Alemannia-Insolvenz: Hier verbrannte Erde, dort leise Hoffnung

Von: Oliver Schmetz, Hans-Peter Leisten und Albrecht Peltzer
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Alemannias Zukunft im Fokus: Die Alemannia-Präsidiumsmitglieder Horst Reimig und Tim Hammer sowie der vorläufige Insolvenzverwalter Christoph Niering bei der Pressekonferenz am Donnerstag. Foto: Michael Jaspers
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Perspektiven für die Alemannia: Auch in Politik und Verwaltung setzt man darauf, dass auf dem Tivoli weiter Fußball in Schwarz-Gelb gespielt wird.

Aachen. Alemannia am Abgrund – wieder einmal stehen viele Anhänger des Traditionsvereins fassungslos vor dieser Situation. Und wieder einmal stellt sich nach der am Dienstag von der Alemannia Aachen GmbH beantragten erneuten Insolvenz die Frage, wie es nun weitergeht mit dem Krisenklub: Kann die Alemannia gerettet werden?

Und wenn ja, wie und von wem? Welchen Beitrag kann die Stadt dazu leisten? Und will und darf sie das überhaupt?

Spricht man darüber mit Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung, spürt man, wie viel Porzellan die wechselnden Vertreter der Schwarz-Gelben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zerschlagen haben müssen. Doch während die Alemannia auf dem Feld der Politik in Aachen fast flächendeckend verbrannte Erde hinterlassen zu haben scheint – vor allem bei der Umschuldung der Stadionkredite im Jahr 2012, bei der sich nachher viele Politiker getäuscht fühlten –, klingt Oberbürgermeister Marcel Philipp an Tag zwei nach dem Insolvenzantrag erstaunlich optimistisch.

Obwohl der in die 4. Liga abgestürzte Klub einmal mehr am Boden liegt, spricht der OB vom „hohen Wert, den die Alemannia hat“ und bekräftigt dies auf Nachfrage energisch: „Ja, ich glaube, dass dieser Name nach wie vor für die Region wichtig ist.“ Und Philipp ist auch guter Dinge, dass die Alemannia erneut gerettet werden kann – und das nicht nur, weil er „weiter ins Stadion gehen will“, wie er sagt. Sondern auch, weil Insolvenzverwalter Christoph Niering am Donnerstag eine durchaus positive Prognose für die Weiterexistenz abgibt (siehe Sport).

Dass die Alemannia wieder derart nah am Abgrund steht, hat den OB allerdings „überrascht“. Vergangene Woche habe er noch mit dem nun ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Steinborn über das seit langem in Rede stehende Investorenmodell gesprochen, erzählt Philipp. „Und danach war ich sehr optimistisch, dass das funktioniert, dass jetzt das Paket geschnürt und zur Mitgliederversammlung geladen wird.“ Stattdessen habe er dann am Montag eine Mail von Steinborn erhalten, dass es doch nicht funktioniere – „und in der zum ersten Mal das Wort Insolvenz stand“. Kurz vor dem tatsächlichen Gang zum Insolvenzgericht habe man ihm diesen tags darauf dann angekündigt – per Mail und telefonisch.

Knall auf Fall ging das Ganze also demnach vonstatten. So schnell jedenfalls, dass der OB „gar keine Zeit mehr hatte, die Fraktionen zu informieren“. Vielen Politikern dürfte es deshalb so gegangen sein wie CDU-Fraktionschef Harald Baal, der bekundet, vom erneuten schwarz-gelben Desaster „aus der Zeitung“ erfahren zu haben. Denn dass der Klub einen engen Kontakt zur Politik pflegt, dass es gar wie früher einmal personelle Überschneidungen zwischen Stadtrat und schwarz-gelben Räten gibt, ist lange Vergangenheit. Auch für den anderen Teil der großen Koalition, die SPD. Niemand habe ihn seitens der Alemannia auf die drohende Insolvenz angesprochen, sagt Fraktionschef Michael Servos: „Und darüber ärgere ich mich. Es gab nichts Offizielles.“

Dass die Politik angesichts der sich seit Monaten verstärkenden finanziellen Misere des Klubs nicht selber auf die Alemannia zugegangen ist, fällt dann wohl in die Kategorie „verbrannte Erde“ – ein Begriff, den Baal ganz ausdrücklich verwendet. „Mir fehlt jegliche Fantasie mir vorzustellen, dass die CDU-Fraktion sich mehrheitlich darauf verständigt, irgendeine finanzielle Unterstützung zu beschließen“, sagt der CDU-Fraktionschef. Und auch vom Gewähren einer „zweiten Chance“ will Baal nichts wissen. Mit der „Täuschung bei der Umschuldung“ und dem Neustart nach der ersten Insolvenz seien bereits „zwei Chancen verballert“ worden. „Irgendwann vergeht einem die Lust, irgendwann ist es auch gut“, ergänzt dazu Servos. „Meine persönliche Tendenz ist, kein Geld mehr für die Alemannia auszugeben, aber das müssen die Fraktionen entscheiden.“

Der Oberbürgermeister klingt da nicht nur im Ton deutlich moderater. Zwar betont Philipp, dass man dem Klub beim „großen Batzen Stadion“ seit langem „in schwieriger Situation dauerhaft helfe“, indem man die Infrastruktur finanziere. Und er sagt auch, dass man bei der Staffelung der Mieten nach Ligazugehörigkeit – aktuell zahlt die Alemannia laut Stadt pro Jahr 140 000 Euro Stadionmiete – auch in Zukunft bleiben wolle und „viel mehr Entlasten wohl nicht möglich“ sei. Zum Hintergrund: Der Unterhalt des Stadions kostet die Stadt pro Jahr zwei Millionen, die Bedienung der Stadionkredite weitere Hunderttausende Euro.

Doch der Oberbürgermeister sendet auch ein wichtiges Signal in der nach wie vor offenen Steuerschuldfrage, die die Alemannia – falls sie zahlen müsste – wohl endgültig in den Abgrund hinabstürzen ließe. Denn wenn das Land seinen Teil der Steuern aus den sogenannten Sanierungsgewinnen der ersten Insolvenz – etwa 1,2 Millionen Euro Körperschaftssteuer – dem Klub erlässt, werde die Stadt mitziehen, bekräftigt Philipp: „Dann verzichten wir auch, denn die Besteuerung solcher Sanierungsgewinne ist eine abstruse Konstruktion.“ Voraussetzung für diesen Verzicht auf rund 1,5 Millionen Euro Gewerbesteuern sei aber eine „klare Aussage vom Land, dass das rechtlich möglich ist“.

Und die Chancen der Alemannia, diese riesigen Summen nicht zahlen zu müssen, stehen laut Schatzmeister Horst Reimig gut. „Die Sache ist durch“, berichtet er von einem kürzlichen Besuch bei NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans, den der Aachener SPD-Landtagsabgeordnete Karl Schultheis kurzfristig vermittelt hatte. „Bis auf ein theoretisches Restrisiko könnten wir von einer Streichung der Steuerschuld beim Land ausgehen“, sagt Reimig. „Das hat mir der Minister versichert.“ Und das muss dieser demnach nun nur noch dem OB signalisieren, der im Übrigen Wert darauf legt, dass die Steuerfrage nicht zur Insolvenz geführt habe. Oder muss der Rat den Steuererlass beschließen, wie es CDU-Fraktionschef Baal meint?

Letzteres dürfte der Alemannia weniger gefallen, denn zumindest in der großen Koalition bewegt sich die Stimmung nach den vielen negativen Erfahrungen der Vergangenheit zwischen leidenschaftslos und verärgert – verbrannte Erde eben. „Ich wäre der erste, der sich für die Streichung einsetzt“, kündigt dagegen der OB an und hegt auch in den schwärzesten Stunden des Traditionsklubs die leise Hoffnung, dass es weiter- und irgendwann wieder aufwärts geht: „In anderen Städten ist das ja auch gelungen.“

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