Aachens City: Stresstest für Rollstuhlfahrer

Von: Stefan Herrmann
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Wo stoßen Rollstuhlfahrer in Aachen auf Probleme? Markus Pfaffenroth, Yavuz Kücük, Maike Rütter und Dzenan Dzafic (v.l.) gehen der Frage nach. Foto: Michael Jaspers

Aachen. In der Pontstraße pulsiert das Leben: In Bars, Clubs und Kneipen treffen sich Menschen, plaudern, trinken, essen. Studenten und Schüler, Jung und Alt flanieren gerne über Aachens Amüsiermeile und genießen das bunte Treiben. Für Dzenan Dzafic bedeutet ein Besuch der Pontstraße keineswegs automatisch Genuss.

Der 31-jährige Informatiker und wissenschaftliche Mitarbeiter promoviert an der RWTH, blickt bereits jetzt auf ein spannendes Leben und sitzt im Rollstuhl. Das brachte ihn dazu, ein aufsehenerregendes Projekt anzupacken: ein Navigationssystem, das Rollstuhlfahrern die Fortbewegung in Aachens City erleichtern soll. „eNav“ heißt das Ganze und berechnet unter Berücksichtigung von Steigungen, Bodenbeschaffenheit und anderen Hindernissen den besten – und nicht automatisch kürzesten – Weg zum Ziel.

Ein Projekt, das auch den 27-jährigen Studenten Yavuz Kücük faszinierte. Der angehende Wirtschaftsingenieur, der am Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der RWTH studiert, nahm Kontakt zu Dzafic auf, um ihm seine eigene Idee für seine Masterarbeit vorzustellen. Das erste Treffen liegt drei Monate zurück. Jetzt sagt Dzafic: „Kücüks Forschung ist für mich relevant.“ Deswegen unterstützt er das Projekt gerne – und hat gleich noch an seine alte Schule, das Aachener Vinzenz-von-Paul-Berufskolleg, gedacht. Eine Win-win-win-Situation, wie alle Beteiligten betonen.

Zurück zur Pontstraße: Dort führt Yavuz Kücük mit den 18-jährigen Vinzenz-Schülern Maike Rüter und Markus Pfaffenroth einen Stresstest der besonderen Art durch. Denn für behinderte Menschen bedeutet gerade ein Besuch der Aachener Partymeile oftmals alles andere als Entspannung. Die Rollstühle holpern übers Kopfsteinpflaster, Schilder, Stühle und unachtsam an Laternenmaste angekettete Fahrräder versperren den Weg. Für Blinde ist das „Erlebnis“ nicht besser. Von Barrierefreiheit kann jedenfalls keine Rede sein, findet Kücük. Daher möchte er es nun genau und vor allem wissenschaftlich belegt wissen: Wie sehr stresst behinderte Menschen ein Weg durch die City? Dafür stattet er die beiden Schüler im Rollstuhl mit einer Videobrille aus, die den Weg genau aufzeichnet. Am Handgelenk tragen sie ein sogenanntes Smartband, das die Hauttemperatur und die Hautleitfähigkeit (Anzeichen von Schweißentwicklung) misst.

Pontstraße steckt voller Hürden

Beide Faktoren geben Anzeichen dafür, ob Menschen in Stress geraten. Bereits seit fünf Wochen laufen die Versuche, erzählt Kücük. Die Test-Stressstrecke geht vom Audimax über die Pontstraße bis zum Markt und zurück. Insgesamt 15 Behinderte nehmen an der wissenschaftlichen Untersuchung teil. Die Messergebnisse werden abschließend ausgewertet. „Mir haben bereits mehrere behinderte Menschen erzählt, dass sie besonders die Pontstraße aufgrund ihrer Beschaffenheit und Enge meiden und ein Besuch dort sie zu sehr stresse“, sagt Kücük. Barrierefreiheit und Teilhabe am sozialen Leben, findet der Masterstudent, sehe anders aus. Daher hat er das Projekt angestoßen. Daher hat er auch Dzenan Dzafic angesprochen, der mit seiner Navigationssoftware schon viele Schritte weiter ist. „Unsere Forschung ermöglicht es in Zukunft für die Stadtplanung vielleicht, weitere Barrieren aufzuheben“, hofft Kücük.

Dzafic selbst hat sich selbstverständlich auch schon dem Stresstest unterzogen. Sein Ziel lautet nun, das „eNav“-System für Rollstuhlfahrer bis Jahresende in eine präsentierfähige Form zu gießen. Die Ergebnisse des jüngsten Master-Projektes von Kücük könnten seine Software in Zukunft womöglich ergänzen. „Aber das ist noch Zukunftsmusik“, sagt Dzacic.

Dass der junge Mann ein ausgesprochenes Talent dafür hat, Träume Realität werden zu lassen, beweist der Blick in seine Biografie. Schülerin Maike Rüter, die selbst im Rollstuhl sitzt, empfindet einfach nur Respekt vor der außergewöhnlichen bisherigen Lebensleistung von Dzenan Dzafic. „Ja, er ist ein Vorbild“, fügt sie an. Als der Gelobte das hört, lacht er herzlich. „Ihr könnt alle so viel erreichen, wenn ihr an euch glaubt und richtig reinhaut!“, antwortet er den Schülern. In diesem kurzen Moment wirkt keiner der Anwesenden auch nur ein Stück weit gestresst.

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