Aachen - Aachener Krimitage: Der Zuhörer läuft, fühlt und jagt mit

Aachener Krimitage: Der Zuhörer läuft, fühlt und jagt mit

Von: Dieter Spoo
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Auftakt der Krimitage: Im alten Schwurgerichtssaal las Max Annas „Illegal“, links Marion Mika vom Frankenberger Buchladen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ein Schluck Rotwein, ein bisschen Labello auf die Lippen: „Laut genug?“ Max Annas beginnt zu lesen. Er entführt die Zuhörer aus der bürgerlichen Behäbigkeit des neoromanischen Schwurgerichtssaales im Justizzentrum am Adalbertsteinweg in die nächtlichen Straßenschluchten Berlins, die in seinem Krimi „Illegal“ eine wichtige Rolle spielen.

In diesem Berlin versucht Kodjo, ein 31-jähriger Ghanaer, „den Bullen“ zu entkommen. Durch Zufall ist er in eine Drogenrazzia geraten. Und er muss trotz aller Unschuld einfach weg. Denn Kodjo ist ein Illegaler. Ihn darf es hier gar nicht geben. Und dennoch lebt er seit Jahren in Berlin, schlägt sich durch mit kleinen Jobs und ein paar Freunden, die ihm helfen.

Bloß nicht auffallen! Und ausgerechnet Kodja beobachtet aus einem seiner dunklen Verstecke heraus den Totschlag an einer Prostituierten. Bald wird er doppelt gejagt. Von den wahren Tätern, die ihn zum Täter machen wollen und der Polizei, die Illegale wie ihn in Abschiebehaft nehmen müssen. Kolja dreht den Spieß um und wird als Gejagter zum Jäger um den wahren Täter zu stellen.

Der Zuhörer läuft einfach mit, wenn der geübte Sprinter die Bullen abhängt. Er befindet sich mit Kodja in dem kleinen Laden für Lebensmittel und Schönheitsprodukte in Moabit, in dem er mit seinen Freunden die Lage berät.

Und der Besucher fröstelt in der unmöblierten, muffigen Abrisswohnung in der Kodja lebt und hofft, nicht entdeckt zu werden.

Max Annas, 54 Jahre alt, kommt vom Film und hat lange als Journalist gearbeitet Er schreibt Bilder und Bewegung. Seine Sätze sind knapp und klar, die Kapitel kurz. Max Annas liest ruhig und betont. Dennoch bannt er die Zuhörer durch die Lebendigkeit und Plastizität seines geschriebenen Wortes. Sein Thriller „die Mauer“ gewann dieses Jahr den deutschen Krimipreis. Der neue Krimi „Illegal“ wird die Leser ebenfalls begeistern.

In den von Annas gelesenen Passagen geht es weniger um die Krimiseite des Romans. Er präsentiert den Zuhörern die Gefühlswelt eines Menschen, der zum Schattendasein gezwungen ist. Er weist uns auf die Realität von Zigtausenden hin, die illegal in Deutschland leben. Dutzende davon auch in Aachen.

Aber: Woher weiß ein weißer Urkölner aus Nippes, wie ein schwarzer Illegaler fühlt? Nehmen jetzt die Weißen den Schwarzen auch noch ihre Geschichten weg?

Annas erzählt von seinem langen Leben in Südafrika und betont seine intensiven Kontakte zu Schwarzen in Berlin, wo er seit Jahren lebt.

Er sagt: „Als Dramatiker muss ich eine fremde Perspektive einnehmen, die dann allerdings so redlich wie möglich beleuchtet werden muss. Wenn Männer über Frauen schreiben und umgekehrt geht das ja auch!“

Wie dem auch sei: Die Geschichte ist Fiktion, verwebt viele erzählte Schicksale zu einem und wirkt einfach echt. Eine hochspannende Lesung, die in eine Lebensrealität führt, die sich kaum einer von uns vorstellen kann. Die Krimihandlung bleibt an diesem Abend ein wenig auf der Strecke, aber die neugierigen Zuhörer sollen das Buch ja auch kaufen.

Fazit: Ambiente und Autor stimmten, ein geglückter Abend, der Lust entfacht auf die weiteren Lesungen der 7. Aachener Krimitage.

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