Aachener Sektion des Deutschen Alpenvereins: Ein Stück Bergwelt

Von: Hans-Peter Leisten
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Viel mehr als „nur“ Klettern: Mit Erfolg sind die jungen Mitglieder beim Sportklettern dabei. Foto: Andreas Steindl
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Viel mehr als „nur“ Klettern: Spektakulär wurde das Dutch Mountain Film Festival in Kooperation mit den Niederlanden angekündigt. Foto: DAV
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Viel mehr als „nur“ Klettern: Vorsitzender Norbert Balser lädt zum Stöbern in der Bibliothek. Foto: Andreas Steindl
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Viel mehr als „nur“ Klettern: Auch die Befestigung der Wege zur eigenen Hütte gehört zu den Aufgaben des DAV. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Meistens erntet Norbert Balser ungläubige Blicke, wenn er die Mitgliederzahl „seines“ Vereins nennt: 5100. So viele Mitglieder hat die Aachener Sektion des Deutschen Alpenvereins. Eine bemerkenswerte Zahl für eine Region, in der der Lousberg und die Höhen der Eifel topographisch herausragen.

Aber die wirkliche Bergwelt ab dem Allgäu übt eine große Anziehungskraft aus. Bergsport ist „in“, vor allem bei der Jugend. Woraus diese Entwicklung resultiert, wie die Aachener Sektion richtiges Verhalten in den Bergen trainiert und welche enorme Bandbreite der Alpenverein abdeckt, erzählt deren Vorsitzender Norbert Balser im Samstagsinterview.

Die Urlaubszeit naht – da fragt man den Vorsitzenden einer Alpenvereinssektion nicht, ob er in die Berge fährt, sondern in welche Berge. . .

Balser: Irrtum. Meine Frau und ich fahren nach Aarhus in Dänemark, die diesjährige Kulturhauptstadt Europas. Uns interessiert dieses Angebot sehr.

Statt Bergen?

Balser: Die kommen selbstverständlich auch noch dieses Jahr. Ohne Berge geht es nicht. Ich werde mehrfach zur Hütte unserer Sektion, zur Anton-Renk-Hütte, fahren, um den Kontakt zu den Menschen dort zu halten und um die turnusmäßige Fortbildung als Trainer C Bergsteigen zu absolvieren.

Wie können die Mitglieder der Sektion Aachen, die ja die gesamte Städteregion umfasst, die Hütte nutzen?

Balser: Die Hütte liegt im Ötztal auf einer Höhe von gut 2260 Metern Höhe und ist nicht bewirtschaftet. Dafür haben wir uns bewusst entschieden, sie soll einen Kontrapunkt zum heutigen Alpentourismus zu setzen.

Heißt konkret?

Balser: Man muss zum Beispiel die Verpflegung komplett mitnehmen. Holz ist vorhanden, muss aber noch gehackt werden. Das Wasser kommt aus einem eigenen Brunnen. Die Hütte wurde 1926 vom Österreichischen Gebirgsverein gebaut und von der Sektion Aachen im Jahr 1939 gekauft, Zielgruppe sind Familien. Wir haben uns für die Einfachheit entschieden. Wer einmal oben war, der empfindet eine große Verbundenheit. Die meisten Hütten werden immer luxuriöser, das wollen wir nicht.

Steht die Hütte allen offen?

Balser: Grundsätzlich ja, aber Sektionsmitglieder haben Vorrang. Sie bietet auch nur maximal 20 Plätze.

Wie machen Sie die Menschen in der Region fit für die Berge?

Balser: Sehr viel kann tatsächlich hier vor Ort in Aachen stattfinden. Zum Beispiel Workshops für die theoretischen Grundlagen, Technikfragen und Lawinenkunde. In der näheren Umgebung gibt es ausreichend Möglichkeiten für die praktischen Übungen. Zum Beispiel in unserem Übungsgelände im Steinbruch in Kelmis oder im Emscherpark in Duisburg. Spaltenbergung trainieren wir sogar am Kupferbachstausee im Aachener Wald.

Geht es nicht in die Berge?

Balser: Selbstverständlich doch. Dort bieten wir unsere Wochenkurse in verschiedenen Gebieten an (siehe Zusatzbox unten).

Wie heterogen ist die Mitgliedschaft der Aachener Sektion?

Balser: Absolut, quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Wir haben derzeit 5100 Mitglieder und in den letzten Jahren einen kontinuierlichen Zuwachs von vier Prozent pro Jahr.

Woher resultiert dieser Zulauf?

Balser: Das Sportklettern hat schon länger Zulauf. Es gibt wieder einen echten Trend zum alpinen Sport, nicht nur in den Kletterhallen, auch in freier Natur. Wir profitieren vom Outdoor-Boom. Das Bouldern, also das Klettern ohne Seil und Gurt am Felsen, ist sehr attraktiv. Skitouren, Schneeschuhgehen und Hüttentouren sind bei Jugendlichen enorm beliebt. Wir sind in Aachen zwar Stützpunkt für das Wettkampfklettern, setzen aber stark auf unsere sehr gute, ganzheitliche Jugendarbeit.

Was bedeutet?

Balser: Es geht um Gemeinschaft, um das Bergsteigen insgesamt, um das Erleben in der Gruppe. Hier gibt es keinen Wettkampfgedanken. Aber Klettern ist mitnichten eine exklusive Domäne der Jugend. Wir haben sogar eine „50+ Klettergruppe“. Interessant ist übrigens, dass Frauen oft mutiger beim Klettern sind.

Stehen die vielfältigen Ausbildungsangebote allen offen?

Balser: Längerfristige Angebote eher den Mitgliedern. Das hat einen einfachen Grund: Die Ausbildung für und über unsere Übungsleiter ist sehr kostspielig und muss über die Vereinsbeiträge finanziert werden. Aber eines ist ganz wichtig: Die Aachener Sektion mit ihrer Geschäftsstelle ist gerne Ansprechpartnerin für alle, die Fragen zu den Bergen und zum richtigen, naturgemäßen Verhalten in den Bergen und zur Planung eines Aufenthaltes haben.

Welche Rolle spielt der Naturschutz?

Balser: Eine sehr große. Uns geht es grundsätzlich um die Achtung der Natur und gleichzeitig um die Nutzung der Natur. Diesen Spagat müssen wir ständig vollziehen. Anfangen kann man damit aber bereits vor Ort.

Wie beziehungsweise wo denn das?

Balser: Viele unserer Mitglieder sind auch Mountainbiker, eine Sportart, die man nicht nur in den Bergen, sondern auch sehr gut in der Region betreiben kann. Das Mountainbiken erhält immer mehr Zuspruch, dies verändert die Nutzerstruktur im Aachener Wald. Die Mountainbiker sind eine Nutzergruppe. Wir streben eine Lenkung über ein Wegenetz an und haben hier eine sehr gute Kooperation mit dem Verein „Geländefahrrad Aachen“, der hier schon sehr viel getan hat.

Es geht um das verträgliche Miteinander der verschiedenen Nutzergruppen des Waldes. Mit einer MTB-Tour am 24. August 2017 wollen wir dieses thematisieren. Wir wollen den Fokus stärker auf den Naturschutz richten. Aus diesem Grund haben wir auch wieder Gespräche mit der Volkshochschule aufgenommen. In diesem Kontext stehen zum Beispiel die Bemühungen, mit der VHS die Ausstellung „Alpen unter Druck“ als Wanderausstellung nach Aachen zu holen. Grundsätzlich bin ich ein großer Freund der Netzwerkarbeit. Die hat sich zum Beispiel in diesem Jahr wunderbar beim Dutch Mountain Film Festival (DMFF) im Februar bewährt.

Eine neue Einrichtung?

Balser: Das Festival mit Filmen zum Thema Berge gibt es schon länger. Es wurde vor sieben Jahren von Toon Hezemans und Thijs Horbach in Heerlen gestartet. Fast von Beginn an kooperieren wir mit DMFF. Mit dem Apollo-Kino als professionellem Partner haben wir letztes Jahr erstmals auch in Aachen Filme zeigen können. Das Festival ist auch in der Filmszene längst international anerkannt. Wir würden es gerne euregional in Richtung Belgien ausweiten. Die Planungen für den Herbst 2018 sind angelaufen. Man sieht: Der Aachener Alpenverein ist in viele Richtungen offen.

Wie denken Sie denn über Klettern als olympische Disziplin, was es 2020 in Tokio erstmals sein wird?

Balser: Unser Dachverband ist darüber sehr glücklich, weil man so auch ganz andere Mittel für den Leistungssport akquirieren kann. Ich persönlich habe aber etwas die Befürchtung, dass sich der DAV-Verband zu sehr in Richtung Leistung orientiert und der einzelne Athlet zu sehr in den Hintergrund tritt. Gerade bei den jüngeren Sportlerinnen und Sportlern darf man die Gesundheit nicht aus dem Blick verlieren. Wir müssen die Entwicklung begleiten – der Alpenverein hat aber auch hier eine sehr schöne Diskussionskultur entwickelt. Anders als im Fußball haben die einzelnen Unterverbände, also Sektionen, Einfluss auf den Dachverband.

Die Aachener Sportlandschaft ist seit Jahren von der Hallenproblematik begleitet. Muss der Alpenverein in dieses Klagelied einstimmen?

Balser: Eine zweite Halle wäre sehr hilfreich. Die Kooperation mit Tivoli-Rock ist sehr gut, aber die Halle ist für deutsche Verhältnisse in die Jahre gekommen. Wir halten es als Aachener Sektion nicht für undenkbar, eine Halle selbst zu bauen. Das wäre zu stemmen – aber nicht, wenn wir selbst das Grundstück kaufen müssen. Da geht es uns wie anderen Vereinen auch. Man müsste uns das Gelände zur Verfügung stellen, aber uns ist auch klar, dass dies sehr schwierig ist.

Gibt es das Modell einer DAV-Sek-tionshalle in anderen Städten?

Balser: In anderen Städten gibt es enorm viele Sektionshallen. Denkbar wäre auch ein Synergieeffekt, indem man zwei Hallen - zum Beispiel gemeinsam mit dem PTSV für Volleyball – errichtet und gemeinsam die Infrastruktur nutzt. Auch ein kommerzieller Betreiber wäre völlig in Ordnung. Unsere Sektion muss nicht unbedingt Eigentum erwerben.

Wäre aber trotzdem ein Knaller zum 125. Geburtstag des Vereins in zwei Jahren . . .

Balser: Klar. Aber auch sonst werden wir den Geburtstag nutzen, um uns ein Stück in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Parallel wird ja auch der Dachverband des Alpenvereins 150 Jahre alt. Wir hoffen, dass wir den Krönungssaal für einen Festakt zur Verfügung gestellt bekommen. Wir arbeiten an einer Chronik und einem Video von jugendlichen Filmemachern. Das Rahmenprogramm ist offen, wir haben aber noch viele Ideen.

Weitere Einblicke in die Aachener Sektion: Angebote und Grundinformationen

Anschrift: Sektion Aachen des Deutschen Alpenvereins, Römerstraße 41–43, D-52064 Aachen,
4014387, Fax 0241/74014388, info@dav-aachen.de; Öffnungszeiten: Donnerstag: allgemein 16 bis 20 Uhr; Bibliothek: 16 bis 20 Uhr; Materialrückgabe: 16 bis 18 Uhr; Materialausleihe: 18 bis 20 Uhr.

Jugendgruppen: Die Jugend des Alpenvereins umfasst alle Mitglieder bis einschließlich 26 Jahre. Geboten werden sechs offene Jugendgruppen, die sich nach Altersklassen aufteilen. Die Gruppen treffen sich wöchentlich zum Klettern und unternehmen Fahrten. Parallel gibt es einen Wettkampfzweig für Kinder und Jugendliche.

Wettkampfklettern: Im Gegensatz zu den Jugendgruppen stehen hier die sportlichen Leistungen im Vordergrund: Die Trainer verfügen über viel Wettkampferfahrung und trainieren mit der Gruppe gezielt auf die verschiedenen Arten der Wettkämpfe hin, wie Bouldern, Lead und Speed. Geklettert wird vornehmlich in der Kletterhalle Tivoli-Rock.

Ausbildung für Mitglieder: Das Ausbildungsreferat bietet den Mitgliedern der Sektion Kurse und Workshops in allen Bereichen des Bergsports.

Aktivitäten: In der Sektion gibt es verschiedene aktive Gruppen, in denen Treffen, Fahrten und Expeditionen unternommen werden. Generell sind die Gruppen offen für alle Interessenten.

Lichtbildvorträge: Die Lichtbildvorträge haben im DAV eine lange Tradition. Mit regelmäßig weit über 100 Besuchern stoßen die Vorträge auf großes Interesse – der inhaltliche Schwerpunkt liegt meist auf Reise- und Expeditionsberichten, zu denen teils atemberaubende Bilder gezeigt werden. Geboten werden im Winterhalbjahr jeweils sechs Vorträge an.

Klettergarten Kelmis: Die Aachener Sektion betreibt im belgischen Kelmis einen kleinen Kletterfelsen. Die Wand ist aus einem ehemaligen Steinbruch unterhalb der Eyneburg entstanden und bietet schöne und gut abgesicherte Kalkstein-Kletterei. Es gibt etwa 30 Kletterrouten, die meisten davon im 5., 6. und 7. Schwierigkeitsgrad.

Hütten: Die Sektion Aachen unterhält drei Hütten, die sich als Stützpunkt für unterschiedlichste Aktivitäten eignen. Alle Hütten stehen sowohl Mitgliedern der Sektion als auch Nicht-Mitgliedern zur Verfügung: Anton-Renk-Hütte Oberinntal, Österreich; Eifelheim Blens im Rurtal; Haus Rohren, Monschau.

Natur und Umwelt: Wie können die Aktivitäten in der Natur und in der Alpenvereinssektion umweltfreundlich, naturverträglich und nachhaltig ausgeübt werden? Der Arbeitskreis Umwelt diskutiert diese Fragen und erarbeitet Lösungen, die in der Sektion umgesetzt werden können. Alle Mitglieder, die sich engagieren möchten und etwas bewegen wollen, sind eingeladen mitzumachen.

Weitere Hinweise unter www.dav-aachen.de.

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