Abi am Abendgymnasium: Doppelbelastung lohnt sich

Von: Stefan Herrmann
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Erfolg auf dem zweiten Bildungsweg: Kisitu Sundra, Annette Karius, Ewald Crombach, Robert Glagla, Zeljka Rakanović mit Lehrer Friedel Thol, Schulleiter Dr. Michael Szczekalla und Stellvertreter Matthias Herrmann vom Abendgymnasium Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Gänge wirken verwaist. Eine einsame Reinigungskraft dreht ihre Runden, wischt die Fußspuren des langen Unterrichtstages vom Boden. Die Stühle sind hochgestellt, die Tafeln zugeklappt. Der Gong ertönt, es ist kurz nach 17 Uhr im Schulzentrum am Hander Weg. Es ist die Zeit, in der sich Robert Glagla bis vor kurzem noch aufgemacht hat, um eben dort hinzufahren, wo gerade so gar nichts mehr nach emsigem Schultreiben aussieht.

Der 28-Jährige hat Ende des Jahres sein Abitur am Abendgymnasium Aachen bestanden. Endlich, sagt er. Und beglückwünscht sich mit seinen Mit-Studierenden – denn so werden Schüler des Abendgymnasiums offiziell genannt – noch einmal, dass sie es gepackt haben. Erfolg auf dem zweiten Bildungsweg: Morgens arbeiten, abends büffeln.

Das Motto der Schule lautet in der Tat „Je später der Abend, desto besser die Aussichten“. Doch täuscht der Slogan. Längst bietet das Abendgymnasium auch vormittags die Möglichkeit an, das Abi nachzuholen – oder auch auf dem Online-Weg (siehe Info-Box). Mindestens 18 Jahre alt sein und zwei Jahre Berufserfahrung muss jemand haben, um an einem Abendgymnasium aufgenommen zu werden. „Parallel wird Kindererziehung selbstverständlich ebenso angerechnet“, erklärt Schulleiter Dr. Michael Szczkella.

20 Kollegen arbeiten mit ihm in Aachen daran, damit Erwachsene auch auf zweitem Wege und neben dem Beruf ihre Hochschulreife erlangen können. Eingangsklassen starten im Sommer und Winter. Die nächste im Februar. „Die Anmeldungsphase läuft noch“, betont der stellvertretende Leiter Matthias Herrmann.

Robert Glagla wird dann bereits den Blick Richtung Studium werfen. Lehramt möchte er studieren, sagt er. Für eine sicherere Zukunft, eine bessere Bezahlung. Mit unzähligen Jobs – bei der Post, als Essensauslieferer und zuletzt als Leiharbeiter – habe er sich jahrelang über Wasser gehalten. „Dann dachte ich mir: Ich muss aktiv werden.“ Kurz darauf drückte er wieder die Schulbank – erster Tiefschlag inklusive. „Mit einer Fünf in Mathe bin ich hier gestartet“, sagt er. Heute hat er gut lachen, denn nach den Abiprüfungen stand eine Eins im Fach Mathematik auf dem Zeugnis.

Bis zu 330 Schüler wagen sich am Abendgymnasium an die enorme Herausforderung, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Nicht jedem gelingt der Spagat. Im letzten Abschlussjahrgang machten rund 30 ihr Abi. Gestartet war man mit 50. Eine nicht ungewöhnliche Quote, bestätigt Schulleiter Szczekalla. Denn die Schüler machen genauso das Zentralabitur wie ihre jungen Klassenkameraden an Gesamtschulen und Gymnasien. „Es gibt hier keine Sonderkonditionen“, betont Lehrer Friedel Thol.

Darüber war sich auch Annette Karius im Klaren. Trotzdem entschied sich die 33-jährige Mutter von zwei Kindern dazu, von Frühjahr 2010 an wieder Rechenhefte und Taschenrechner in die Tasche zu packen und das Vormittagsangebot der Abendschule anzunehmen. „Ich bin an der Herausforderung gewachsen“, sagt sie heute nicht ohne Stolz und mit einem Top-Abitur in der Hand. Auch Kisitu Sundra (33) hat sich für diesen Weg entschieden. Während ihre drei Kinder in der Kita waren, schlug sie sich morgens mit Deutsch, Englisch und Mathe rum. Beide Frauen möchten nun Soziale Arbeit studieren.

Bei den erwachsenen Schülern wird mehr Eigenverantwortung vorausgesetzt. Hausaufgaben werden so gut wie nie kontrolliert. „Schüler auf dem ersten Bildungsweg müssen zur Schule. Wir sind alle freiwillig hier und haben ein konkretes Ziel“, meint Robert Glagla. Und Lehrer Thol weiß die Vorzüge der durchweg engagierten und lebenserfahreneren Klassen durchaus zu schätzen. Neben jungen Müttern und Erwachsenen, die eine neue berufliche Perspektive suchen, nutzen auch viele Menschen mit Migrationshintergrund das Angebot.

Und so kann jeder Absolvent seine ganz persönliche Geschichte erzählen. Ewald Crombach (24) hatte schlichtweg genug vom Burger braten in einer Imbisskette und einem weiteren Job im Altenheim. Dass man als Abendgymnasiast ab dem vierten Semester Bafög beantragen kann, half dem jungen Mann, bis zur Prüfung im vergangenen Dezember über die Runden zu kommen. Was er nun vorhabe? „Erstmal hab ich frei“, lacht er und atmet betont auffällig durch.

Doch der Fahrplan für die Zukunft steht bereits: Er möchte in Frankfurt Physik und Englisch auf Lehramt studieren. Zeljka Rakanovi wird dagegen mit ihrer Familie in Aachen bleiben. Die 40-Jährige hat drei Kinder, einen Mann – und nun ein Abizeugnis in der Tasche. Das soll helfen, ihren Traum zu erfüllen, und der heißt: ein Ingenieurstudium an der RWTH.

Es sind fünf Personen, die zeigen, wie man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Fünf Geschichten, die für Leiter Szczekalla und seine Kollegen exemplarisch und einzigartig zugleich sind. „Ich treffe hier immer wieder auf Menschen mit unglaublich interessanten Biografien“, sagt er. Einige dieser außergewöhnlichen Menschen wird er vielleicht auch im Herbst wiedersehen. Denn dann feiert das Abendgymnasium Aachen seinen 60. Geburtstag.

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