entwaffnen?

Alle Cowboys und Indianer entwaffnen?

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Schirrmeister Peter Siffrin präsentiert das „Corpus Delicti“: Eine Gewehrattrappe wie diese ist eine Anscheinswaffe und als solche am Samstag von der Polizei konfisziert worden. Foto: Andreas Steindl
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Plädiert für Augenmaß und Sensibilität: Frank Prömpeler, Präsident Festausschuss Aachener Karneval. Foto: Ralf Roeger
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Traf sich zum klärenden Gespräch mit dem Polizeipräsidenten: Penn-Kommandant Jürgen Brammertz. Foto: Martin Ratajczak
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Musste Polizei makellose Führungszeugnisse vorlegen: Prinzengarden-Kommandant Dirk Trampen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Hier hört der Spaß auf: Die Beschlagnahmung eines nicht schussfähigen Karnevalsgewehrs – einer sogenannten „Anscheinswaffe“ – von einem Gardisten der Oecher Penn durch die Aachener Polizei hat eine Debatte über solche Dekorationswaffen ausgelöst.

Die Polizei mahnt zu mehr Sensibilität im Umgang mit Dekowaffen, Karnevalisten mahnen Augenmaß und Toleranz an. Der Kommandant der Oecher Penn, Jürgen Brammertz, und Polizeipräsident Dirk Weinspach trafen sich noch am Montagnachmittag, um sich gegenseitig zu versichern, dass man sich an die gesetzlichen Regeln halten werde, ohne den Karneval zu beeinträchtigen.

Der Penn-Gardist war am Samstagnachmittag in kompletter Karnevalsmontur auf der Aachener Turmstraße von einer Polizeistreife gestoppt worden. Drei Polizisten kassierten seine Karnevalsmuskete „Enfield 1860“ ein und leiteten direkt ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein – obwohl von dem Jecken offensichtlich keine Bedrohung ausging und das Spielzeuggewehr nicht schussfähig war. Damit drohen dem Karnevalisten nun bis zu 10.000 Euro Strafe. Polizeisprecher Paul Kemen nahm am Montag zu dem Vorfall Stellung: „Die eingesetzten Beamten haben rechtlich absolut korrekt gehandelt. Bei dem sichergestellten Gewehr handelt es sich zweifelsfrei um eine Anscheinswaffe nach dem Waffengesetz, Paragraf 42a Nr.1. Solche Waffen dürfen in der Öffentlichkeit nicht geführt werden.“

Unter Anscheinswaffen versteht man Revolver, Pistolen, Gewehre, Stich- und Hiebwaffen, die täuschend echt aussehen. Sie müssen – auch auf dem Weg zu und von Brauchtumsveranstaltungen – „in einem geschlossenen Behältnis, nicht zugriffs- und nicht schussbereit, transportiert werden“, wie die Polizei betont. Kemen erklärte: „Die Karnevalsvereine wissen, dass sie im Zuge der Brauchtumsveranstaltungen diese Waffen im Zeichen der Tradition regulär mitführen und zeigen dürfen. Sie wissen auch, wie diese Waffen zur Veranstaltung hin- und auch wieder zurückzutransportieren sind.“

Vor dem Hintergrund der derzeitigen Sicherheitslage seien alle Bürger und die Polizei besonders sensibilisiert. Gleichwohl räumt der Polizeisprecher ein: „Natürlich ist auch festzuhalten, dass die eingesetzten Kollegen eine weitere Option neben dem rechtlich einwandfreien Einschreiten gehabt hätten. So hätte man durchaus den jungen Mann der Oecher Penn freiwillig dazu bewegen können, die Beamten im Streifenwagen zum Treffpunkt der Penn zu begleiten.“ Dort hätte man die „Waffenträger“ dann noch einmal auf den korrekten Umgang mit den Spielzeuggewehren hinweisen können.

Kemen betonte, dass nun – vor allem an den Karnevalstagen – nicht zu befürchten sei, dass die Polizei haufenweise Cowboys und Indianer entwaffne: „Wir wollen den Jecken nicht den Spaß verderben.“ Festzuhalten sei aber, dass viele Spielzeuge tatsächlich täuschend echt aussähen. Angesichts der abstrakten Terrorgefahrenlage rät die Polizei eindringlich von Waffen zur Ergänzung von Kostümen ab – „es sei denn, diese sind eindeutig auf den ersten Blick als Spielzeug zu identifizieren“.

Die Oecher Penn mit Kommandant Brammertz jedenfalls will Musketen künftig wieder gesammelt im geschlossenen Fahrzeug zu Auftritten transportieren. Und die Prinzengarde hat – wie Kommandant Dirk Trampen erklärt – schon vor Jahren die Klingen der Degen entschärfen lassen. „Trotzdem müssen wir nach Absprache mit der Polizei für alle Gardisten Waffenscheine bereithalten. Und alle mussten ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis abgeben.“ Trampen plädierte dafür, Respekt vor der schwierigen Aufgabe der Polizei angesichts der aktuellen Bedrohungslage zu zeigen, das Waffengesetz aber nicht dramatisch eng auszulegen, wenn offensichtlich keine Bedrohung vorliege.

Auch Frank Prömpeler, der Präsident des Festausschusses Aachener Karneval, will nicht von einer Überreaktion der Polizisten sprechen: „Wem der freundliche Clown, die einfache rote Pappnase oder einer der immerwährenden Klassiker wie Cowboy und Indianer nicht als Kostüm ausreicht, tut als Jeck für die laufende Session gut daran, täuschend echt aussehende Nachbauten zu Hause zu lassen und auf Kostümierungen zu verzichten, die beim Betrachter ein mulmiges Gefühl in der Magengrube verursachen. Verkleidungen als Spezialagent, Nahkampfspezialist oder Ähnliches, zum Beispiel hochgerüstet mit Messern, täuschend echt aussehenden Waffennachbildungen oder sogar Munitionsketten aus dem Karnevalszubehör, könnten zu Irritationen und entsprechenden Einsätzen der Polizei führen“, erklärt Prömpeler.

Der Ausgang des Verfahrens gegen den Penn-Gardisten ist indes offen. Von einer Geldstrafe bis zur Einstellung ist alles möglich.

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