Aachen - Aachens Wettermann wandert bald durch Nepal

Aachens Wettermann wandert bald durch Nepal

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
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Das Öcher Wetter war fast 40 Jahre sein Ding: Udo ter Horst. Von der alten Warte auf dem Wingertsberg beobachtete er genau, was dran ist am Regenloch Aachen. Vor zweieinhalb Jahren zog das Team des Deutschen Wetterdienstes in eine neue Station in Orsbach. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Blitz, Donner, Sturm? Für Udo ter Horst darf‘s am Himmel gerne ruhig und beschaulich zugehen. Er sei kein Freund der Extreme, sagt Udo ter Horst. „Sonnenschein, ein paar Wölkchen, ein bisschen Wind – so mag ich es beruflich wie privat.“ Seit dem 1. Oktober ist der bisherige Leiter der Aachener Wetterstation im Ruhestand. Langeweile kommt bei dem 60-Jährigen jedoch nicht auf.

Denn sobald er den heimischen Keller auf Vordermann gebracht hat, möchte er im kommenden Jahr doch einmal etwas Extremes wagen, wie er im AZ-Wochenendinterview verrät.

Herr ter Horst, Sie müssen ja ein Meister des Small Talks sein...

ter Horst: Warum?

Wetter ist doch das Small-Talk-Thema überhaupt.

ter Horst: Aber jeder, der sich mit Wetter beschäftigt, ist gleichzeitig „Fachmann“. Da fängt es dann schon an, schwierig zu werden. Sich da auf spezielle Begriffe zu einigen, Wetterabläufe genau zu beschreiben. . . wir arbeiten schließlich als wissenschaftliche Behörde und fassen das Wetter nicht als Small Talk auf. Man erwartet von uns stets ein Ergebnis, eine konkrete Vorhersage.

Aber die Menschen auf der Straße haben Sie doch in den vergangenen Jahrzehnten sicherlich trotzdem immer wieder auf das Wetter angesprochen?

ter Horst: Das passiert natürlich regelmäßig. Egal ob Familienfeiern, Wanderausflüge oder Hochzeiten, die erst im nächsten Jahr stattfinden. Die Fragen lauten dann: Wie wird das Wetter am 23. Juli nächsten Jahres. Da habe ich natürlich keine Ahnung. Aber ja: Diese Fragen kommen immer wieder, gerade im privaten Kreis. Zum Beispiel auch die Einschätzung dazu, was die verschiedenen Wetterdienste melden.

Und was antworten Sie?

ter Horst: Wir haben inzwischen einen offenen Markt des Wetters. Es gibt schätzungsweise 15 Wetterdienste, die sich allein auf dem deutschen Markt tummeln – die meisten auf Internetbasis. Sie benutzen zwar überwiegend die Produkte des Deutschen Wetterdienstes, aber jeder interpretiert die Grunddaten doch anders, was zu unterschiedlichen Vorhersagen führt.

Ich benutze mittlerweile gerne eine App auf meinem Handy, um zu erfahren, wie das Wetter ist.

ter Horst: Das tue ich auch. Ich habe drei Wetter-Apps auf meinem Smartphone. Zusätzlich ziehe ich natürlich auch meinen bisherigen Arbeitgeber, den Deutschen Wetterdienst, heran. Die Infos hole ich mir aber nicht über eine App, sondern direkt über die Homepage.

Viele Menschen schauen gar nicht mehr in den Himmel, wie das Wetter ist, sondern fragen gleich das Handy. Wie steht der Fachmann dazu?

ter Horst: Ich mache das genauso. Wenn meine Frau zum Beispiel eine Dienstfahrt nach Bonn plant, dann schau ich auch in die App: Wie ist das Wetter gerade vor Ort? Wie entwickelt es sich in den nächsten sieben Tagen? Wobei ich sehr vorsichtig damit umgehe. Ich habe in den letzten 40 Jahren erlebt, wie schnell sich Vorhersagen ändern können. Man muss kontinuierlich am Wettergeschehen dran bleiben, um letztlich sagen zu können: Die Bekleidung brauch ich für einen Trip oder ich sage eine Reise sogar ganz ab. Das ist mir auch schon passiert.

Sie waren 43 Jahre für den Deutschen Wetterdienst tätig. Seit dem 1. Oktober sind Sie im Ruhestand. Wenn Sie zurückblicken: Wie hat sich die Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

ter Horst: Es hat sich wahnsinnig viel verändert. Als ich angefangen habe, haben wir auf Schreibmaschinen getippt, wir hatten Telefone mit Wählscheiben und Schnur, unsere Wetterdaten- und berichte gingen über Fernschreiber mit 50 Zeichen pro Minute auf den Weg. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wir haben die Berichte auf Lochstreifen gestanzt, die dann losratterten. Ein Lochstreifen einer Wettervorhersage war unter Umständen zehn Meter lang. Bis das durch war, dauerte es eine ganze Zeit. So wurden dann Kunden des Wetterdienstes gewarnt, Zeitungen mit Vorhersagen beliefert.

Und wann hatten Sie in der Aachener Wetterstation den ersten Computer?

ter Horst: Das war im Jahr 1993.

Das ist ja ziemlich spät, oder?

ter Horst: : Ich hatte meinen ersten Privat-PC etwa 1985. Damals habe ich im Personalrat des Deutschen Wetterdienstes gearbeitet und ihn unter anderem dafür genutzt. Den Computer habe ich dann auch schon mal mit zur Arbeitsstelle genommen, denn bei uns gab es weiterhin nur Papier und Bleistift.

Und wie sieht die Arbeit heute in einer Wetterstation aus?

ter Horst: Wir sind in Aachen vor gut zwei Jahren in die neue Wetterwarte in Orsbach eingezogen. Am 1. April 2011 gab es die erste Wettermeldung vom neuen Standort. Aber schon ab 1993 hat sich mit dem Einzug der IT-Technik unsere ganze Messtechnik verändert. Ein starker Einschnitt war dann noch einmal vor etwa acht Jahren, als wir ein neues Computerprogramm für die Wetterbeobachtung bekommen haben, das in einem vollautomatischen Betrieb läuft.

Braucht man dann überhaupt noch einen menschlichen Wetterbeobachter?

ter Horst: Da gibt es zwei Standpunkte. Der Techniker sagt: Ich weiß, dass die Technik nach bestimmten physikalischen Kriterien misst, und darauf kann ich mich verlassen. Ein Mensch geht zum Thermometer und der erste Fehler kann dann schon geschehen, indem er den falschen Blickwinkel auf das Thermometer wählt. Ich muss im rechten Winkel auf den Messpunkt gucken. Etwas ober- oder unterhalb kann schon zu einem Messefehler führen.

Genauigkeit ist also alles. Ein Punkt für die Technik und gegen den Faktor Mensch?

ter Horst: Der Mensch beobachtet das Wetter umfassender als jede vollautomatische Technik dazu imstande ist. Ein Wolkenhöhenmesser misst an dem Punkt, an dem er steht, senkrecht in die Höhe. Der Wetterbeobachter steht wie bei uns auf dem Dach und hat idealerweise einen Rundumblick von 360 Grad. Er kann den Himmel also vollkommen erfassen. Da gibt es zwischen Mensch und Maschine immer wieder auch Diskrepanzen.

Wie hat Ihre Arbeit in Aachen konkret ausgesehen?

ter Horst: Unsere Arbeitsstelle ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr besetzt. Egal ob an Weihnachten, Ostern oder zu Hochzeiten und Geburtstagen, bei uns ist immer jemand und hält das Wetter im Blick. Dem müssen wir teilweise auch unsere Privatzeit unterordnen.

Das gilt für Sie seit dem 1. Oktober aber nicht mehr.

ter Horst: Ich suche im Moment noch die viele freie Zeit. Der Oktober ist bisher noch höllisch vollgepackt. Und auch bis zum Ende des Jahres ist meine freie Zeit rar gesät. Aber es ist auch einiges an Arbeit liegen geblieben in den letzten Jahren.

Arbeit?

ter Horst: Jeder kennt den berühmten Keller, der nicht aufgeräumt ist. Da fängt es schon an. Ich habe vier Enkel zwischen drei und elf Jahren, mit denen ich mehr Zeit verbringen möchte. Dazu habe ich eine sehr engagierte Frau an meiner Seite, die ich unterstützen möchte – auch in Form von ehrenamtlicher Arbeit. Ich möchte mehr für meine Gesundheit tun, da ich vorhabe, noch ein paar Jahrzehnte zu leben (lacht). Mit einem Freund plane ich zudem Ende nächsten Jahres eine Wanderung in 5000 Meter Höhe in Nepal. Auch dafür muss ich natürlich fit sein.

Das ist ja gleich eine Extrem-Wanderung. Sind Sie auch ein Freund des extremen Wetters?

ter Horst: In bestimmten Bereichen bin ich ein sehr bequemer Mensch. Ich liebe eher das ruhige Wetter: Sonnenschein, ein paar Wölkchen, ein bisschen Wind.

Beruflich oder privat?

ter Horst: Beruflich und privat. Ich kenne viele, viele Kollegen, die die außergewöhnlichen Wettererscheinungen lieben – wenn es stürmt, blitzt und donnert. Es gibt aber auch wunderschöne winterliche Wetter-Erscheinungen, die keinen Lärm erzeugen.

Zum Beispiel?

ter Horst: Im Winter gibt es Tage mit tiefen Temperaturen, Nebel, der über das Gelände zieht, so dass sich zum Beispiel an den Gitterzäunen am Wegesrand waagerechte Eisfahnen bilden – mal ganz filigran, mal als feste Eisschicht. Das sind die eher ruhigen Erscheinungen, die mich immer fasziniert haben. Etwas ganz Besonderes sind so genannte Eisnadeln. In meinen 43 Jahren habe ich das Mitte der 80er Jahre ein einziges Mal hier in Aachen erlebt. Damals gab es zwei, drei Winter hintereinander mit Temperaturen von -15 bis -20 Grad Celsius bei wolkenlosem Himmel. Knackig kalt also. Bei solchen Wetterbedingungen entstehen die winzigen Eisnadeln. Das sind winzige Eiskristalle, die in der Luft schweben und aussehen wie Diamantstaub. Sie entstehen nicht durch Niederschlag, sondern durch die tiefe Temperatur und den Rest an Feuchtigkeit, der noch in der Atmosphäre ist.

Kommen wir mal zum Öcher Wetter. Hat sich das in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

ter Horst: Man muss immer unterscheiden zwischen dem konkreten Wetter und der langfristigen Klimaveränderung. Der Deutsche Wetterdienst sagt ganz klar: Es gibt Veränderungen im Klima. Gerade Großstädte werden Probleme mit der Klimaveränderung bekommen.

Inwiefern?

ter Horst: In den Städten entstehen Hitze-Inseln durch Sonneneinstrahlung. Aufgrund der gespeicherten Hitze und der erhöhten Luftfeuchtigkeit wird es zu mehr Starkwetterereignissen kommen – starker Regen und Gewitter im Sommer, die Belastung durch die Hitze nimmt für die Bevölkerung zu. Daher arbeiten immer mehr Städte schon mit dem Wetterdienst zusammen, um solche zukünftigen Belastungen durch Änderung der Bebauung und die Einrichtung von Frischluftschneisen, die in die Innenstadt führen, zu minimieren.

Jetzt reden Sie von Hitze. Was ist denn mit dem Regenloch Aachen?

ter Horst: Aachen liegt in der Hauptwetterrichtung der Süd-West-Strömung. Das heißt, wir haben atlantisch geprägtes Wetter. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist eher etwas mediterran geprägt. Wir haben eher mehr Niederschläge und eher mildere Winter. Aachen liegt im Schnittpunkt von Eifel und Heinsberger Land. Wir haben hier eine jährliche Niederschlagsmenge von etwa 840 Liter pro Quadratmeter. In Monschau liegt sie bei 1250 Liter, im Heinsberger Land mag die Menge bei etwa 700 Litern liegen. Von diesen beiden Punkten aus gesehen, liegen wir also in der Mitte. Wenn ich aus Heinsberg nach Aachen komme, sage ich ganz klar: Das ist ja ein Regenloch hier. Wenn ich aus der Eifel herkomme, sage ich: Hier ist es trockener als bei uns daheim. Das ist also eine rein subjektive Empfindung. Das wahre Regenloch in der Umgebung liegt übrigens in Wuppertal. Dort fallen 1400 Liter Regen pro Quadratmeter. Also darf man in Aachen eigentlich gar nicht so sehr über das Wetter meckern. Was es hier verhältnismäßig häufig gibt, ist der berüchtigte Nieselregen. Wenn der Öcher sagt: Heut‘ ist es wieder usselig.

Kann man das Wetter denn beeinflussen? Die Chinesen sollen dies durch sogenanntes „Wolkenimpfen“ bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking versucht haben. Was sagen Sie dazu?

ter Horst: Dafür bin ich nicht direkt Fachmann. Die Praxis sieht aber so aus: Es werden Flugzeuge hoch in den Himmel geschickt, die Silberjodid in die Atmosphäre blasen. Die wiederum binden die Feuchtigkeit, so dass es abregnet.

Wäre das nicht eine Lösung für den CHIO in Aachen? Eine Woche garantiert regenfrei...

ter Horst: (lacht) Es scheint zu funktionieren. Das Problem ist: Man kann nicht genau abschätzen, wo der Regen runterkommt und in welcher Intensität. Wenn das der Aachener für den CHIO versuchen würde, könnte es womöglich im Heinsberger Land mehr regnen. Auch wenn die Menschen es dort für die Landwirtschaft prinzipiell gebrauchen könnten, bleibt die offene Frage, wie stark es dann dort regnen würde. Erdrutsche und Überschwemmungen wären ebenfalls nicht ausgeschlossen. Von daher: Der Mensch kann und soll nicht alles beeinflussen.

Kommen wir zum Abschluss zu Ihren Anfängen: Wie sind Sie eigentlich Wetterbeobachter geworden?

ter Horst: Meine Mutter war alleinerziehend mit vier Söhnen. Ihr war ganz wichtig, dass ihre Söhne einen guten Job erhalten und vernünftig ausgebildet sind. Ihr Vater hat im öffentlichen Dienst gearbeitet, so hat sie auch für mich den Wunsch gehabt, mich im öffentlichen Dienst unterzubringen. 1969 habe ich mich dann um einen Job bei der Polizei, bei der Deutschen Post, beim Bundesgrenzschutz, bei der Bundesbahn und beim Deutschen Wetterdienst beworben. Post, Bahn und Grenzschutz riefen direkt bei mir zu Hause an und fragten, wann ich denn anfangen möchte. So groß war der Personalmangel damals im öffentlichen Dienst. Entschieden habe ich mich dann aber für den Wetterdienst. Das, was er in seinen Prospekten damals schrieb, fand ich einfach toll. Wir haben ja beim Deutschen Wetterdienst viele Standorte in extremen Lagen: Wasserkuppe, Harz, Helgoland, Zugspitze. Die Arbeitsmöglichkeiten an solch besonderen Orten haben mich als 17-Jährigen fasziniert.

Gelandet sind Sie dann aber 1975 in Aachen. Wie kam es dazu?

ter Horst: Nach meiner Bundeswehrzeit rief mich mein Personalchef im November 1974 an und sagte: ‚Udo, ich brauch‘ jemanden in Aachen.‘ Ich antwortete: ‚Da hab ich keinen Bock drauf! Ich will nicht nach Aachen‘ Er meinte: ‚Es bleibt dir nichts anderes übrig. Da ist eine Stelle frei, die muss besetzt werden, du gehst.‘ Ich wollte partout nicht. Zwei Tage später rief er noch mal an, ich sagte erneut: ‚Ich möchte nicht nach Aachen‘ Doch er blieb hart. Am 2. Januar 1975 habe ich dann in Aachen angefangen.

38 Jahre später... Haben Sie die erzwungene Entscheidung bereut?

ter Horst: (lacht) Nein! Ich komme aus dem Ruhrgebiet, bin nach meinem Antritt in Aachen aber nur noch zu Familienbesuchen in die Heimat zurückgefahren. Ich habe mich dort in der Kleinstadt einfach nicht mehr wohl gefühlt. Aachen ist für mich genau richtig: Groß genug für interessante Angebote, aber klein genug, um sich wohl zu fühlen.

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