AfD will mit Frauen „übers Pflichtenheft sprechen“

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Beklagen sich darüber, immer in die rechte Ecke gestellt zu werden: Bernd Reichert (links) und Roger Lebien treten bei der Landtagswahl am 14. Mai in Aachen für die AfD an. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Rassisten? Nazis? Gebe es in Reihen der Alternative für Deutschland (AfD) nicht. Sagt Bernd Reichert. Und redet sich bei diesem Thema flott in Rage, noch bevor das eigentliche Gespräch so richtig begonnen hat.

Reichert doziert über Meinungsfreiheit, die es in Deutschland nicht mehr gebe und die man wiederherstellen müsse. Reichert prangert an, dass man als AfDler schnell in die ultrarechte Ecke gestellt werde. Sein Parteifreund Roger Lebien ergänzt, dass man am Infostand wegen gewalttätiger Linksextremer um seine Gesundheit fürchte. Und man deswegen quasi unter Polizeischutz Wahlkampf führen müsse. Reichert und Lebien ist nicht nur ihre Parteizugehörigkeit gemein, sie treten auch beide als Direktkandidaten für die AfD in den beiden Aachener Wahlkreisen bei der Landtagswahl an.

Nein, einer bestimmten der widerstreitenden Strömungen in der Partei wollen sich beide nicht zuordnen. Zu den „Patrioten“ habe er gute Kontakte, sagt Reichert, aber eben auch zu den „Gemäßigten“. Andererseits: Sicher habe die AfD Überschneidungen mit dem nationalistischen „Front Nationale“ in Frankreich, sagt Reichert, der aber gar nicht versteht, was daran schlimm sein soll. Und Roger Lebien, der auch die niederländische Staatsbürgerschaft hat, sieht sich zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage politisch auf einer Linie mit seinem rechtsextremen Halblandsmann Geert Wilders: „Wir haben eine neue Dimension erreicht. Man muss als normaler Bürger – anders als zum Beispiel beim Terrorismus der 1970er Jahre – Angst haben, auf offener Straße niedergemessert zu werden. Auch wenn ich weiß, dass die Masse der Flüchtlinge nicht so ist, aber mit der Flüchtlingswelle haben wir uns das durch mangelnde Grenzkontrollen und mangelhafte Registrierung sowie die kapitalen Fehler der großen Koalition ins Land geholt.“

Ein selbsterklärter „Wutbürger“

Reichert ergänzt, dass der „neue Kriminalitätsreport eindeutig belegt, dass Ausländer vier Mal öfter straffällig werden als Deutsche“. Das werde einfach wegdiskutiert. Aber fremdenfeindlich? Nein, fremdenfeindlich sei die AfD nicht, betont Reichert. Natürlich sollen alle anerkannten Asylbewerber bleiben dürfen, sagt er. Damit die Menschen aber erst gar nicht kommen, müsse man grundlegend etwas an den Lebensbedingungen in ihren Heimatländern ändern.

Nun gibt es die AfD ja noch nicht so lange. Aus welchen Gründen haben die beiden dort angeheuert? Roger Lebien – er bezeichnet sich selber als „Wutbürger“ –sieht Verwaltung, Schulen und Kitas „fast ausschließlich von Leuten dominiert, die ein rotes oder grünes Parteibuch haben“. Das will er ändern. Früher sei er CDU-Mitglied gewesen. Doch den Christdemokraten habe er wegen ihrer Familienpolitik den Rücken gekehrt. Die CDU habe für ihn nicht mehr ausreichend das „klassische Familienbild“ propagiert, sondern habe sich in Gleichstellungsfragen sowie bei der Homo-Ehe und der Kindesadoption durch Schwule und Lesben „immer mehr der SPD angenähert“.

Und solche Dinge lehnt der 42-jährige Groß- und Außenhandelskaufmann entschieden ab. Auch die Frauenförderung geht ihm viel zu weit: „Statt über Quotenregelungen und rote Teppiche, die Frauen ausgerollt werden, muss man auch mal übers Pflichtenheft sprechen und nicht nur über die Rechte“, fordert er. An der Spitze seiner Partei steht jetzt übrigens mit Alice Weidel eine junge, zielstrebige Karrierefrau, die lesbisch ist und mit ihrer Partnerin zwei Söhne großzieht.

Reichert, der 1989 vor der Maueröffnung aus der DDR floh, sagt, er sei früher durchaus ein Freund des Euro und der CDU gewesen. Aber dann seien durch die Begleichung von Staatsschulden anderer EU-Länder „Milliarden verschenkt“ worden. Seit Jahren habe es keine Reallohnerhöhung mehr gegeben, beklagt der 62-jährige Diplom-Mathematiker. Und so habe er 2013 die Nase voll gehabt – und sei in die noch junge AfD um ihren Gründer Bernd Lucke eingetreten.

Als einen seiner Politikschwerpunkte nennt Reichert die „Wiederherstellung der Meinungsfreiheit als demokratisches Grundrecht“. Weil man ja nicht mehr sagen dürfe, was man denke – sagt der Mann, für den an den AfD-Infoständen die Polizei und damit der Staat dafür sorgt, dass er sagen kann, was er denkt. Der „Indoktrination an Schulen und Unis“ will er entgegenwirken, die „Basisdemokratie stärken“ und „das deutsche Volk fragen, wie man mit Wirtschaftsflüchtlingen umgehen soll“.

Lebien – selbst „beorderter Reservist“ der Bundeswehr, wie er stolz betont – sieht sein Feld in der Sicherheitspolitik. Er fordert mehr Kameraüberwachung und „Bodycams“ für Polizisten. Es gelte, das „Beweisproblem“ zu lösen, wenn es Gewaltexzesse gibt, die „von einer ganz bestimmten Migrantengruppe“ verübt würden – womit er den Fall in Düren meint, wo ein Streit um ein Knöllchen derart eskalierte, dass schließlich zehn Polizisten verletzt wurden. Für Lebien ein Beispiel dafür, dass es „bestimmte Teile des islamisch-arabischen Kulturkreises“ gebe, die „wie keine andere Bevölkerungsgruppe zur Bildung von Parallelgesellschaften neigen“. Und es sei „jetzt Schluss damit, dass das nicht klipp und klar ausgesprochen wird“, sagt er und stampft zu diesen Worten kräftig mit dem Fuß auf.

„Zehn bis 14 Prozent“ als Ziel

Das erinnert dann wieder sehr an extreme Rechtsausleger in der AfD wie Björn Höcke auf Bundesebene und Markus Mohr in Aachen. Lebien sagt, er kenne den Ratsherrn Mohr gut und ordnet sich wie dieser auch in die Kategorie „Patriot“ ein. Man habe „thematische Überschneidungen“, aber auch „differenzierte Sichtweisen“. Mohr sei mit seinen Aussagen allerdings „manchmal etwas ungeschickt“, sagt er.

Reichert findet, Höcke sei „stramm nationalkonservativ“, aber das dürfe man in der AfD genauso sein wie eher liberal. Einiges von dem, was Höcke sage, sei „taktisch sehr unklug“, einiges auch „sehr problematisch“ – „aber mich stört, dass aus ihm ein Nazi gemacht wird“. Überhaupt finde der Richtungsstreit in der AfD eher „oben“, also in den Führungsetagen statt. Das müsse man dann als Kandidat „unten“ – nämlich am Infostand – ausbaden, beklagt er.

Die Ergebnislatte legen Reichert und Lebien für die AfD in Aachen hoch: „Zehn bis 14 Prozent“ wollen sie bei der Landtagswahl holen, und damit der Konkurrenz richtig weh tun. Schließlich will man, so Lebien, „Scharfrichter für andere Parteien“ sein.

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