Aachener Wirte sollen im August Terrassen räumen

Von: Robert Esser
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Kalt erwischt: Ronaldo Santarosa klagt vor seinem Eiscafé auf dem Aachener Markt über die Zwangssperrung seiner Terrassenplätze. In der sonst umsatzstärksten Zeit des Jahres – drei Wochen im August – drohen ihm und anderen Gastronomen herbe Verluste. Foto: Michael Jaspers
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Plädiert für mehr Flexibilität: Keman Gök von der Espressobar „Galestro“ befürwortet den Abbau von Terrassenmobiliar je nach Publikumsandrang. Foto: Michael Jaspers
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„Die Reit-EM ist klasse für Aachen“: Matthias Erforth („Goldener Schwan“) erwartet großen Zulauf beim Rahmenprogramm vor dem Rathaus. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Eisverkäufer fühlt sich kaltgestellt. Im August, der umsatzstärksten Zeit des Jahres, soll Rolando Santarosa vor seinem Eiscafé am Markt die Terrasse räumen.

Weil am 7. August die Aufbauarbeiten für Bühne und Bierbuden zum Rahmenprogramm der Reit-EM vor dem Rathaus beginnen, hat ihm die Stadt Aachen einen „Erlaubniswiderruf“ bezüglich der „Inanspruchnahme öffentlichen Straßenraums zur Errichtung eines Freiluftausschankes“ in den Briefkasten gesteckt.

Seitdem geht nicht nur im Hause Santarosa die Post ab und der Chef auf die Barrikaden: „Mitten im Sommer drei Wochen ohne Außengastronomie: Das ist doch der Wahnsinn!“, wettert der Italiener. Er soll bis zum 26. August auf 50 Tische verzichten.

„Erst sagt die Stadt, man wolle die Reit-EM mit tausenden Zuschauern in die Stadt holen – auch um die Geschäftswelt zu beleben. Und jetzt nimmt man uns nicht nur die Chance, von dem Zulauf zu profitieren. Nein, man treibt uns in den Ruin“, poltert Santarosa. Neben ihm sind weitere Gastronomen vom städtischen Terrassenverbot betroffen – übrigens auch auf dem Münsterplatz.

Tief enttäuscht und ziemlich ratlos zeigt sich Engin Celik vom Restaurant „Sausalitos“: „Mit uns hat vorher niemand auch nur ein Wort darüber gesprochen, was uns da zur Reit-EM droht“, kritisiert der Gastronom. „Jetzt sieht es so aus, als ob wir wochenlang sämtliche 260 Außensitzplätze abschreiben müssen. Das bedeutet Umsatzeinbußen in sechsstelliger Höhe. Wie soll ich das ausgleichen?“, fragt Celik. Er stellt klar: „Ich bin als Aachener ein großer Freund von tollen Events, auch von der Reit-EM. Aber so kann man doch nicht mit uns umgehen. Da muss es doch einen Kompromiss geben können.“

Auf ein Entgegenkommen der Stadt in letzter Minute hofft auch Keman Gök von der Espressobar „Galestro“. Ihm wurden vor dem Lokal 14 von 22 Tischen gestrichen. „Das Rahmenprogramm mit Musik und Programm auf der Marktbühne läuft doch nicht den ganzen Tag, und auch nicht täglich“, sagt Gök. „Warum ermöglicht man uns die Nutzung der Außengastronomieflächen nicht, obwohl es auch während der EM zeitweise möglich ist?“, wundert sich der Kaffee-Spezialist.

Matthias Erforth („Goldener Schwan“) ist zwar von der Beschneidung der Außenterrassen zur Reit-EM nicht direkt betroffen, plädiert aber grundsätzlich für mehr Aktivitäten. „Reiter, Pferde und Publikum vor das Rathaus zu holen, ist eine tolle Sache. Generell bin ich dennoch dafür, viel mehr kleine Events in die City zu holen, um die Altstadt zu beleben“, sagt er. Zur Reit-EM wird er – neben anderen Gastronomen – konzessionierte Bierbuden auf dem Markt betreiben.

Nachbar Dieter Becker („Goldenes Einhorn“) bekräftigt als Vorsitzender der Aachener Fachgruppe Gaststätte des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga): „Ich bitte die Stadtverwaltung nachdrücklich um mehr Augenmaß. Sie muss berücksichtigen, dass Betriebe in existenzielle Nöte geraten, wenn man ihre Sonnenterrassen und damit Haupteinnahmequellen so lange beschneidet“, erklärt er.

Derweil rudert die Stadt vorsichtig zurück. Auf AZ-Anfrage betont dass Presseamt, dass die Zwangssperrung vieler Außengastronomieflächen vor allem dem Sicherheitskonzept geschuldet sei. Davon steht in dem „Erlaubniswiderruf“, der den Wirten zugestellt wurde, allerdings kein Wort.

Trotzdem: Man erwarte tausende Zuschauer auf dem Markt zum Rahmenprogramm der Reit-EM, teilt das Presseamt am Dienstag mit. Deshalb seien – in Absprache mit Polizei und Feuerwehr – entsprechend große Fluchtwege gefordert worden.

Das komplette Sicherheitskonzept solle am Dienstag, 11. August, – also zur Auftaktveranstaltung der Reit-EM – auf den Prüftstand gestellt werden, heißt es. Dann werde man erneut das Gespräch mit betroffenen Wirten suchen, um gegebenenfalls Kompromisslösungen zu finden, so die Stadt. Der postalisch zugestellte „Erlaubniswiderruf“ mit seinen rigorosen Sperrzeiten sei notwendig als „formaler Akt“, relativiert das Amt.

27 Tage vor der Reit-EM in der Soers ist die Vorfreude vieler Gastronomen erstmal auf Eis gelegt. Minuszahlen im heißen Sommer findet keiner cool.

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