Aachen - Aachener proben den Aufstand: Paternoster bleibt in Betrieb

Radarfallen Bltzen Freisteller

Aachener proben den Aufstand: Paternoster bleibt in Betrieb

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
10189697.jpg
Einklemmgefahr gebannt: Der Aachener Paternoster ist trotzdem für Besucher tabu. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Weiterfahrt ungefährlich“ kündigt das Schild im Paternoster vor dem letzten Stockwerk (und der Richtungswende) an. Trotzdem darf der im Kreis fahrende Nostalgieaufzug nach über einem halben Jahrhundert Laufzeit im Aachener Verwaltungsgebäude an der Hackländerstraße nicht mehr von Besuchern bestiegen werden. Tatsächlich drohen hohe Bußgelder.

Denn seit dem 1. Juni gilt, dass die betagten Rundlauflifte in ganz Deutschland nur noch von „vom Arbeitgeber eingewiesenen Personal“ benutzt werden dürfen – so will es eine neue Verordnung des Bundesarbeitsministeriums. Jetzt wird nach Ausnahmegenehmigungen gesucht. Was dauern kann. Bis dahin ist die Vorschrift bindend.

Doch während andernorts bereits Paternoster in Hotels und öffentlichen Gebäuden zwangsstillgelegt wurden, dreht das denkmalgeschützte Aachener Modell, Baujahr 1961, im Verwaltungsturm neben dem Hauptbahnhof weiter seine Runden. Bei hiesigen Beamten erntet die ministerielle Regulierungswut wahlweise Kopfschütteln oder Spott. Auf jeder der zehn Paternoster-Etagen warnt nun eine amtliche Aufschrift vor illegaler Mitfahrt: „Benutzung für Besucher nicht erlaubt!“ Wer das Stockwerk wechseln will, soll die Treppe nehmen – oder einen „regulären“ Aufzug in einem weit entfernten Gebäudetrakt. Auf Nachfrage räumt das Presseamt ein, dass die Stadt mitnichten daran denkt, Sicherheitspersonal auf jeder Etage zu postieren, um ab sofort „Schwarzfahrer“ dingfest zu machen.

Eine Runde in 5:15 Minuten

Apropos: Eine Runde Paternoster im Aachener Verwaltungsgebäude, dessen Fundament 1924 gebaut wurde und das ebenfalls komplett unter Denkmalschutz steht, dauert exakt fünf Minuten und 15 Sekunden. Es geht gemächlich mit etwa 30 Zentimetern pro Sekunde zehn Etagen rauf und runter. Dazwischen wird‘s düster, wenn die Kabinen unten und oben im Schacht rumpelnd die Seiten wechseln. Dabei werden die Kabinen umgesetzt, nicht umgedreht. Sonst würde man kopfüber in die andere Richtung weiterfahren... Allerdings fällt beim Wendemanöver kaum Licht in die Kabine, die höchstens zwei Personen befördern darf. Spannend ist das.

Vor zehn Jahren hat die Stadt den Verwaltungsturm inklusive Paternoster umfassend saniert. „Das Treppenhaus, in dem sich der Paternoster befindet, wurde als Sicherheitstreppenraum mit Überdrucklüftung ausgebaut“, erklärt Axel Costard vom Presseamt. „Das hatte zur Folge, dass die – brennbaren – Böden der offenen Kabinen des Paternosteraufzugs aus Brandschutzgründen mit nicht brennbaren Bodenbelägen ausgestattet werden mussten. Aus Gewichtsgründen wurden Alu-Bleche eingesetzt“, ergänzt er. „Die Kabinen wurden repariert und die beweglichen Klappen – also der Einklemmschutz – an den Anschlüssen der Geschossdecken erneuert“, sagt Costard. Damit habe man nicht nur die Anforderungen des Denkmalschutzes erfüllt, sondern in Absprache mit dem TÜV auch alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen verwirklicht, heißt es. Von irgendwelchen Unfällen im Zusammenhang mit dem Aachener Paternoster ist ohnehin nichts bekannt.

Der Paternoster gilt als enorm effektives Transportmittel, weil wie bei einer Rolltreppe fast durchgehend Menschen auf- und aussteigen können, ohne jeweils die Beförderung anzuhalten. In höheren Gebäuden kommt die Technik wegen der längeren Fahrzeit schon seit Jahrzehnten nicht mehr zum Einsatz. Gleichwohl genießen die wenigen in Deutschland verbliebenen Paternoster-Exemplare nicht nur bei Nostalgikern Kultstatus.

In Städten wie Wuppertal und Frankfurt wurden Anfang der Woche bereits mehrere Paternoster abgeschaltet. Es sei nicht zu gewährleisten, dass künftig nur noch „eingewiesenes Personal“ in die Kabinen gelange, heißt es aus vielen Städten. In Aachen sieht man sich dennoch auf der sicheren Seite und lässt die Sache laufen – weil das Benutzungsverbot unmissverständlich und unübersehbar am Paternoster klebt. Wer‘s ignoriert, dürfte aber wohl in der Kaiserstadt ziemlich ungefährdet weiterfahren – jedenfalls so lange es keiner merkt. Übrigens: Anschauen ist natürlich erlaubt. Das Verwaltungsgebäude öffnet heute um 8 Uhr.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert