Aachen - AKV-Sitzung wie jeck vertuscht

AKV-Sitzung wie jeck vertuscht

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
Letzte Aktualisierung:
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Nicht nur die Tischreihen im Eurogress hatten enorme Längen: Auf der Bühne zündete nicht jeder Programmpunkt der vierstündigen AKV-Ordensverleihung Wider den tierischen Ernst, deren Zusammenfassung am Montag in der ARD läuft. Foto: Michael Jaspers
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Kann der Lennet Gospel? Natürlich! Dirk von Pezold und den stimmgewaltigen Chor „Sound‘n‘Soul“ hätte man im Eurogress gerne live gehört.
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Stimmungsgaranten: Die 4 Amigos rissen das Publikum von den Stühlen – sie sangen live, während sonst Playback im Programm dominierte.
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Preiswürdig: AKV-Präsident zeichnete die „Geschwister in der Bütt“ Lena (9) und Niklas (14) aus.
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Tolles Nachwuchstalent: Der Burtscheider Comedian Malte Pieper überzeugte das Publikum.
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„Wir sind jeck“: Nicolas Meessen trat mit Tanzgruppe auf.

Aachen. Wenn man die exakte Anzahl der Tuschs während einer vierstündigen Karnevalssitzung mühsam mitzählt, muss das kein Kompliment sein. Die 65. Ordensverleihung wider den tierischen Ernst des Aachener Karnevalsvereins (AKV) brachte es am Samstagabend im Eurogress auf genau 193 Tuschs in 240 Minuten. Tätäää!

Im Schnitt macht das alle 74 Sekunden einen Tusch. Wäre der Westdeutsche Rundfunk (WDR) bei der Aufzeichnung der Festsitzung im anvisierten Zeitrahmen geblieben, hätte man auf den Punkt einen Tusch pro Minute geschafft. Aber wie so einiges an diesem Abend, ist auch diese Rechnung nicht aufgegangen. Ritterin Annegret Kramp-Karrenbauer (23 Tuschs) und Laudator Christian Lindner (14 Tuschs) meisterten ihre Reden vor den WDR-Kameras und den 1250 Festgästen im Saal zwar bravourös. Aber einige Aachener konnten einem auf und vor der Bühne schon leid tun.

Allen voran: De Pöngche und die Oecher Börjerwehr. Das Gesangsduo und die Stadtwache flogen kurzfristig aus Zeitgründen aus dem Programm. Besser dran: „Et Zweijestirn“ Roland Jansen und Carsten Forg. Die Erkelenzer Musikparodisten durften nach der zum Showauftakt abgestürzten „Starwars-Prinzessin“ Sahra Wagenknecht und 31 Tuschs in 16 Minuten die Stimmung im Saal spürbar heben.

Leider auch andere Stimmen. Das Gemurmel vieler Gäste – zur Ordensverleihung traditionell in noble Abendroben und Smokings gehüllt – verriet im Laufe der Stunden, wann die Aufmerksamkeit eher dem Tischnachbarn als dem Bühnengeschehen galt. Womöglich beschlich so manchen im jecken Grundrauschen das Gefühl, hier nur als Staffage einer TV-Comedy-Show mit zart dosiertem Öcher Karnevalsflair zu fungieren. Woran auch das charmant-gewitzte Moderatoren-Trio mit Mr. Tagesschau Jens Riewa, AKV-Präsident Dr. Werner Pfeil und Vize Rolf Gerrards nichts ändern konnte. Die WDR-Regie ließ dem erfahrenen Trio kaum Bewegungsfreiheit.

Nur die 4 Amigos – Uwe Brandt, René Brandt, Stefan Beuel und Dietmar Ritterbecks sangen als einzige Künstler live – rissen den zwischenzeitlich leicht lethargischen Saal von den Stühlen. Da wurde dankbar mitgeklatscht, gesungen, getanzt – der AKV-Sound-express steuerte zu Kultliedern wie „Vür sönt va Oche“ und „Vür fiere Öcher Karneval“ satte Bläserunterstützung bei. Das hatte Format. Alles perfekt bis zum nächsten Tusch – Nummer 114 war‘s für die Amigos zum tosenden Applaus. Von dieser Welle der Euphorie ließen die Programmverantwortlichen um WDR-Redakteur Carsten Wiese dann den jungen Burtscheider Comedian Malte Pieper fallen. Das 23-jährige Sprachtalent schwamm sich mutig vor dem noch Amigo-berauschten Publikum frei – mit frechem Vortrag und reichlich Chuzpe. Respekt!

Ebensolchen zollte der Saal den jüngsten städteregionalen Matadoren. Als „Geschwister in der Bütt“ spielen sich die Alsdorfer Lena (9) und Niklas (14) seit Jahren herrlich amüsante Anekdoten zu. Das Duo macht Spaß! So einfach kann‘s sein. Was der AKV nun mit dem Zentis-Kinderkarnevalspreis würdigte. 3333 Euro Taschengeld gab‘s obendrauf.

Für Pleiten, Pech und Pannen konnte der AKV am wenigsten: Mal versagte ein Mikrofon den Dienst (Auftritt der Prinzengarde). Mal passte der Musikeinspieler nicht (beim Lambertz-Ehrenpreis für Ball-der-Mariechen-Siegerin Christina Jansen). Mal klang die fernsehgerecht vereinfachte Playbackmusik schlechter als das Original (beim in Wahrheit stimmgewaltigen Gospelchor Sound‘n‘Soul mit Lennet Kann alias Dirk von Pezold).

Schön anzuschauen und anzuhören: Sängerin Nicole Malangré mit neu arrangierten Sessionsliedern früherer Karnevalsprinzen, im Rampenlicht choreografisch aufgepeppt durch die AKV-Schautanzgruppe und die Latein-Formation Aachen-Düsseldorf. Einen weiteren Vollplayback-Programmpunkt präsentierte der 19-jährige Nicolas Meessen. Er bewegte zum Lied „Wir sind jeck“ die Lippen. Paradox: Andersrum ging‘s auch. Bauchredner Tricky Niki verzog an gleicher Stelle auf der Bühne keine Miene, sprach aber seine Blödeleien live ins Mikro. Wer narrt da eigentlich welchen Jeck? Im Eurogress ernteten beide Varianten freundlichen Applaus. Und Tuschs. Funktioniert immer.

Das galt umso mehr für Aachener Narrenherrscher: den Großen wie den Kleinen. Märchenprinz Anton I. und Prinz Karneval Axel II. fügten sich dem Regiekonzept vorbildlich. Spontaneität verboten; aber die schmissigen Sessionslieder zündeten. Prima! Axels fetziger Song „Winke, winke“ zu hunderten tanzenden Taschentüchern im Publikum könnte im Jahr der Reit-Europameisterschaften in Aachen den Aschermittwoch überleben; wetten?

Lob und Schulterklopfer kassierten nach der vierstündigen AKV-Festsitzung – deren Finale wegen einer weiteren technischen Panne der Fernsehmacher noch vor Ort gegen Mitternacht im Konfettiregen wiederholt werden musste – viele Aachener Kräfte. Wobei das Servicepersonal der Lemonpie-Gastronomie und die Quellenhof-Küche ausdrücklich hervorgehoben wurden. Von Bier bis Schampus, von Austern bis Currywurst kredenzte die Crew bis in den frühen Morgen alles, was das ausmergelte Narrenherz höher schlagen ließ.

Apropos Schlag, französisch touche, also Tusch: Wohltuend, dass die Live-Band im eigens zur AKV-Festsitzung sagenhaft stilvoll umgebauten Eurogress-Foyer nach dem 193. Tusch im Saal ohne weitere Tätäääs für echte Partystimmung sorgt.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, sollte am Montag ab 21.15 Uhr die 105-minütige Zusammenfassung der AKV-Festsitzung in der ARD einschalten (Langfassung am 14. Februar, 21.45 bis 0.15 Uhr im WDR). Mal sehen, was noch vertuscht werden kann...

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