Aachen - Aachener verklagen weltweit 67 Fluglinien

Aachener verklagen weltweit 67 Fluglinien

Von: Robert Esser
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Bloß nicht abheben: (v.l.) Phillip Eischet, Benedikt Quarch und Michael Janßen feiern mit ihrer Klagewelle gegen Fluggesellschaften riesige Erfolge. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es klingt ein wenig wie David gegen Goliath. Nur mit Gesetzbuch statt Steinschleuder. Drei Aachener verklagen nämlich erfolgreich Fluglinien weltweit und erstreiten Geld. Und sie bestehen trotz des Geschäftserfolgs auf Bodenhaftung.

Ihr neues Geschäftsmodell sieht so aus: Egal aus welchem Grund jemand in Deutschland seinen gebuchten Flug nicht wahrnehmen kann (oder in den letzten drei Jahren nicht antreten konnte) – über ihr Portal www.geld-fuer-flug.de gibt es einen beträchtlichen Anteil des Ticketpreises zurück.

Die Jungunternehmer Phillip Eischet (25 Jahre, BWL) und Benedikt Quarch (24 Jahre, Jura) sowie Rechtsanwalt Michael Janßen (39) erklären, wie sie das anstellen: „In 99 Prozent der Fälle sagt die Airline, eine kostenlose Stornierung sei nicht möglich. Wir aber stornieren Tickets aller Airlines, aller Tarife – und das sogar drei Jahre rückwirkend“, sagt Eischet. Und genau das hätten andere „Rückerstattungsportale“ nicht geboten, wie Eischet betont.

„Der Grund, warum jemand seinen Flug nicht angetreten hat, ist dabei völlig egal: Krankheit, Termin verpasst, schlechtes Wetter oder miese Laune. Innerhalb von 24 Stunden erstatten wir einen Teil des bezahlten Tickets zurück“, erklärt Quarch. Die Regel: Je früher die verhinderten Flugpassagiere ihre Tickets über das Internetportal der Jungunternehmer stornieren lassen, desto höher ist der Erstattungsbetrag. Aber das Ganze funktioniert eben auch rückwirkend, wenn der Flieger bereits abgehoben ist.

Algorithmus errechnet die Erfolgschancen

Denn ein Algorithmus – also ein systematisch-logischer Vorgang, der über eine spezielle Software automatisiert abläuft – rechnet die Erfolgschancen aus. Etwa 70 Datenpunkte werden dabei pro Vorgang gewichtet und analysiert. „Grundsätzlich könnte sich natürlich jeder Betroffene einen Anwalt nehmen und das Geld für das verfallene Ticket anteilsmäßig einklagen – aber das würde dann für jeden einzelnen Fall ein beträchtliches Kostenrisiko bedeuten und Monate dauern. Wir gehen standardisiert im großen Stil vor“, erläutert Anwalt Janßen. Insbesondere bei Privatpersonen ließen es „die Herren der Lüfte“ regelmäßig gerne auf einen langen Rechtsstreit ankommen.

Mit all dem hat der Endkunde nichts zu tun, denn die Geld-für-Flug GmbH klagt im eigenen Namen und auf eigene Rechnung. Der Kunde der beiden Aachener Unternehmensgründer Eischet und Quarch muss darauf aber nicht warten. Er bekommt sein Geld innerhalb von 24 Stunden. „Natürlich bleiben wir in Einzelfällen auf Kosten sitzen, unsere Kunden allerdings nie. Unterm Strich rechnet sich die Sache selbstverständlich“, stellt Quarch klar.

Die Erstattungsbeträge gehen deutlich über Steuern und Gebühren hinaus. Den durchschnittlichen Auszahlungsbetrag taxieren die Geschäftsgründer derzeit auf 320 Euro. Der Ausschluss von Stornierungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Fluglinien sei rechtlich nicht wirksam, stellt Janßen fest.

Die Digitalisierung effektiv nutzen

Die drei ehemaligen Schüler des Aachener Pius-Gymnasiums setzen dabei geltendes Recht konsequent um: „Wir haben derzeit mehrere hundert Verfahren laufen – das macht schon Freude, vor allem weil wir hier die Digitalisierung in der Juristerei effektiv nutzen können. Die Schriftsätze – das ist wichtig bei geringen Streitwerten und Massenverfahren – werden standardisiert erstellt“, erklärt der Anwalt. Nötigenfalls beschreitet er immer den Klageweg.

67 Airlines weltweit hat man bereits vor Gericht gebracht. Wichtig: Das Prinzip funktioniert nur, wenn Abflug- oder Ankunftsort des vermeintlichen Flugpassagiers in Deutschland liegen. Derzeit beschäftigen die Jungunternehmer acht Mitarbeiter – in Wiesbaden, Düsseldorf und Aachen. „In zwei Monaten haben wir die Volumina verdoppelt, wir wachsen extrem“, freut sich Eischet.

Aber bis zum Goliath bleibt den Davids noch etwas Zeit. Man will ja nicht abheben...


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