Alarmstufe Rot in den integrativen Kitas

Von: Stephan Mohne
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Gemeinsam aufwachsen: In integrativen Kita-Gruppen ist das Miteinander von behinderten und nicht-behinderten Kindern eine Selbstverständlichkeit. Doch dazu braucht man es neben pädagogischem auch therapeutisches Personal. Dessen Finanzierung wackelt jetzt – und damit das ganze funktionierende System. Foto: imago/epd

Aachen. Sie gelten als Musterbeispiel für die frühzeitige Eingliederung von Kindern mit Förderbedarf in die Gesellschaft und das früher alles andere als selbstverständliche gemeinsame Aufwachsen von Kindern mit und ohne Behinderung: die integrativen Kitas und Kita-Gruppen. Nötig ist für diese Aufgabe eine besondere personelle Ausstattung.

So gibt es dort neben Erzieherinnen von den jeweiligen Trägern – also der Stadt oder auch freien Verbänden – angestellte Spezialkräfte wie etwa Logopäden oder Physiotherapeuten. Finanziell gefördert wurde das System vom Landschaftsverband Rheinland (LVR).

Doch 2013 beschloss die Landschaftsversammlung als oberstes politisches Gremium im LVR mit breiter Mehrheit, dieses System durch ein neues zu ersetzen. Ab Mitte 2014 sollte es gelten, doch es wurden Übergangsfristen eingeräumt. Diese laufen im August aus. Und in den Kitas beziehungsweise bei den Trägern herrscht deswegen Alarmstufe Rot.

Kein Wunder. Denn der LVR zieht sich aus der Finanzierung der Therapiemaßnahmen zurück. Zudem wird die bisherige auf integrative Gruppen bezogene Bezuschussung auf „FInK“-Pauschalen umgestellt („Förderung der Inklusion in Kindertageseinrichtungen“), die sich aufs einzelne Kind beziehen, individuell beantragt werden müssen und 5000 Euro pro Kind mit Behinderung und Jahr betragen.

Aber: Dieses Geld darf nur für die pädagogische Arbeit eingesetzt werden, nicht mehr für die therapeutische. Diese Kosten sollen die Krankenkassen übernehmen, die allerdings für angestellte Therapeuten – sie leisten bisher je zur Hälfte therapeutische und pädagogische Arbeit – bis zu 20 Prozent weniger zahlen wollen. Alternativ können die Kitas die Leistungen bei niedergelassenen Therapeuten „einkaufen“ und mit den Kassen abrechnen. Durch die Neuregelung werden wohl etliche Therapeutenstellen in den Einrichtungen gestrichen.

Von der Einzelfallförderung verspricht man sich beim LVR unter anderem, dass behinderte Kinder verstärkt wohnortnah einen Kitaplatz bekommen sollen. Die Umstellung der Finanzierung wird damit begründet, dass nicht einzusehen sei, dass die öffentliche Hand für Leistungen bezahlen müsse, die Sache der Krankenkassen seien. „In unserem Nachbarverband Westfalen-Lippe hat es nie eine andere Art der Abrechnung gegeben“, sagt Rolf Einmahl. Der Aachener ist CDU-Fraktionschef in der Landschaftsversammlung. Was dort schon lange funktioniere, müsse auch im Rheinland möglich sein.

Doch so einfach ist die Sache nicht, glaubt man den Trägern. Zunächst einmal sind sie fassungslos darüber, „dass man aus einem funktionierenden System das Gute einfach wegnimmt“, wie es Nassim Navvabi von der AWO ausdrückt. Ein Hauptproblem der neuen Regelung sehen die Träger in einem enormen bürokratischen Aufwand. Für jedes Kind müsse immer pünktlich und quartalsweise ein ärztliches Rezept vorliegen, und sie seien bei unterschiedlichen Kassen versichert.

Zudem müsse die jeweilige Kasse die Leistung anerkennen. Tut sie das nicht, seien Probleme programmiert. Für diesen bürokratischen Aufwand gebe es aber kein Geld und keine Stellen. Navvabi: „Da wird der Ball einfach den Kitas zugeworfen, das darf nicht sein.“

Auch Guido Rothkopf von den Caritas Lebenswelten spricht von einem „Kraftakt“. Von 32 Therapeutenstellen habe man acht mit befristeten Verträgen abbauen müssen, die anderen könne man halten. „Wir haben das noch hinbekommen, aber es ist entscheidend, dass die Rezepte immer da sind.“ Gerd Voigt, Geschäftsführer des Vereins für Körper- und Mehrfachbehinderte, der die integrative Kita Talbotstraße betreibt, sagt: „Es steht zu befürchten, dass wir unsere bisherige hohe Qualität und Quantität nicht aufrechterhalten können.“

Bei den Krankenkassen heißt es indes, dass „die Versorgung der Kinder sichergestellt“ sei, so Dirk Ruiss, Leiter der Landesvertretung NRW des Verbands der Ersatzkassen (vdek). Es habe nach dem Beschluss des LVR schwierige Verhandlungen gegeben. Im Ergebnis gebe es nun aber für die Einrichtungen auch die Möglichkeit, mit den Kassen „Vergütungsverträge für Therapieleistungen“ des angestellten Personals zu schließen.

Allerdings eben zu „abgesenkten Vergütungen“. Schließlich würden bei niedergelassenen Therapeuten auch Infrastruktur und Qualifikation eine Rolle spielen. Von den Verträgen hätten bereits rund 100 Einrichtungen Gebrauch gemacht. Ruiss: „Alternativ kann eine zugelassene Heilmittel-Praxis die vom Arzt verordneten Heilmittel in der Einrichtung des Kindes erbringen.“ Auch politisch rollt der Ball. Die Grünen haben einen Ratsantrag gestellt: „Die Umsetzung des Inklusionsgedankens sollte nicht auf Kosten der erfolgreichen Arbeit der frühen Förderung in integrativen Einrichtungen organisiert werden, der ganzheitliche Ansatz der therapeutischen Arbeit muss erhalten bleiben“, heißt es da.

Die Stadt mit ihren 20 integrativen Gruppen in sieben Kitas rotiert. Eine Kombination aus „FInK“-Pauschale und Krankenkassenabrechnung werde wohl nicht kostendeckend sein, sagt Fachbereichsleiter Heinrich Brötz. Man müsse überlegen, wie man angesichts der prekären Haushaltslage damit umgehe. Am 24. Mai soll es eine Sondersitzung des Kinder- und Jugendausschusses geben, Gespräche mit Personalrat und Politik stünden noch aus.

Befristet beschäftigten Therapeuten werde in persönlichen Gesprächen signalisiert, dass „im Moment keine Weiterbeschäftigung zugesichert werden kann“. In jedem Fall werde man „bestrebt sein, dass Kinder mit Behinderung auch weiterhin therapeutische Leistungen in den städtischen Einrichtungen in Anspruch nehmen können“.

Ein komplexes Thema, das eine betroffene Logopädin gegenüber der AZ so auf den Punkt bringt: „Eine qualitativ hochwertige Förderung der Kinder wird bald nicht mehr möglich sein und ein bestehendes System wird zusammenbrechen. Kinder sind unsere Zukunft. Also sollte hier investiert werden und nicht gespart.“

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