Aachens Polizei kämpft mit vielen Baustellen

Von: Oliver Schmetz und Robert Esser
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Sicherheitsdefizit? Viele Bürger bemängeln, dass die Polizei auf Aachener Straßen zu wenig Präsenz zeigt. Vor allem nachts haben Kriminelle deshalb leichtes Spiel.
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Einbrecher brauchen nur wenig Zeit, um eine Tür auszuhebeln.
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Fordert gesündere Arbeitszeiten: Arno Keusch, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Aachen.

Aachen. In vielen Nächten sind in Aachen nur noch zwei Streifenwagen auf mehr als 550 Straßenkilometern unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei auf frischer Tat Einbrecher auf dem 161 Quadratkilometer großen Stadtgebiet zwischen Horbach, Walheim, Verlautenheide und Bildchen fasst, tendiert damit gegen Null.

Das ist eine Auswirkung der Personalnot im Polizeipräsidium, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird, weil immer mehr ältere Polizisten pensioniert werden und bislang nicht genügend neue Leute eingestellt werden. Was hinter den Kulissen für einige Unruhe sorgt.

Auf dem Prüfstand

Diese herrscht auch unter vielen der 320 Kollegen, die im hiesigen Polizeibezirk in der Direktion Kriminalität Verbrechen aufklären – denn ihr Arbeitsfeld steht seit einem Dreivierteljahr intern auf dem Prüfstand und soll umfassend umstrukturiert werden. Die Aachener Polizei bestätigte am Freitag AZ-Informationen, nach denen davon unter anderem die Kriminalkommissariate betroffen sind, die sich mit Betrug (KK 31) und jugendlichen Intensivtätern (KK 14) befassen. Allerdings soll sich dort an der Arbeit selber – insbesondere das Intensivtäterkonzept hat sich laut Polizei bewährt – nichts ändern. Wohl suche man nach Möglichkeiten, die Kommissariate effektiver zu gestalten und Synergiepotenziale zu nutzen.

„Es geht nicht darum, Personal einzusparen, sondern effektiver einzusetzen“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. Generell wolle man elf Jahre nach der letzten Neuorganisation in der Behörde auf veränderte Gegebenheiten – zum Beispiel rasant steigende Computerkriminalität und wachsende Terrorgefahr – reagieren, um auch in Zukunft „leistungsfähig und schlagkräftig“ zu sein. Derzeit laufe der Prozess allerdings noch, sagt Kemen: „Es ist noch nichts entschieden und spruchreif.“

Hohe Krankenquote

Nach AZ-Informationen sind die Pläne teilweise aber schon sehr konkret. So sollen von der Umstrukturierung auch die vier „Regionalkommissariate“ in Stolberg, Eschweiler, Alsdorf und Herzogenrath (KK 32-35) betroffen sein. Dort ist die Personaldecke mittlerweile dünner denn je: Höchstens acht Beamte – gerade mal die Hälfte der früheren Belegschaft – sind pro Dienststelle übrig. Das Durchschnittsalter liegt deutlich über 50 Jahren, die Krankenquote bei überdurchschnittlichen acht Prozent.

Dort gilt nun das Prinzip „Aus vier mach zwei“: Die Beamten in Eschweiler sollen nach Stolberg umziehen, die in Herzogenrath nach Alsdorf. Und damit auf diesem Wege nicht zwei Anlaufstellen für die Bevölkerung wegfallen, will man dem Vernehmen nach zwei Kriminalkommissariate aus Aachen auslagern. Für Eschweiler würde dies zum Beispiel bedeuten, dass dort künftig Spezialisten zur Verfolgung von Betrugsfällen (KK 31) angesiedelt werden, die dann – quasi nebenbei – auch Ansprechpartner für das polizeiliche Alltagsgeschäft in der Wache vor Ort wären. „Durch eine Zusammenlegung von Kommissariaten ändert sich aber nichts an der zu hohen Arbeitsbelastung für zu wenige Beamte – schließlich sinken dadurch ja nicht die Fallzahlen vor Ort“, erklärt der Aachener Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arno Keusch, auf Anfrage zu den Plänen. Für die Personalnot macht der Gewerkschafter allerdings nicht Aachens Polizeipräsidenten Dirk Weinspach verantwortlich: „Er kann nichts dafür, wir bezahlen jetzt für die jahrelangen Versäumnisse der Politik.“

Betroffen von der Umstrukturierung soll im Übrigen auch das KK 11 sein, das sich künftig – wie auch vor der letzten Umstrukturierung im Jahre 2004 – nur noch um Kapitalverbrechen wie Mord, Totschlag, Geiselnahmen etc. kümmern soll. Von Fällen aus dem Bereich der sogenannten Massenkriminalität – etwa Körperverletzungsdelikten – sollen die KK11-Beamten entlastet werden.

Derzeit wird in der Polizeibehörde an der Hubert-Wienen-Straße aber auch fieberhaft an einer weiteren Baustelle gearbeitet: Für die rund 400 Beamten, die in Aachen im Wach- und Wechseldienst beschäftigt sind, wird ein neues Schichtdienstmodell erstellt. Denn bis 2016 soll eine EU-Richtlinie umgesetzt werden, nach der fünf bis sechs Nachtdienste hintereinander – in Aachen gängige Praxis – nicht mehr erlaubt sind. Die Gewerkschaft der Polizei fordert das längst. „Für Arbeitsmediziner besteht da kein Zweifel: Wer regelmäßig mehr als drei Nachtschichten hintereinander fährt, gefährdet seine Gesundheit erheblich“, sagt der Aachener GdP-Vorsitzende Arno Keusch. Doch der Umbau gemäß der dann gültigen Arbeitszeitverordnung würde den Personalbedarf erhöhen. Die Rede ist von bis zu 15 zusätzlichen Stellen. „Man muss sich jetzt entscheiden: Was ist uns die Gesundheit der Beamten wert? Und was ist uns die innere Sicherheit im Land wert?“, redet Keusch Klartext.

Weiter nur zwei Streifenwagen

Die hiesige Polizeiführung betont derweil, dass man – zumal nach der Umstrukturierung – ein „zukunftssicheres“ Konzept habe, die Sicherheit in Aachen zu gewährleisten. Gerüchten, dass weitere kleine Wachen geschlossen oder in ihren ohnehin knappen Öffnungszeiten noch stärker beschnitten werden sollen, erteilt sie eine Absage. Nach Ansicht des Gewerkschafters Keusch wäre solch ein Schritt auch fatal: „Wir müssen darauf achten, dass wir uns nicht weiter aus der Fläche zurückziehen.“ Das ist laut Kemen nicht geplant. Von der Umstrukturierung seien die uniformierten Kräfte der Direktion GE (Gefahrenabwehr/Einsatz), zu der auch die Polizeiwachen gehören, nicht betroffen. Da bleibt also alles beim Alten – was allerdings auch bedeutet, dass auch zukünftig in vielen Nächten nur zwei Streifenwagen durch ganz Aachen patrouillieren.

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