Aachener setzen an Tafeln Zeichen für Vielfalt

Von: Andreas Cichowski
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Gemeinsam essen, trinken und miteinander reden: Zum „Tag der Offenen Gesellschaft“ versammelten sich unter anderem am Theaterplatz zahlreiche Aachener, um gemeinsam ein Zeichen für Vielfalt zu setzen. Foto: Andreas Cichowski
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Vorm Depot an der Talstraße plädierte Künstler Sebastian Schmidt mit seinem Kunstwerkstattmobil für eine offene Gesellschaft. Foto: Andreas Cichowski
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„Schnippelparty“ im Gemeinschaftsgarten Hirschgrün: An der Richardstraße sollte jeder etwas mitbringen, dann wurde gemeinsam gekocht. Foto: Andreas Cichowski

Aachen. Der gemütliche Couchsessel am Abend war gestern. Stattdessen hieß es beim Tag der offenen Gesellschaft am Samstag überall im Land: Tische und Stühle raus und schön eindecken! Freundinnen, Freunde, Nachbarn und Fremde einladen, an einer Tafel gemeinsam essen, debattieren und die Demokratie feiern.

Denn die Initiative Offene Gesellschaft hatte zum „Tag der Offenen Gesellschaft“ aufgerufen. Die Initiative unterstützt und vernetzt Menschen, die darüber nachdenken und debattieren wollen, was es heißt, für etwas zu sein – für Demokratie, für Offenheit und für ein friedliches, bereicherndes Zusammenleben.

Auch in Aachen beteiligten sich Initiativen und Privatpersonen, um gemeinsam ein Zeichen für das Engagement der Bürgergesellschaft, Gastfreundschaft, Großzügigkeit, Vielfalt und Freiheit zu setzen. Auf welche Art und Weise dies geschah, war an jeder Tafel genau so unterschiedlich, wie auch die anwesenden Gäste und die Themen, über die gesprochen wurde.

Die Initiative „Aachen fair & nachhaltig“ lud zur „Schnippelparty“ in den Gemeinschaftsgarten Hirschgrün in die Richard­straße. „Der Garten ist sowieso jederzeit offen für alle“, meinte Alexandra Kessler, die als Teil eines harten Kerns der Initiative ein Vernetzungstreffen für Aachener Initiativen mit organisierte. Mit dabei waren die Initiativen Foodsharing, Eine Welt Forum, Raststätte, Pfannenzauber, Partnerschaft Aachen-Kapstadt, Wandelwerk, Medinetz und das Netzwerk solidarischer Landwirtschaft (SoLaWi). „Wir wollten alle Initiativen einfach mal zusammenbringen“, so Kessler, „damit sie stärker werden und ihre Kräfte bündeln. Letztendlich haben wir alle dasselbe Ziel.“

Da kam ihnen der Tag der offenen Gesellschaft gerade recht, um zusammen mit weiteren engagierten Bürgern im seit fünf Jahren bestehenden Garten, wo früher alte Gebäude standen und sich nun verschiedene Initiativen zusammengefunden haben, ein Zeichen zu setzen. Denn ein öffentlicher Raum sei für alle da und jeder könne sich beteiligen. Deshalb müsse man sich in Zeiten großer städtebaulicher Projekte wie dem Einkaufszentrum Aquis Plaza für die Rettung des öffentlichen Raumes einsetzen.

Eingeladen wurde via Facebook. „Es ist natürlich besser und schöner sich im echten Leben zu treffen“, erzählte Kessler, dennoch seien Facebook oder andere Soziale Medien sehr wichtig für die Vernetzung und ein einfaches Mittel, um Leute zu erreichen. Jeder sollte einfach etwas mitbringen, gemeinsam wurde gekocht und spontan entsprangen viele neue Ideen.

Wünsche auf Zetteln

Ganz anders waren die Ansätze im Kurpark an der Minigolfanlage von Christoph Blümer: „Ich bin diesem Aufruf gefolgt, weil immer deutlicher wird, dass wir die Werte unseres Landes gar nicht mehr kennen.“ Er wolle mit dieser Aktion deutliche Zeichen gegen den Isolationstrend der Menschen setzen und sich für ein vielfältiges artenreiches Aachen einsetzen. „Von amerikanischen jungen Touristen bis hin zu Menschen, die ihre Familienangehörigen im Uniklinikum behandeln lassen, haben wir hier Menschen aller Herrinnen und Herren Länder zu Gast.“

„Welches Land wollen wir eigentlich sein?“ lautete die Fragestellung dort an diesem Abend. Auf Zetteln schrieben die Gäste ihre Wünsche: „Ein Land, in dem Poesie, Liebe, Tanz, Musik, Kunst und Freude sich in Freiheit und Arbeit entfalten kann“, stand auf einem.

„Der 17. Juni ist zudem ein besonderes Datum“, erläutert Blümer. „Es handelt sich um den ehemaligen Tag der deutschen Einheit, an dem 1953 in der DDR Menschen gegen das System rebellierten.“ Zwar müsse heute keiner mehr rebellieren, „doch unser System ist eins, das man weiterentwickeln sollte“, so Blümer. „Der Kurpark ist ein Ort, an dem unter 100 Jahre alten Bäumen ständig ruhige und neue Kontakte zwischen Menschen stattfinden können. Diesen Aachener Wert gilt es neu zu entwickeln.“

Entwickeln möchte man auch am Depot in der Talstraße etwas: Am „Dornröschenschloss“, wie sie das Depot nennen, will sich die Initiative „Dornröschenschlaf“ für ein offenes Depot einsetzen – ein Thema, das an dieser Tafel zur Sprache kam. Zurzeit müsse man viel zu hohe Mieten zahlen, die sich keiner leisten könne, sagte ein Teilnehmer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Deshalb werde man nun rund um das Depot in den nächsten Monaten einige Aktionen starten, um auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Bereits am Wochenende zuvor habe die Initiative einen weißen Ring mit drei Metern Durchmesser im Kennedypark symbolisch für Öffnung und Verbundenheit aufgestellt. Mittlerweile sei dieser „knallbunt“ mit Symbolen und Botschaften. Weitere Themen an dieser Tafel waren die Energieversorgung, die Menschenkette gegen Tihange und Projekte im Stadtteil. So wolle man auch ein Straßenfest in der Tal­straße organisieren, um Menschen wieder zusammenzubringen.

Eine ganze Spielzeit lang hat das Theater Aachen unter dem Motto „Raus aus der Komfortzone“ gestanden und auf vielfältige Weise sein Publikum animiert, sich zu engagieren und sich mit anderen Menschen zusammenzutun. An einer großen Tafel am Theaterplatz trafen sich daher abschließend viele Tafeln und ließen den Abend entspannt bei weiteren Gesprächen ausklingen – denn je mehr Menschen an den Tafeln Platz nahmen, desto größer wurde das gemeinsame Zeichen.

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