Aachens neuer Bischof sieht Probleme für die Kirche

Von: Peter Pappert
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„Ich muss die Menschen so nehmen, wie sie sind“: Bischof Helmut Dieser. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Bischof fühlt sich wohl in Aachen und in seinem neuen Bistum. „Ich gehöre hierher. Es ist richtig, dass ich hier bin. Es ist spannend, interessant, liebenswürdig, aber auch eine große Herausforderung.“ Die erste Bilanz nach hundert Tagen im Amt ist also erfreulich; das war zu erwarten.

Denn Helmut Dieser ist Optimist; und er ist es nicht deshalb, weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Bei seinem ersten Besuch in der Zentralredaktion unserer Zeitung zeigt er sich entspannt. Er ist ein fröhlicher Mensch, der zudem die Auffassung vertritt, dass Kirche und Karneval ganz gut zusammenpassen.

Klar und kritisch sieht er seine Kirche, deren Defizite, deren Sprache und Sprachlosigkeit, die Situation überalterter Gemeinden, den eklatanten Priestermangel und viele andere personelle Sorgen. Wenn sein christlicher Glaube das Hauptmotiv ist, das ihn bewegt, muss es ein sehr tiefer Glaube sein. Denn durchaus deprimierende Analysen verbindet er mit größter Gelassenheit. Er weiß um die zahlreichen Probleme und rechnet seiner Kirche dennoch viele Chancen aus. Helmut Dieser ist erfüllt von erstaunlicher Zuversicht: „Fünf Brote, zwei Fische – das reicht, wenn wir glauben.“ Er lässt sich vom Matthäus-Evangelium ermutigen.

„Die kommen mich holen“

Anders als wahrscheinlich die meisten seiner Amtsbrüder scheut Dieser kein deutliches Wort. Klare Positionen zu vermeiden, um möglichst niemandem auf die Füße zu treten, passt ihm nicht. Er versucht nicht, glattzubügeln, was verknittert ist.

Seine Wahl zum Bischof durch das Aachener Domkapitel sei für ihn aus heiterem Himmel gekommen, erzählt er. „Das Telefon klingelte. Eine mir fremde Stimme – die des Aachener Dompropstes – sagte, man wolle sich dringend mit mir treffen. Worum es geht, dürfe man mir nicht sagen.“ Da war ihm alles klar: Er musste unmittelbar eine weitgehende Entscheidung treffen. „Als am nächsten Tag die beiden Herren vom Domkapitel zu mir ins Haus kamen, hatte ich das Gefühl: Die zwei kommen mich holen.“ Ein durchaus zweischneidiges Empfinden: „Sie wollen Dich für sich gewinnen, aber sie holen Dich auch von allem weg, wohin Du bisher gehört hast.“

Jetzt macht er sich mit seiner Diözese vertraut, besucht die acht Regionen des Bistums. Im ersten Jahr will er einmal rund sein – wenigstens in den größeren Orten. Dieser lernt viele neue Menschen kennen, nimmt zahlreiche Einladungen an, erhält jede Menge Post. „Es ist unvorstellbar, was alles die Menschen mir schreiben.“ Oft geht es um Konflikte in den Gemeinden, um Fragen der Seelsorge. Aber da gibt es auch noch ein ganz anderes brenzliges Thema:

Im Bistum ist eine Liste erarbeitet worden, von welchen Immobilien die Kirche sich trennen muss, und welche weiterhin gebraucht und gefördert werden. „Das ist ein schmerzhafter Prozess, vor allem wenn es um Kirchen geht. Dazu habe ich schon in Trier Briefe bekommen, bevor ich überhaupt in Aachen war. Ich weiß nicht, wie groß unsere Leidensfähigkeit in dieser Sache ist. Wir müssen jetzt unsere Gemeinden davor schützen, dass die einen die Verantwortung für eine solche Entscheidung den anderen in die Schuhe schieben; das passiert aber zum Teil. Dann schiebt man es besser dem Bischof in die Schuhe, indem ich das an mich ziehe; damit die vor Ort weiter miteinander leben können.“ Das Bistum sei aber in der Regel nicht der Eigentümer; sondern die Kirchengemeinde. „Sie entscheidet, wobei klar ist, dass es vom Bistum kein Geld mehr gibt für Gebäude, die zur Disposition stehen.“

Der Bischof sieht überalterte Gemeinden, kirchliches Leben, das überwiegend nur noch für die ältere Generation interessant ist. Die jüngere Generation finde da keinen Zugang. „Wir müssen das Evangelium anders verkünden und Menschen so ansprechen, dass sie sich fragen, ob unsere Botschaft etwas zu tun hat mit ihrem Leben und wie sie darauf reagieren sollen. Wir haben viele getaufte und gefirmte junge Leute, die zwar wissen, dass sie Christen sind, aber nicht wissen, ob sie es überhaupt sein wollen und warum.“ Darauf reagiert die Kirche nach Diesers Einschätzung zu wenig. Um Fernstehende zu erreichen, will er keinen Weg ausschließen. „Einfach ist das alles natürlich nicht. Wer eine gute Idee hat, mag mir das bitte sagen.“

Der Bischof ist durchaus skeptisch, ob das kirchliche Personal dieser Aufgabe gänzlich gewachsen ist. „Zu warten, bis die Bedingungen ideal sind, ist eine Versuchung, aber nicht die Botschaft Jesu.“ Das Wenige und der Glaube könnten Wunder bewirken.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat mit Blick auf den Priestermangel gerade erst von einer „katastrophalen pastoralen Situation“ gesprochen. Der Bischof folgt ihm nicht. „Wenn es das, was war, nicht mehr gibt, kann das nur eine Katastrophe sein; so denke ich nicht mehr. Unser Bild von Gemeinde als familiäre Mitmach-Kirche ist überholt. Das ist vorbei. Wenn ich der Meinung wäre, dass es Kirche nur so geben kann, wäre das eine Katastrophe. Aber das glaube ich nicht. Wir sind im Umbruch. Was wird, können wir noch kaum greifen.“

Träume, Sehnsüchte, Ängste

Deshalb kann Dieser den Gegenentwurf noch nicht aufzeichnen. Er weiß nur, „dass wir nicht an den Megatrends unserer Gesellschaft vorbei gehen können: Individualisierung, Pluralisierung. Wobei auch Religiosität ein Megatrend bleibt. Wir müssen von den Träumen, Sehnsüchten, Ängsten, Erfolgen und Niederlagen des einzelnen ausgehen und schauen, was die Botschaft Jesu dazu sagt. Die Grundbedürfnisse des Menschen haben sich schließlich nicht vollkommen verändert: zu wissen, ich bin wertvoll, zu wissen, ich habe Eltern und einen Anfang, den ich deuten kann, der immer mehr ist als das, was ich anderen Menschen verdanke, der gottgewollt ist. Ich habe einen Weg und ein Ziel.“

Aachens neuer Bischof kann Gesprächspartner mit solchen Gedanken schwindelig reden. Er liebt das Spiel mit Worten, hat Freude an der Sprache. Er kümmert sich um die Sprache. Er weiß – nicht nur als Experte für Predigtlehre – um deren Bedeutung. Glaube ist Sprache; die Kirche lebt, indem sie spricht. Sie muss immer darauf achten, dass sie verstanden wird. Das fällt ihr schwer. Daraus macht der Bischof keinen Hehl.

Suchende Menschen, die es zu Genüge gibt, ausfindig machen, Chancen erkennen, um mit ihnen zu sprechen, und diese Chancen nutzen. Darin sieht Helmut Dieser seine und die Aufgabe seiner Kirche. „Eltern, die ihre Kinder taufen lassen, zur Erstkommunion oder Firmung führen, wollen in Kontakt kommen mit der Kirche – vielfach nur zeitweilig.“ Das werde leider zu oft als negativ betrachtet und beklagt, nach dem Weißen Sonntag kämen die nicht mehr. „Das können die auch gar nicht, weil sie im Grunde suchen“, sagt Dieser. „Ich muss die Menschen so mögen, wie sie sind, statt ihnen zu sagen: ‚Du musst erstmal dieses oder jenes nachholen, bevor Du bei uns mitmachst.‘ In der Falle sind wir aber leider oft.“

Als ob diese Probleme und Aufgaben nicht groß genug wären, kommt der eklatante Priestermangel hinzu. Ist jetzt die Stunde der Laien? Dieser sieht es durchaus so, auch wenn ihm der Begriff „Laie“ nicht gefällt. „Die Hauptamtlichen – Priester, Pastoral- und Gemeindereferentinnen – können das Gemeindeleben nicht mehr allein garantieren. Und Priester können sowieso nicht Kirche machen. Es gibt nicht nur Priestermangel, sondern auch einen Mangel an überzeugten und überzeugenden Gläubigen, die ihren Glauben vorleben.“ Was die tun, müssten die Amtsträger anerkennen,  bestärken und fördern, das müssten sie zusammenhalten.

Den Zölibat will er nicht aufgeben

Die Ehelosigkeit der katholischen Priester stellt der Aachener Bischof trotz vielfacher gegenteiliger Forderungen auch aus seiner Kirche nicht infrage. Das Wort Pflichtzölibat lehnt er ab. „Dann müsste man auch von Pflichtehe sprechen. Die Kirche möchte das Priesteramt Männern anvertrauen, die ehelos bleiben für Gott. Das wollen wir vorläufig nicht aufgeben. Wir könnten es; es gibt keinen Zwang zum Zölibat.“ Da steht dieser weltoffene Gottesmann also ganz fest in der Tradition. „Ich bin der Meinung, die Ehelosigkeit hat für das Priesteramt eine große Relevanz. Ich habe das selbst immer so empfunden: mich ganz und gar und vom Herzen in diese Aufgabe zu begeben. Das gehört zum Priestertum.“

Dieser bestreitet nicht, dass es Menschen gibt, die gerne Priester geworden wären, wenn es den Zölibat nicht gäbe. „Wenn wir die Eucharistie in erreichbarer Nähe wegen fehlender Priester nicht mehr feiern könnten, würde die Frage nach dem Zölibat sehr akut. Wenn wir die Sakramente nicht mehr spenden könnten, weil der nächste Priester hundert Kilometer oder noch weiter weg wäre, dann müssten wir etwas ändern. Aber in der Situation sind wir in Deutschland nicht. Wenn ich in der Kirchenzeitung sehe, wie viele Gottesdienste es sonntags in Aachen gibt, wird mir schwindelig.“

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