Aachener Student aus Kairo zurück: „Immer wieder hört man Schüsse”

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
egyptbild
Ägyptens Krise reicht bis zum Adalbertsteinweg: Kein Aachener bucht derzeit im Reisebüro von Mohammed Mahmoud Urlaub am Nil - stattdessen hagelt es Stornierungen und Umbuchungen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Kairo im Ausnahmezustand, Zehntausende demonstrieren gegen Staatschef Hosni Mubarak, derweil herrschen sonnige 25 Grad und beste Tauchbedingungen in Hurghada und Sharm el Sheikh. Die wichtigsten Informationen laufen auf dem kleinen Bildschirm am Adalbertsteinweg auf.

Hier betreibt der Ägypter Mohammed Mahmoud seit 15 Jahren mit seinem Bruder ein Reisebüro.

Die Kundschaft kommt immer noch in den kleinen Laden, der mit Büchern und Souvenirs aus dem Land am Nil vollgestopft ist. „Aber die meisten melden sich nur, um ihre Reisen zu stornieren”, sagt er. „Wir verlieren gerade sehr viel Geld - und die Kosten für Miete, Strom und Gas laufen weiter.” Dabei sei es derzeit nur in Kairo, Alexandria und Suez gefährlich, „die Badeorte am Roten Meer und auch die Region Sinai sind völlig sicher. Dort merken die Touristen von den Unruhen nichts”, sagt Mahmoud.

Trotzdem wird massenhaft umgebucht. Zweimal täglich stehe er mit Reiseveranstaltern und Bekannten vor Ort in Telefonkontakt. Zudem informiert er sich über den arabischen Nachrichtenkanal Al Dschasira. Der sendet trotz Nachrichtensperre Live-Bilder aus dem Unruheherd via Internet in die ganze Welt - auch in das familiäre Reisebüro in Deutschlands Westzipfel.

213 Ägypter leben in der Städteregion Aachen, davon 166 in der Kaiserstadt. 135 angehende Akademiker studieren an RWTH und FH. Damit stellen die Ägypter in Aachen immerhin die sechstgrößte afrikanische Bevölkerungsgruppe - nach Marokko (705), Kongo (534), Kamerun (275) und Ghana (243).

Mahmoud trifft seine Landsleute vor allem beim Gebet in der Bilal-Moschee. „Viele machen sich Sorgen, hoffen aber, dass sich die Lage innerhalb der kommenden Woche wieder stabilisiert”, erklärt der Reisekaufmann. „Mir persönlich ist dabei nicht wichtig, ob Mubarak weiter Staatschef bleibt - Hauptsache der Frieden kehrt nach Ägypten zurück.”

Aus Ägypten zurückgekehrt ist an diesem Wochenende unterdessen Hossam Houta. Er glaubt nicht, dass sein Land mit Mubarak an der Spitze zur Ruhe kommt. „Dafür ist jetzt schon zu viel passiert”, sagt Houta. Der 21-Jährige studiert seit zwei Jahren Maschinenbau an der RWTH Aachen. Am vergangenen Mittwoch, ein Tag nach dem Beginn der Unruhen, war er in seiner Heimat Kairo gelandet - ein lange geplanter Familienbesuch, der plötzlich ganz anders als erhofft lief.

„Erst waren die Demonstrationen nicht sehr gewalttätig - trotz Wasserwerfern und Tränengas”, erzählt er. „Am Freitag wurden dann Mobilfunk und Internet abgeschaltet, seit Samstag eskaliert die Lage. Es gibt Plünderungen, Raubüberfälle, und immer wieder hört man Schüsse”, schildert er die Lage vor Ort. Polizei sei kaum zu sehen, dafür umso mehr Militär - und Bürger. „Die Ausgangssperren werden von den meisten ignoriert. Überall gibt es Straßensperren. Die Bewohner stehen vor ihren Häusern und bewachen sie vor Plünderern.” An eine schnelle Lösung des Konflikts glaubt Houta nicht: „Aber ich bin sicher, dass Mubarak gehen wird. Das Volk wird nicht aufgeben, bis der Präsident zurücktritt oder abgesetzt wird.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert